Die Kultur des neuen Kapitalismus

von Richard Sennett

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 25/1999

Kapitalismuskritik now!

Mit Büchern wie "Der Verfall des öffentlichen Lebens" wurde Richard Sennett weltberühmt; sein neues Werk über den modernen Kapitalismus ist ein preisgekrönter Bestseller. Ein Gespräch über die Irrungen der Postmoderne, das Rechte am dritten Weg, die Kunst des Schreibens und Charakterbildung durch Arbeit.

Wo das Schlagwort von der "Neutralitätslüge" kursiert und die Einführung eines Berufsheeres erwogen wird, da wirft Richard Sennett einen milden Blick auf den Status quo der österreichischen Verteidigungsphilosophie. Der Grund dafür liegt allerdings schon Jahrzehnte zurück: als der Soziologe noch als Cellist auftrat und in Graz mit Bartok-Streichquartetten vor einem Publikum gastierte, das sich hauptsächlich aus freigestellten Rekruten zusammensetzte. "Ein Land, das seine Soldaten für Bartok-Konzerte abkommandiert", so Sennett, "dessen Neutralitätspolitik kann nicht ganz falsch sein." In der Zwischenzeit ist der heute 56jährige vom Musiker zu einem der einflußreichsten Gesellschaftswissenschaftler weltweit geworden. Bücher wie "Der Verfall des öffentlichen Lebens", "Autorität", "Civitas" oder "Fleisch und Stein" gelten als Klassiker der Kultursoziologie.

Mit seinem jüngsten Buch, "Der flexible Mensch", hat der Professor an der New York University zu seinen politischen Wurzeln zurückgefunden. Das mehrfach preisgekrönte Buch ist eine Abrechnung mit dem US-amerikanischen Casino-Kapitalismus, dessen schöne neue Arbeitswelt zu einer "Corrosion of Character" führt - wie der Originaltitel des im Vorjahr erschienenen Buches lautet. Anhand von anschaulichen Fallstudien zeichnet Sennett die Unterschiede zwischen traditionellen und zeitgenössischen Arbeitsverhältnissen nach: Unsicherheit, zynische Unverbindlichkeit, fehlende Solidarität und der Verlust einer eigenen, kohärenten Lebensgeschichte sind der Preis, den das neue Wirtschaften den Werktätigen abverlangt. Der Soziologe hat mit seinem aktuellen Buch nicht nur einen Nerv der Zeit getroffen - es ist auch blendend geschrieben. Und so nimmt es auch nicht wunder, das es allein in seiner deutschen Fassung mittlerweile bei der 8. Auflage bzw. bei 45.000 verkauften Exemplaren hält.

Ende letzter Woche hielt Sennett, der ab Herbst an der prestigereichen London School of Economics lehren wird, auf Einladung des Renner-Instituts und des Zukunftsforums im Wiener Bundeskanzleramt zwei Vorträge.

Falter: Wie kam es dazu, daß Sie sich nach Ihren feinsinnigen kulturtheoretischen Studien der vergangenen Jahrzehnte mit Ihrem neuen Buch nun der harten Wirklichkeit, dem neuen Kapitalismus zuwandten?

Richard Sennett: Es gab dafür sowohl eine intellektuelle wie auch eine biografische Motivation. Zum einen bemerkte ich, daß mein Verständnis des materiellen Lebens und des Kapitalismus, das ich vor 25 Jahren hatte, heute nicht mehr gilt. Die Strukturen der Arbeitswelt zumindest in den USA haben sich radikal geändert, und das hat mein Interesse geweckt. Es gibt aber auch eine etwas biografischere Antwort auf Ihre Frage: In meinen Dreißigern und Vierzigern verbrachte ich zu viel Zeit damit, über Kultur nachzudenken - im speziellen über die Kultur der Städte. Das hat mir viel Vergnügen bereitet, und über die Politik von Architektur zu schreiben war für mich auch eine Art von Abwechslung zu den politischen Diskussionen in meiner Familie, die lange Zeit kommunistisch war. In den letzten Jahren verlor ich aber einfach das Interesse an diesen Fragen der kulturellen Konstruktion, die mir noch vor zehn oder fünfzehn Jahren sehr wichtig waren.

Diese Rückkehr zur Analyse und der Kritik des Kapitalismus ist nicht nur bei Ihnen zu beobachten. Auch zahlreiche andere linke Intellektuelle scheinen das ganze postmoderne Differenzdenken satt zu haben und sich wieder elementareren Fragen der sozialen Ungleichheit zuzuwenden.

Ich weiß nicht, ob diese Rückkehr zur Kritik am Kapitalismus auch bei anderen Leuten eine Rückkehr zu ihren Wurzeln ist. Aber es stimmt schon: Ich kann einfach keinen Artikel über die Politik des Postmodernismus und das transgressive Subjekt mehr lesen. Mir ist es auch völlig egal, ob jemand herausgefunden hat, daß Peter Eisenman (einflußreicher US-amerikanischer Architekt, Anm.d.Red.) jetzt ein Postmoderner der dritten und nicht der vierten Generation ist. Ich kann keinen Aufsatz über Jacques Derrida mehr lesen. Ich bin mir sicher, daß das alles sehr wichtig ist. Aber es ist mir egal. Doch der Hauptgrund ist natürlich, daß ich an dem Thema des neuen Kapitalismus sehr interessiert bin.

