Einführung in die schöne Literatur

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin Verlag
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 16.03.2006

Rezension aus FALTER 29/2016

Der heitere Melancholiker

Der Ungar Péter Esterházy war einer der bedeutendsten Vertreter der literarischen Postmoderne

Er entstammte einem alten ungarischen Adelsgeschlecht, das in Gestalt eines Barockschlosses (sowie einer Crèmetorte) auch hierzulande seine Spuren hinterlassen hat. Sein Großvater war noch Großgrundbesitzer und für kurze Zeit sogar ungarischer Ministerpräsident. 1948 wurden die Esterházys enteignet und in ein abgelegenes Dorf deportiert. Hier verbrachte der 1950 geborene Péter Esterházy seine ersten Lebensjahre, erst 1957 durfte die Familie zurück nach Budapest.
Der Niedergang des Geschlechts begann bereits mit der Revolution 1919. „Eure Exzellenz, ich würde es so sagen, bitte schön, die Kommunisten sind hier“, formuliert es der Diener in Esterházys über 900 Seiten starkem Familienroman „Harmonia Caelestis“ (2000; dt. 2001), einem seiner Hauptwerke. Just als er die Arbeit an dem Buch abgeschlossen hatte, erfuhr der Autor, dass sein Vater von den Kommunisten nicht nur unterdrückt worden war, sondern ihnen jahrelang als Spion gedient hatte. Er verfasste umgehend die zwischen Wut und Scham pendelnde Nachschrift „Verbesserte Ausgabe“ (2002; dt. 2003).

Im Gegensatz zu anderen adeligen Familien blieben die Esterházys in Ungarn. „Harmonia Caelestis“ schildert, wie sie auf den Verlust an Reichtum und Einfluss reagierten – mit einer Mischung aus Weltfremdheit, Arroganz und Humor. Dem Autor selbst, dem als Erbe allein die Familiengeschichte blieb, war eine heitere Melancholie zu eigen. In anekdotenhaften Splittern geht sein Buch zurück bis ins 17. Jahrhundert, „Nummerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy“ ist der erste große Teil der Chronik überschrieben. Die wechselnden Hauptfiguren werden vom Erzähler allesamt „mein Vater“ genannt, mal tritt dieser als Heerführer in Erscheinung, dann als Revolutionär, dann wieder als Koch.
Péter Esterházy, ein Mann von enzyklopädischem Wissen, liebte das Erzählen und verstand sich auf schwelgerische Schilderungen. Aber der studierte Mathematiker, der in den 1970ern einige Jahre in der EDV arbeitete, glaubte nicht daran, dass sich die Welt noch durch einfaches Erzählen abbilden ließe, und weigerte sich standhaft, sich möglichst verständlich und kurz auszudrücken, wie es heute im Literaturbetrieb wieder Usus ist.
In seinen Werken gibt es keine Chronologie und auch keine klar nachvollziehbare Handlung. Sie widersetzen sich konventionellen Ordnungssystemen, im Grunde kreisen seine Bücher um sich selbst, ohne Anfang und Ende. Esterházy war ein Meister darin, Ansätze von Geschichten gleich wieder zu unterbrechen, mittels Selbstreflexionen oder literaturtheoretischer Exkurse. Damit gehörte er zur literarischen Postmoderne, die Literatur – sowohl das Schreiben als auch das Lesen – als ein Spiel der Verweise und Zitate versteht.

Als besonders kunstvolles Beispiel dafür steht ein weiteres Hauptwerk, seine „Einführung in die schöne Literatur“ (1986; dt. 2006). Die textliche und visuelle Collage von monumentalem Ausmaß, eine Art Hypertext, gilt als Wendepunkt in der ungarischen Literatur, denn sie knüpfte da an, wo die Diktatur die Entwicklung der literarischen Moderne gestoppt hatte. In „Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)“ (1979; dt. 2010) wiederum persiflierte Esterházy virtuos die Literatur des sozialistischen Realismus mit ihrer Fixierung auf die Arbeitswelt.
Er fand in seiner Heimat durchaus auch Vorbilder. Mit dem Roman „Esti“ (2010; dt. 2013) erwies er seinem Landsmann Dezsö Kosztolányi (1885–1936) die Reverenz, dessen Romanfigur Kornél Esti als erster moderner Held der ungarischen Literatur gilt. Esti war aber auch der Spitzname, den Péter Esterházy von seinen Studienkollegen verpasst bekam. In seinem Roman behauptete er: „Kornél Esti – c’est moi.“ Und strich munter durch die Welt, Epochen, Stilebenen sowie die Plots anderer Romane.
Bei allem Hang zur Intertextualität und zur kunstvollen Anspielung unterschied sich seine Prosa entscheidend von jener anderer postmoderner Autoren, die ähnliche Literaturvorstellungen in eher akademische Prosa zwängten: Esterházy war auch ein erstklassiger Unterhalter. Man folgt seinem Schreiben gern in schwindelerregende Höhen und nimmt in Kauf, manchmal nur die Hälfte von dem mitzubekommen, was in einem Satz steckt. Seinen Texten kann mit detektivischem Spürsinn begegnet werden oder man lässt sich von der Fülle an Ideen und Bildern einfach mitreißen. So oder so macht es einen Riesenspaß, sich bei Esterházy über Niveau zu amüsieren.
Zuletzt hatte Esterházy wieder mit den Verhältnissen in Ungarn zu kämpfen. Ende 2012 kürzte das staatliche Radio einen Beitrag von ihm um genau einen Satz. In dem hatte er den Hörern geraten, noch schnell das Nationaltheater zu besuchen, bevor ein Orbán-loyaler Regisseur Intendant wird. Vergangene Woche verstarb Peter Esterházy mit 66 Jahren in Budapest. Im Mai erschien in Ungarn das „Bauchspeicheldrüsentagebuch“, in dem er über seine Erkrankung schrieb.

