Proleterka

von Fleur Jaeggy, Barbara Schaden

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Wenn ein Roman nur 120 schmale Seiten füllt und es wert sein soll, als solcher bezeichnet zu werden, kann man seinen Stil nur "verdichtet" nennen. Fleur Jaeggys "Proleterka" ist ein denkbar verdichtetes Buch. Ein Buch, von dem man jeden Satz in sich einatmet, langsam und beklommen - und am Ende den Eindruck hat, mindestens 300 Seiten gelesen zu haben. Der Stoff ist klassisch, die Geschichte einer unglücklichen Familie oder vielmehr einer nicht gerade glücklichen Rumpffamilie, "zwischen Gleichgewicht und Verzweiflung".

Nach dessen Tod erinnert sich die bei der Großmutter aufgewachsene Tochter an die Zeit, die sie mit ihrem Vater verbracht hat. Zwei lange kurze Wochen dauerte die Bildungsreise nach Griechenland auf der "Proleterka", einem jugoslawischen Schiff mit der Anmutung eines Kriegsgeräts, wo die mitreisenden Zunftbrüder des verarmten Vaters das Mädchen die soziale Differenz bitter spüren ließen - das Mädchen noch keine sechzehn, der Vater fast siebzig. "Glatte weiße Haare, gescheitelt. Die Augen hell und eisig, unnatürlich." Beklemmend distanziert ist der Blick der Tochter, der Icherzählerin, auf den Vater ("Johannes, die mir bis zur Unwahrscheinlichkeit unbekannte Person"), aber auch der des Vaters auf die Tochter, über die er einst Tagebuch führte, lakonisch, "wie Antworten in einem Fragebogen. Keine Eindrücke, keine Gefühle. Das Leben wird vereinfacht, als wäre es nicht vorhanden."

Am Anfang der Reise fragt der Vater, ob die Tochter zufrieden sei. "Als wäre das unsere fixe Idee von Vater und Tochter. Der Zwang, nicht traurig zu sein. Die Traurigkeit, die uns grundlos gezeichnet hat, zu verheimlichen." Am Ende steht die zärtliche, traurige Beschwörung einer Lebenshaltung, die keine Bindung kennt, die die Erfahrung verweigert und schon gar nicht bereit ist, die Wahrheit nur um der Wahrheit willen auszusprechen. "Wenig ist wirklich notwendig. Manche Kinder regieren sich selbst. Das Herz, ein unverderblicher Kristall. Sie lernen vorzutäuschen. Und die Fiktion wird der aktivste Teil, verführerisch wie Träume. manche Kinder besitzen die Gnade der Loslösung."

"Proleterka" ist getragen von der eiskalten, glasklaren Trauer um den Verlust von etwas, was man nie besessen hat. Eine Liebeserklärung ohne Liebe (wenn es so etwas gibt), nicht düster, sondern von einer seltsamen Schwerelosigkeit. Und mit einem überraschenden, nein, irritierenden Ende, das hier nur angedeutet werden soll mit der Frage: Was wäre, wenn das, womit man sich abgefunden hat, gar nicht das war, wofür man es gehalten hat?Wenn ein Roman 570 gut gefüllte Seiten umfasst, wird er oft als ausufernd bezeichnet. 570 Seiten ohne Leerläufe und Wiederholungen - das ist wahre Meisterschaft. Eine Meisterschaft, die A.L. Kennedy, einer der renommiertesten Autorinnen Schottlands, schon oft nachgesagt und zugeschrieben wurde - für stärker geraffte Werke wie "Aufforderung zum Tanz" oder "Gleißendes Glück". Auch Kennedys neuer Roman, "Alles was du brauchst", handelt von einem Vater und einer Tochter. Einer fernen Tochter, die Nathan Staples, Verfasser von Erfolgsromanen, "formelhaftem Horrortrash", als Stipendiatin auf eine walisische Insel holt, bewohnt von einer sektiererischen Gemeinschaft, einer Hand voll Schriftstellern, Spinnern, Selbstmordverliebten und Wahrheitssuchern.

Mary Lamb, unschuldige 19 Jahre alt, hat gerade ihre Jungfräulichkeit verloren und ahnt nicht im Entferntesten, wer der unnahbare, ruppige Mann ist, der ihr als künstlerischer Mentor vorgestellt wird. Und Nathan hat Angst, quält sich mit der bangen Frage: Wie sage ich es ihr? Möchte auf Nummer sicher gehen, Mary nicht verschrecken und vertreiben. Es gelingt ihm, ihr Vertrauen zu erringen, sie zu beeindrucken. Aber es gelingt ihm nicht, seine Feigheit zu überwinden. Sieben Jahre, unzählige Spaziergänge an den Klippen, Diskussionen über das Schreiben und Ausflüge nach London später ist Mary immer noch nicht im Bilde über die Identität des Mannes, zu dem sich eine ebenso vorsichtige wie intensive Beziehung entwickelt hat.

Dazwischen wird der Leser ausführlich ins Bild gesetzt über die menschlichen Verwirrungen und Verirrungen, vom Arsenal der Perversionen bis zu den Auswüchsen des Literaturbetriebs. Obwohl er sich eigentlich nur dafür interessiert, wann Nathan "es" Mary endlich sagen wird, wird seine Geduld immer wieder auf die Probe gestellt, manchmal ausgereizt durch die vielen langen, nicht immer substanziellen, oft redundanten Gespräche und vor allem die quälende Eins-zu-eins-Abbildung des Bewusstseinsstroms, des unaufhörlichen Plapperns, Stammelns, Fluchens, Flehens vor allem Nathans ("Scheiße, Scheiße, Scheiße", "du bescheuerter, eigensüchtiger Arsch", "mein Gott, ist das ekelhaft"). Dem Leser drängt sich eine zweite Frage auf: Wenn der Mensch wirklich so denkt (so trivial, so klischeehaft, so egozentrisch), muss das auch alles haarklein wiedergegeben werden?

Die Kunst, die grausame Kunst A.L. Kennedys liegt aber gerade darin - die Spannung ins Unerträgliche zu steigern, um dem Leser derweil Aufmerksamkeit für all die unangenehmen Details und Wahrheiten abzunötigen, für das würdelose Gebaren gescheiterter Existenzen, die allerdings von der Autorin nie verraten werden. Nicht die wortkarge, sich überlegen gebende und sich im Selbstmitleid suhlende Gestalt des Vaters; nicht Nathans Lektor und bester Freund Jack, ein selbstdestruktiver Londoner Szenemensch und Lebemann, der sich systematisch zugrunde richtet. Aber auch nicht Maura, die Mutter, die einst den Vater verlassen und die Tochter später bei den zwei schwulen "Onkeln" Bryn und Morgan abgeliefert hat, dem rührenden Pärchen, bei dem Mary aufwuchs.

So unterkühlt und reduziert Fleur Jaeggys Prosa ist, so wuchernd und überhitzt ist diejenige Kennedys. Hier wie dort richtet sich das Interesse der Autorin auf den Vater, bleibt die Tochter die leere Stelle, um die herum der Roman geschrieben wird. Sie muss mit dem Appell leben, glücklich oder wenigstens zufrieden zu sein. Aber glückliche Menschen gibt es in beiden Welten nicht, keinen Lebensmut, keine Lebenslust und schon gar keine direkte Kommunikation. So unsagbar fern die Gestalt des Johannes bleibt, so unerträglich nahe kommt einem die des Nathan, der in einer verklärenden, besitzergreifenden, egozentrischen Liebe zur Tochter und fernen Ehefrau ertrinkt. Einer Liebe, die Nathan selbst - und das ist vielleicht die bemerkenswerteste Leistung von "Alles was du brauchst" - in all ihrer Erbärmlichkeit, aber auch ihrer Schönheit in einem Roman im Roman, einem "richtigen" Roman, erzählt, den Mary zum Schluss geschenkt bekommt und aus dem sie schließlich doch noch die ganze Wahrheit erfahren wird.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 10)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Alles was du brauchst (A.L. Kennedy, Ingo Herzke)

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