Goulds Buch der Fische

von Richard Flanagan

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Richard Flanagans erstaunlicher Roman "Goulds Buch der Fische" führt in die Unwirtlichkeit einer australischen Sträflingskolonie, um den europäischen Literaturkanon aufzumischen.

Das Erste, was einem an Richard Flanagans Roman "Goulds Buch der Fische" auffällt, ist die von Kapitel zu Kapitel wechselnde Farbe der Schrift: "Der Mann schrieb farbig, ja ich habe den Verdacht, er fühlte farbig", erklärt zu Beginn ein Antiquitätenhändler, der Goulds Buch in einem Antiquariat aufstöbert. Dergleichen weckt Assoziationen: Da gab es doch einmal einen in farbiger Schrift gesetzten Erfolgsroman namens "Die unendliche Geschichte"? Und Typen, die zufällig geheimnisvolle Bücher entdecken, sind eine der wichtigsten Topoi des postmodernen Romans. Was geht hier vor?

Im ersten Kapitel seines Buches erzählt Gould, dass ihm das Wasser buchstäblich bis zum Halse reicht: In seiner Zelle, in die der Maler und Fälscher um 1828 auf einer Sträflingsinsel vor Tasmanien geworfen wurde, steigt das Wasser mit jeder Flut bis knapp unter die Decke. Gould schreibt über die Zustände in der Strafkolonie mit allem, was ihm in die Hände kommt - daher auch die unterschiedlichen Schriftfarben in den verschiedenen Kapiteln. Sein Lebensweg vom englischen Waisenkind zum Gangster hat ihn schließlich zu den Antipoden geführt, in die unbegreifliche Terra australis, die abgewandte Seite der Welt oder, wie die Engländer sagen, down under.

Trotz dieser Weltabgewandtheit sind uns aber viele der literarischen Motive, die in Goulds Buch aufgegriffen werden, vertraut: Es werden Strophen aus dem Hohelied Salomons und dem Evangelium nach Johannes paraphrasiert, die Szene einer nicht intendierten Beschneidung durch ein herabfallendes Fenster kennt man aus "Tristram Shandy" - um nur einiges aufzulisten, was Flanagan aus der Literaturgeschichte "geklaut" hat. Goulds Buch der Fische "klingt" wie eine gesampelte Version des literarischen Kanons. Versucht sich Richard Flanagan als Puff-Daddy der zeitgenössischen Literatur?

Die Erzählung selbst liest sich wie ein Roman von Charles Dickens, für manche Figuren könnte auch Thomas Pynchon Pate gestanden haben. Etwa für Dr. Tobias Achilles Lempriere und seinen Rieseneber Castlereagh oder den Kommandanten der Strafkolonie, einen wahnsinnigen Syphilitiker mit einer goldenen Maske vor dem Gesicht. Diesem schickt seine Schwester aus England schwärmerische Briefe über den grandiosen Fortschritt in Europa - prompt will er Europa auch auf seiner Insel wieder erstehen lassen, komplett mit Handelsniederlassungen, Schloss und einer Eisenbahnlinie.

Dr. Lempriere sammelt im Auftrag eines Kollegen der Royal Society Fauna, Flora und die Köpfe von Ureinwohnern des Van-Diemens-Landes - vor dem die Sträflingsinsel liegt - und schickt sie nach London. Außerdem gibt er dem Häftling Gould den Auftrag, Fische nach der Natur zu malen - das soll Lempriere wissenschaftliche Meriten verschaffen. Sein Wunschtraum, in die Royal Society aufgenommen zu werden, erfüllt sich auf seltsame Weise, nachdem er von seinem Schwein aufgefressen worden ist: So gerät sein Schädel unter die für seinen Kollegen bei der Royal Society bestimmten Eingeborenenköpfe. Ausgerechnet an ihm führt dieser Kollege den wissenschaftlichen Beweis, dass der "tasmanische Eingeborene", den er vor sich zu haben glaubt, als rassisch minderwertige Existenz auf der Stufe eines Tieres stehe.

Es gibt eine Erzählung von Franz Kafka mit dem Titel "In der Strafkolonie". Ihr Hauptmotiv ist die "Einschreibung des Gesetzes" in den menschlichen Körper. Sie schildert präzise und auf nahezu unerträgliche Weise die Funktion von Wissenschaft, Literatur und Geschichtsschreibung bei der "Vernichtung" der einfachen Menschen. Diese Erzählung ist der Schlüssel zu Flanagans Roman - er basiert auf ihrem Hauptmotiv, selbst wenn er uns vordergründig mit grell ausgemalten Schreckensszenen und grotesken Charakteren unterhält.

Der Kommandant und sein Geheimdienstchef Jorgensen versuchen, die Strafkolonie als europäisches Musterland zu führen und ihre Geschichte dementsprechend umzulügen: Nie hat es ermordete Ureinwohner, grausam zu Tode gequälte Häftlinge und brutale Wärter gegeben. Doch Jorgensen wird schließlich von seinen falschen Geschichtsbüchern erschlagen, den Kommandanten zerstückeln die eigenen Leute, das Experiment Europa versinkt in Feuer und Asche, denn "es gibt kein Europa, das es wert wäre, imitiert zu werden". Die "europäische Tradition", so hält Flanagan seinen australischen Landsleuten vor, diene ihnen bloß dazu, sich aus der eigenen Wirklichkeit zu stehlen; zugleich benutzten sie diese als Ausrede für die eigene Unmenschlichkeit: "Es waren eben nicht die Engländer, die uns das alles angetan haben, sondern wir selbst: Sträflinge peitschten Sträflinge und pissten auf Schwarze und bespitzelten einander ..."

Flanagans Antipode zur europäischen Tradition ist der Verbrecher-Künstler Gould, der malt, um nicht im Urwald schuften zu müssen, und dabei eine Liebe zu seinen Motiven, den Fischen, entwickelt. Zwar retten sie sein Leben nicht, doch lässt ihn die Liebe am Ende selbst zum Fisch werden. Goulds Kunst ist - auch das eine Kafka-Paraphrase - "möglicherweise die Axt, die das gefrorene Meer da drinnen aufhackt und die Toten weckt und sie in die Freiheit schwimmen lässt". Im Kontakt mit diesem Antipoden verändert sich auch der literarische Kanon. Was für uns längst zur vergötzten Salzsäule erstarrt ist, wird durchs Flanagans Roman wieder ein bisschen lebendig. Bewundernswert, was ein Dieb und Fälscher alles zuwege bringt.

Christian Zillner in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 20)


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