Herkunft und Geschichte des Menschen
Was die Gene über unsere Vergangenheit verraten

von Steve Olson, Ulrike Bischoff

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Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Die Genetik ist die Wissenschaft der Zukunft. Und immer mehr auch die der Vergangenheit. Fragen, an denen Archäologen und Historiker oft vergeblich knabbern, lassen sich mit DNA-Analysen beantworten.

Die Archäologen waren definitely not amused. Sie sprachen von unhaltbaren Annahmen und Fehlinterpretationen. Und überhaupt: Wie kamen Genetiker dazu, Aussagen über Wanderungsbewegungen in der europäischen Frühgeschichte zu machen? Was war passiert?

Anfang der Siebzigerjahre hatte der italienische Populationsgenetiker Luca Cavalli-Sforza die These aufgestellt, dass vor 10.000 Jahren Bauern aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und den Ackerbau eingeführt haben. Dabei vermischten sie sich mit den ortsansässigen Jägern und Sammlern, wie die Analysen Cavalli-Sforzas zeigten.

Afrikanische Eva

Diese Herangehensweise war gewöhnungsbedürftig. Während die Archäologen im Schweiße ihres Angesichts nach spärlichen Überresten buddelten, sollten die Proteine heute lebender Menschen zu Quellen für die Vergangenheit werden? Die Abfolge von Aminosäuren als Archiv der Menschheitsgeschichte? Die Wogen haben sich mittlerweile geglättet, mithilfe der DNA-Sequenzierungen und statistischer Auswertungen lassen sich in der Tat die Ausbreitung des Homo sapiens über den Erdball rekonstruieren.

Die Reise begann vor etwa 60.000 Jahren in Afrika. Je mehr Mutationen sich im Erbgut finden, desto mehr Zeit ist seither vergangen. Sequenziert wird aber nicht die normale DNA, sondern die mitochondriale DNA, die sich nicht im Zellkern befindet und nur von Frauen weitervererbt wird. Dies führte 1987 zur Identifikation der so genannten mitochondrialen Eva, die vor 150.000 Jahren in Afrika lebte und von der wir alle abstammen.

Der neue Darling der Populationsgenetiker ist das Y-Chromosom, das bekanntlich nur vom Vater auf den Sohn vererbt wird und über viel längere Basenketten als die mitochondriale DNA verfügt. So lassen sich mehr typische Marker identifizieren, was genauere Schlüsse auf Verwandtschaftsbeziehungen erlaubt.

Wie die molekulare Uhr tickt und zu lesen ist, erklären gleich zwei neue Sachbücher. Der Populationsgenetiker Spencer Wells verfällt gelegentlich ins Dozieren, "Die Wege der Menschheit" ist phasenweise zu komplex, die zur Auflockerung eingefügten Passagen wirken etwas aufgesetzt. Während Wells den Wissenschaftler in sich nicht ganz abstreifen kann, spielt Steve Olson seine langjährige Routine als Wissenschaftsautor aus. Er erzählt die "Herkunft und Geschichte des Menschen" flüssig und vermag stets auch die übergeordnete Relevanz aufzuzeigen.

Schwarze Juden

So wurden im Tarimbecken im Westen Chinas gut erhaltene Leichen gefunden, die 3000 Jahre alt sind. Dass viele der Mumien blonde und rote Haare sowie blaue Augen haben, löste in der chinesischen Öffentlichkeit heftige Debatten aus, geriet doch die gern gehegte Vorstellung einer alten und homogenen chinesischen Population ins Wanken. Die im Tarimbecken ansässigen Uiguren pochten im Kampf um Autonomie stets auf ihre europäischen Wurzeln und können nun auch auf entsprechende DNA-Analysen verweisen.

Die Lemba, eine kleine Volksgruppe im Süden Afrikas, behauptete stets von sich, jüdischer Abstammung zu sein. Dies wurde angesichts ihrer dunklen Hautfarbe bis vor kurzem ins Reich der Legende verwiesen. 1997 zeigte aber ein Bluttest, dass zwei Drittel ihrer Y-Chromosomen aus dem Nahen Osten stammen.

Beide Bücher verfolgen auch eine dezidiert aufklärerische und antirassistische Agenda. Wells etwa verweist darauf, dass die genetischen Unterschiede zwischen Individuen einer Gruppe wesentlich zahlreicher sind als die zwischen den Populationen. Olson arbeitet heraus, wie stark sich die Populationen bereits vermischt haben, auch wenn dies nicht immer sichtbar ist. Dreißig Prozent der Y-Chromosomen der Afroamerikaner etwa stammen von europäischen Vorfahren.

Alle verschieden, alle gleich?

Wissenschaftliche Ergebnisse und universalistische Prinzipien wie die Gleichheit aller Menschen harmonieren also bestens, so scheint es. Dieser Gleichklang hat freilich seine Tücken. Was, wenn die Theorie des multiregionalen Ursprungs doch richtig (gewesen) wäre und wir nicht alle aus Afrika stammten? Was, wenn die Unterschiede zwischen den Gruppen größer wären als die zwischen den Individuen einer Population? Dann könnte man mit scheinbar wissenschaftlichen Argumenten das universalistische Menschenbild unterminieren, wie dies in der Vergangenheit auch immer wieder versucht wurde.

Die "beruhigenden" Befunde der Populationsgenetik können sicherlich helfen, gegen jegliche Formen des Rassismus anzukämpfen. Überstrapazieren sollte man diese Allianz zwischen Labor und politischer Agenda aber nicht.

Oliver Hochadel in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 29)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Wege der Menschheit (Spencer Wells, Sebastian Vogel)

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