Jemand wie Slavoj Zizek hat zuletzt behauptet, daß das ganze postmoderne Gerede über den Multikulturalismus bloß dazu getaugt habe, die klassischen Konflikte und die wahren sozialen Ungleichheiten zu verschleiern. Sehen Sie das auch so?

Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Ich denke, daß die ganzen Diskussionen um Multikulturalismus, Feminismus, Homosexualität schon ihre Bedeutung und Notwendigkeit hatten. Ich würde dem also nicht zustimmen, daß diese Diskussionen bloß die Frage der ökonomischen Verhältnisse beschönigt hätten. Aber das war nur eine Etappe der politischen Bewußtwerdung und des Ringens um Gleichberechtigung. Die nächste Etappe gilt der Ökonomie und der Arbeitswelt.

Seit den achtziger Jahren gibt es andererseits aber auch eine Fülle von ernstzunehmender soziologischer Literatur, die behauptet, daß die Arbeit ihre zentrale Bedeutung in der modernen Gesellschaft eingebüßt habe. Sie scheinen das in Ihrem Buch anders zu sehen.

Richtig. Ich denke, daß Arbeit für die Herausbildung einer Persönlichkeit und eines Charakters entscheidend ist, und zwar deshalb, weil die Menschen in der Arbeit mit Schwierigkeiten umgehen müssen. Der Verlust von Kontrolle ist nun einmal ein grundlegender Faktor unseres Lebens. Ein Charakter gewinnt nicht nur dadurch Stärke, daß er über bestimmte Probleme triumphiert oder an ihnen scheitert - sondern vor allem im Verhandeln dieser Schwierigkeiten. Eine Welt, in der man ein starkes Selbst ohne Kämpfe erreicht, scheint mir sehr unrealistisch. Das ist eine sehr Nietzscheanische Sicht auf das Leben, der ich durchaus zustimmen.

In Ihren beiden Vorträgen in Wien haben Sie betont, daß Sie Ihr neues Buch eigentlich für ein europäisches Publikum geschrieben hätten. Wie war denn die Rezeption des Werks in den USA?

Es hat sich sehr gut verkauft und wurde auch beim breiten Publikum gut aufgenommen. Aber von einer bestimmten Gruppe von Intellektuellen wurde es dafür kritisiert, keine politischen Maßnahmen vorzuschlagen. Das ist eine berechtigte Kritik, denn das Buch ist kein sozialpolitischer Maßnahmenkatalog. Ich habe das Buch deshalb vor allem für Europäer geschrieben, weil die Würfel in den USA bereits gefallen sind: Die Demokratische Partei hat diese Art des Kapitalismus akzeptiert. Ich wollte also ein Bild jener Generation von US-Amerikanern zeichnen, die Erfahrungen mit dieser neuen Form des Kapitalismus gemacht haben, der vor allem vom Finanzkapital gesteuert ist. Die Frage ist nun, ob man wirklich eine Ökonomie will, die zugunsten kurzfristiger Gewinne an der Börse funktioniert - oder zugunsten der Arbeiter und Angestellten. Europa hat noch die Wahl, ob es diese Entwicklung zulassen will.

Gibt es angesichts der vielbeschworenen Globalisierung des Finanzkapitals überhaupt noch Wahlmöglichkeiten? Einigen österreichischen Kommentatoren gelten die USA immer noch als ein Vorbild - vor allem wegen des sogenannten "Beschäftigungswunders". Böte der flexible Kapitalismus der USA möglicherweise nicht auch Vorteile?

Europa ist im Moment in einer Zwickmühle: Zur Zeit exportiert man Jobs, die man hierbehalten hätte können, in die Entwicklungsländer. Wenn man diese Jobs aber hierbehalten wollte, dann müßten ähnlich wie in den Vereinigten Staaten viele schlechte Jobs geschaffen werden. Wenn man diese Jobs also hierbehält, dann würde die Einkommensstruktur dramatisch sinken müssen. Und wenn man dem Beispiel der USA folgen würde, dann müßte man viele gewerkschaftliche und sozialstaatliche Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zerstören.

In Europa sind die regierenden Sozialdemokraten im Moment aber eher mit der Frage beschäftigt, ob sie jenen dritten Weg übernehmen sollen, den Tony Blair in Großbritannien eingeschlagen hat. Was halten Sie von diesem Programm "jenseits von links und rechts"?

Für mich ist der dritte Weg kein fortschrittliches Programm jenseits von links und rechts. Es ist der rechte Weg, nur halt netter. Mir scheint das alles ziemlich hohlköpfig. Das ganze Gerede um den dritten Weg beschäftigt natürlich viele Linke, weil sie eine andere Version einer sozialistischen Gesellschaft wollen. Aber das erfordert keine Auflösung der Differenz von links und rechts, sondern eine neue, mächtigere Linke.

Sie sind ein Intellektueller, der sich eben darum bemüht. Doch wie kann das heute funktionieren? Wie kann ein Intellektueller heute auf die Politik Einfluß nehmen?

Ich habe in dieser Frage eine etwas ungewöhnliche Position, die mit dem Schreiben zu tun hat. Meines Erachtens besteht eines der großen Probleme der intellektuellen Linken darin, daß sie nicht schreiben kann - und deshalb auch kaum in der Öffentlichkeit präsent ist. Meine Politik beginnt damit, offen und nicht akademisch zu schreiben, damit nicht nur Kollegen oder Studenten mich lesen können.

Ist das nicht ein etwas bescheidenes Programm?

Wenn Leute mich auf die Politik ansprechen und fragen, was wir Intellektuelle den Politikern raten sollen, so scheint es mir, als ob da schon eine viel wichtigere Frage übergangen worden wäre: jene nämlich, wie wir mit unseren Texten an die Öffentlichkeit gelangen können. Die meisten linken Texte, die heute geschrieben werden, machen mich krank. Diese Literatur ist völlig hermetisch und hat etwas Masturbatorisches an sich. Mir geht es darum, zu einer echten politischen Literatur zu gelangen - und darum, was wir dabei von einem Schriftsteller wie Italo Calvino lernen können.

Sie würden also dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu zustimmen, der einmal gemeint hat, daß Schriftsteller wie Balzac oder Flaubert die bessere Soziologie geschrieben hätten als viele Kollegen der Zunft heute?

Absolut. Aber das gilt nicht nur für Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Auch jemand wie Thomas Bernhard ist in gewisser Weise ein soziologischer Autor. Eine der entscheidenden Fragen ist für mich dabei, wie man die Aufmerksamkeit des Lesers fesselt. Das erreicht man weniger dadurch, daß man sagt: "Das bedeutet das und das." Viel besser ist es, wenn statt dessen etwas gezeigt wird und Platz bleibt für die Interpretation des Lesers. Akademisches Schreiben schafft zwar Platz für Widerspruch oder Zustimmung - aber es läßt nur wenig Platz für Interpretation. Der Leser wird dadurch aber gleichsam ausgeschlossen. Beim Verfassen von "Der flexible Mensch" überlegte ich mir genau, was gesagt und was gezeigt werden sollte. Das läßt sich freilich auch auf die Gesellschaft übertragen: Wie können wir zu einer Sozialordnung kommen, in der Dinge gezeigt und nicht angeordnet werden?

Die Erzählung - auch die des eigenen Lebens - spielt in Ihrem Buch eine entscheidende Rolle. Nun haben aber postmoderne Philosophen wie Jean-Francois Lyotard schon vor zwanzig Jahren das Ende der Erzählung ausgerufen ...

Ich denke, man muß da einen Unterschied zwischen der Erzählung und der Geschichte machen. Lyotard hat damit vor allem das Ende der großen Erzählung der marxistischen Geschichtsphilosophie gemeint. Aber das Wort Erzählung bedeutet für mich etwas ganz anderes, etwas viel Konkreteres. Eines der Hauptprobleme des modernen Kapitalismus ist, daß er es den Menschen verunmöglicht, kohärente Geschichten ihres Lebens zu erzählen und ihnen so etwas wie Autorschaft abspricht.

Was meinen Sie damit?

Dieses ganze voreilige Gerede vom Tod des Subjekts, der in akademischen Diskussionen als radikaler Sieg abgefeiert wurde, ist in Wirklichkeit ein echtes Drama, das heute von fast jedem Arbeiter erfahren wird. Mit all diesen postmodernen Schlüsselbegriffen - die vielbeschworene Transgression, die Leugnung von Autorschaft oder die Fragmentierung des Individuums - konnte sich bloß eine Elite positiv identifizieren. Ich gab einmal einen postmodernen Text an einen Freund weiter, der eine große Firma leitet. Und dieser Freund sagte mir nach der Lektüre: "Ja, das ist es, worum es im modernen Unternehmertum geht: keine große Erzählung, Transgression überholter Strukturen und keine zentrale Autorität." Etwas weiter unten in der Klassenstruktur wird das allerdings etwas anders erlebt.

Wie nämlich?

Da werden all diese Dinge zu Quellen des Verlusts von Selbstvertrauen und Kraft. Für mich geht es letztendlich auch darum, mit welchen Mitteln wir in der politischen und sozialen Welt jene emotionalen und imaginativen Fähigkeiten des Lebens wiederherstellen könnten, die von diesem neuen Kapitalismus zum Verschwinden gebracht werden. Denn wenn die Menschen keine eigenen Deutungen ihres Lebens machen können, dann werden sie auch keine starken Handelnden sein. Dadurch aber werden sie für die Massenmedien völlig manipulierbar - weil sie über nichts verfügen, um eine alternative Sicht der Wirklichkeit zu erzählen.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/1999 vom 25.06.1999 (S. 22)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb