Solus Rex
Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov

von Michael Maar

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.09.2007

Rezension aus FALTER 42/2008

Der Affe weist den Weg zum Mädchen

Wer zum Teufel hat die Bücher verfasst?", heißt es im Vorwort von Michael Maars höchst anregendem und sehr empfehlenswertem Buch über den "Zauberer" Vladimir Nabokov. Und tatsächlich ist es nicht ganz einfach zu konstatieren, wer eigentlich der Urheber von "Fahles Feuer" ist und "ob es der Schriftsteller Sebastian Knight war, der seinen brüderlichen Biographen erfunden hat, oder umgekehrt".

Der Rätselcharakter im Werk dieses genialen Einzelgängers der Weltliteratur ist es natürlich nicht allein, der dessen Überleben sichert. Neben dem unglaublichen Reichtum an glitzernden Details gilt es auch die Abgründe, die "kleinen harten Wahrheiten" hinter den funkelnden Preziosen zu erforschen. Dies, also die Frage nach dem Ich des Dichters, welches sich über das Werk erschließen ließe, kann als das eigentliche Anliegen von Maars Untersuchung der "schönen bösen Welt des Vladimir Nabokov" angesehen werden.
Maar führt uns in einer Reihe von Werkanalysen in die inneren Befindlichkeiten Nabokovs. So wird etwa die Ermordung des Vaters durch einen zaristischen Offizier als "Urtragödie" angesehen, die Nabokovs "sprudelnde Produktion" ins Rollen brachte und die dem Gesamtwerk einen "Luftzug ins Jenseits" verpasste. "Man übertreibt nur wenig, wenn man sagt, dass es in Nabokovs Werk spukt."
Tatsächlich finden wir uns im Schaffen des großen Magiers in nicht geringem Maße mit weiterlebenden Verstorbenen, aus dem Jenseits gelenkten Geschicken, mitunter auch schwer fassbaren Geisterreichen konfrontiert – selbstverständlich ohne jemals an esoterisch-mystische Hirnverbranntheiten zu erinnern, davor bewahren uns schon Nabokovs Witz und Ironie.

Anagramm-Aufdecker, literarische Spiritisten und sonstige Geheimnisentschlüssler spielen in der internationalen Gemeinde der Nabokovians dementsprechend eine nicht unwesentliche Rolle. Selbst Nabokovs Witwe Vera bemerkt in einer Ausgabe der russischen Gedichte ihres Mannes, jede seiner Seiten trage wie ein Wasserzeichen die Durchdringung mit dem "hereafter", potustoronnost. (Nachzulesen in den Anmerkungen, die ein überaus reichhaltiges Buch im Buch bilden).
Sehr konzentrierte Aussagen finden sich zu Nabokovs berüchtigten "Bannsprüchen über falsche Götter und überschätzte Zwerge wie Dostojewski, Stendhal, Balzac, T.S. Eliot oder Thomas Mann". Die Verachtung für Letzteren saß tief. "Wie konnte man diesen Quacksalber in einem Atemzug mit Proust und Joyce nennen?"
Und doch gibt es unübersehbare Gemeinsamkeiten, wie Maar in seinem brillanten Vergleich von Manns Erzählung "Der kleine Herr Friedemann" mit Nabokovs Antwort darauf, der 1924 verfassten Geschichte "Der Kartoffelelf", aufzeigt.

"Langgehegte Feindschaft lässt auf Gemeinsamkeiten schließen", konstatiert Maar. Und: "Wie Freud und Dostojewski besetzt auch Thomas Mann ein paar Posten auf dem Grenzgebiet, das Nabokov für sich allein reklamiert."
Keinerlei Vorurteile hegte Nabokov – wie jeder Kenner seiner amerikanischen Vorlesungen "Die Kunst des Lesens" weiß – gegenüber Marcel Proust. In seiner "Lolita"-Analyse bemerkt Maar denn auch: "Von Anfang an durchziehen den Roman Anspielungen auf die ,Suche nach der verlorenen Zeit'. Humbert ist Proust-Kenner, er erklärt, seine Phantasie sei proustianisiert."
In "Ada" wird Proust dann allgegenwärtig, und Maar kommentiert den Satz "But you've had too much Marcel", dies könne nur "darum nicht über Nabokovs Gesamtwerk stehen, weil man von Marcel gar nicht genug bekommen kann".

Bleibt mit "Lolita" Nabokovs "rätselhaftester" Roman als Instrument der Annäherung an die erotische Befindlichkeit des Autors. Die oft aufgeworfene Frage, ob Humberts glühendes Begehren auch das seines Autors hätte sein können, wird von Maar vorsichtig bejaht:
"Die Fehlspuren, die Nabokov legt, sind beachtlich; am bekanntesten ist die Geschichte vom Affen im Jardin des Plantes, der seine Gitterstäbe gemalt und Nabokov dadurch zu ,Lolita' angeregt haben soll. Wie soll man aber vom Affen aufs unwiderstehliche Mädchen kommen, wenn man es nicht schon davor im Kopf hatte?"

Franz Koglmann in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 20)


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