Ljod
Das Eis

von Vladimir Sorokin, Andreas Tretner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Im neuen Roman von Vladimir Sorokin geht es um einen besonderen Stoff. Das Material, aus dem die Geschichte des Totalitarismus gemacht
ist. Eine heiß-kalte Passion.


Konzeptkunst ist keine heiße Kunst, die einen in Emotionen stürzt, sondern Kunst, die einen Plan verfolgt, auf etwas hinauswill. Konzeptkunst hat etwas mit Verstehen zu tun und ist oft das Gegenteil von Kunstgenuss – aber nicht immer.
Ljod ist kalt. Ljod heißt auf Russisch Eis – und ist der Stoff, aus dem Vladimir Sorokins neuer Roman gemacht ist. Sorokin, Jahrgang 1955, Postmodernist, Schüler der Moskauer Konzeptualisten und der von den russischen Traditionalisten derzeit bestgehasste Autor, dem man für seinen Roman "Der himmelblaue Speck" (deutsch: 2000) – freilich zu Unrecht – einen Prozess wegen Pornographie anhängte, hat schon von jeher ein Faible für den besonderen Stoff.
Der bestand lange vor allem aus den diversen Komponenten des obligaten Quartetts aus Blut, Schweiß, Sperma und Scheiße. Der himmelblaue Speck jedoch, aus geklonten Schriftstellern gewonnen, ist von neuer Art: unverwüstlich, "von anderer Beschaffenheit als alles andere, was auf der Erde existiert". Und der Titelheld und -stoff des soeben erschienenen Romans "Ljod. Das Eis" ist gar von "idealer, kosmischer Natur". "Gesandt vom Licht, der dahindämmernden Erde gegen die Brust geworfen, um sie zu wecken." Daraus aber irgendeine Art von Entwicklung ableiten zu wollen, wäre verfehlt. Der hemmungslose Fabulierer und kühl berechnende Sorokin, gelernter Ingenieur, Nihilist und Antiutopiker, dreht von jeher nationale Mythen, Religion, Stalin und Hitler durch den Fleischwolf. Heraus kommen immer neue, immer alte, stets komplizierte und auch brutale Geschichten, die auf nichts hinauszulaufen scheinen.
In "Ljod" sieht sich der Leser ohne Vorwarnung in eine merkwürdige Szenerie geworfen. Auf Moskaus Straßen werden Menschen – Nutten, Fixer, Herumtreiber – überfallen und mit einem Hammer aus purem Eis so lange bearbeitet, bis sie sterben. Oder ihr Herz zu sprechen beginnt. Exakt um 23.42 Uhr entringt sich unter dieser Behandlung dem sechzehnten Opfer des Tages, Juri Lapin, ein Urlaut. "Ural", hören seine Peiniger oder vielmehr Retter und bescheiden ihm: "Dein Herz hat uns diesen Namen genannt. Bis zum heutigen Tag hast du nicht wirklich gelebt, sondern nur existiert."
"Bruderschaft der zum Leben Erwachten" nennen sich die solcherart "Aufgeklopften", überzeugte Vegetarier, die dem Sex abgeschworen haben, von Herz zu Herz kommunizieren und der Überzeugung sind, die Freiheit erlangt zu haben, während der Rest der Menschheit, tote "Fleischmaschinen", noch schläft. In der sekteneigenen Rehabilitationsklinik begegnet "Ural" einem alten Weiblein namens Chram, das im zweiten Teil die Geschichte von vorne bis hinten erzählt. Während des Krieges nach Deutschland deportiert, wird das Landmädchen Chram (damals noch Warja) als Blonde und Blauäugige durch die Nazis aussortiert (alle Erweckten sind blond und blauäugig!) und in den österreichischen Alpen mit der berauschenden Macht der "Zwiesprache des Herzens" bekannt gemacht. 1950 kehrt sie in die Sowjetunion zurück, wo die Sekte mit Sowjetkadern und Staatssicherheit gemeinsame Sache macht, später aber natürlich selbst in deren Visier gerät. Ljod, das wird langsam klar, stammt vom so genannten Tunguska-Meteoriten, der 1908 auf Sibirien fiel, dort weite Landstriche verwüstete und von dem bis heute keine Überreste gefunden wurden. Um dieses wissenschaftliche Rätsel baut Sorokin den Gründungsmythos der Sekte, die mithilfe des "kosmischen Stoffes" aus dem in den sibirischen Permafrostboden versunkenen Meteoriten die menschliche Rasse zu sieben versucht, um schließlich mit 23.000 Erwählten die Welt, "den Fehler" zum Verschwinden zu bringen.

Abstrus? Aber sicher. Und das Konzept dahinter? Weniger das Wesen von Sekten als vielmehr das gefährliche Potenzial von Wissenschaft plus Irrationalismus vor Augen zu führen, möchte man sagen: das Wesen des Totalitarismus. Aber dann wäre Sorokin ja ein Aufklärer ...
Und das Leseerlebnis? Nicht sonderlich angenehm: Dem telegrammartigen, quasidokumentarischen Stil des ersten Teils folgt die naiv-kitschige, die Dinge verniedlichende Erzählung Chrams. "Ich arbeite mit der Stilistik der mittelmäßigen sowjetischen Literatur", erklärt Sorokin, der seine Vituosität in der Nachahmung von Sprechweisen im dritten und interessantesten Teil des Romans in ganzer Bandbreite vorführt – auf 25 Seiten Erfahrungsberichten von ersten Testnutzern des "Wellnet-Sets ,Ljod", bestehend aus Computer, Helm, Tränenabsauger, Brustschild und synthetischem Tunguska-Eis. Die Erleuchtung – mit den Stationen Tränen, luzide Kindheitserinnerungen und "Abheben in Form eines kollektiven Orgasmus" – wird damit per Knopfdruck ausgelöst. Und Ljod löst, so Tester Michail Semljanoi (31), das Zeitalter des Kinos ab – ähnlich wie die Bewusstseinsdiscs in Kathryn Bigelows Science-Fiction-Film "Strange Days" (1995).
Bleibt noch der vierte, wenige Seiten starke Teil zu erwähnen – geeignet für das versöhnliche Ende eines Hollywoodfilms (etwa von Steven Spielberg), das diesen gleichzeitig verarscht und bedient. Genial oder einfach nur kalkuliert? Sorokins Literatur ist fulminant und konvulsivisch, berechnend und glitschig, heiß und kalt zugleich. Und sie widersetzt sich nachhaltig der derzeit so gefragen Mitfühlliteratur.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 17)


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