Sebastian Fasthuber in FALTER 29/2016 vom 22.07.2016 (S. 29)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Esti (Péter Esterházy, Heike Flemming)
Meine Gespenster (Mihály Vajda, Peter Engelmann, Péter Esterházy, Heike Flemming)
Harmonia Cælestis
Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane) (Péter Esterházy, Terézia Mora)
Harmonia Cælestis (Péter Esterházy, Terézia Mora)

Rezension aus FALTER 25/2006

888 Seiten Literatur, 120 Seiten Beine

Das Buch ist ein Monster. Wer auf Seite 746 der "Einführung in die schöne Literatur" bei der Geburt seines Protagonisten Peter Esterházy angelangt ist, hat das meiste schon überstanden. Eine ausgedehnte Regenfront rückt am 14. April 1950 nach Mitteleuropa vor, in Nagykörös werden Gurken ausgesät, der Wasserspiegel der Donau, der in Wien 239 Zentimeter beträgt, steigt in Budapest noch an, in der Buslinie Nummer 5 hat jemand eine Tasche samt Lederschuhen verloren, die Ungarn schreien "Hoch Rakosi!", und während im befreundeten sozialistischen Tadschikistan der Sommer beginnt, zieht sich ein gewisser Sava in einer Budapester Gasfabrik einen Meniskusriss zu. Schließlich ist es auch mit Esterházy so weit: "Am 14. April war der Muttermund genügend weit, die Fruchtblase gesprungen, das Fruchtwasser begann zu strömen, die Sonne ging um 18 Uhr 02 unter." Die noch folgenden 142 Seiten - inklusive der Drohung, "später werde ich über alles genauer schreiben" - können dann auch nicht mehr erschrecken.

Peter Esterházy, der als Verfasser von Büchern wie "Harmonia Caelestis"(2001) oder "Verbesserte Ausgabe" (2002) unter anderem mit dem ungarischen Nationalpreis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, erfindet in der zwischen 1978 und 1985 entstandenen "Einführung" zeitgleich zum Niedergang des Sozialismus die Literatur neu: als genreübergreifendes Spiel mit archaisierend hoher Prosa, in Form von Drehbüchern, als Libretto, Essay und Fragment. All das wird noch mit zahllosen Marginalien, Fußnoten und Zitaten sowie Zeichnungen und surreal anmutenden Fotos versehen. Lineares Erzählen findet hier nicht statt.

Wenn das Buch einen Gegenstand hat, dann sind es Frauen. Da beginnt die rostige Sicherheitsnadel, die einen BH zusammenhält, zu glänzen, die Beine einer Unbekannten werden einen Sommer lang in einem einzigen, 120 Seiten langen Satzmäander umschrieben und mit Wortspielen über "Egalité" und "Sexualité" garniert. Weitere Zutaten: ein bisschen Kitsch - "Mädchengesichter wie Blüten" - sowie verblüffende Detailbeobachtungen: "die Fensterläden sind hysterisch zugelehnt".

Esterházy beherrscht aber auch die Kundera-Pose des direkten Erzählens: "Hast du schon mit meiner Frau geschlafen?", fragt der Kollege eines Lektoratsgutachters. "Nein, noch nicht." Um Sex geht es vordergründig auch in der "Kleinen ungarischen Pornographie": "Ihre Brüste waren immer noch: die zwei Dinge an sich." Tatsächlich stellt dieser Roman im Roman jedoch den Versuch dar, die letzten fünfzig Jahre des ungarischen Sozialismus zur Kenntlichkeit zu entstellen - aus unendlich vielen Erzählperspektiven. Hier findet sich auch ein Schlüssel für das ganze Buch: "Einführung in die schöne Literatur: Welche Empfindung, seine eigene Welt, einen hübschen Ball, vor sich rund und voll werden zu sehen! Ich lerne bereits nichts mehr, was nicht sofort in irgendeinem Winkel des Vorhandenen einen guten Platz vorfindet, schreibt Nietzsche, voilà." Das "voilà" stellt die ganze Wahrheit der Literatur dar!

In einer klassisch humoristischen Ungarn-Definition vom Beginn des 20. Jahrhunderts heißt es: "In Anfang war das Wort, das Logosch - und im Urmeer schwamm das Urfisch, das Fogosch." Man täte Peter Esterházy Unrecht, ihn als bloßen Fischer in der trüben Suppe der literarischen Avantgarden zu bezeichnen. Die "Einführung in die schöne Literatur" stellt zweifellos keine leichte Kost dar, aber auf weiten Strecken drängt sich der Gedanke auf: Da wollte es einer im Alter von dreißig der ganzen Welt zeigen und - er tat recht daran!

Erich Klein in FALTER 25/2006 vom 23.06.2006 (S. 21)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb