Unentschlossen

von Benjamin Kunkel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Bloomsbury
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 36/2006

Im Land des Lächelns

Mit seinem Debüt "Unentschlossen" fordert der demnächst in Wien lesende Benjamin Kunkel seine Generation auf, endlich erwachsen zu werden.

Schon the very beginning lässt ein erstes Lächeln aufkeimen: "Erst als es in meinen Ohren knackte und das Flugzeug sich über den flimmernden Lichtern von Bogotá - bei Nacht eigentlich eine Stadt wie jede andere - langsam senkte, sah ich von der Buchseite hoch, über der ich gegrübelt hatte", und so weiter, und so fort. Wie da die Grandezza des eröffnenden Bildes mit der Lakonik des Einschubs konterkariert wird, so, als ließe jemand die Luft aus einem Ballon, den er vorher selbst freudvoll aufgeblasen hat: eh nett.

Willkommen also im Land des Lächelns, der stilsicheren Selbstironie, des präzisen Pointen-Ping-Pongs: "Unentschlossen", der Debütroman des US-Amerikaners Benjamin Kunkel (Jahrgang 1973), ist von der ersten bis zur letzten Zeile getragen von der Entschlossenheit, den Leser bitteschön immer und bestens zu unterhalten.

Und das tut er auch mit seinem leichtfüßigen, leicht geschwätzigen, schwer witzigen Stil, woodyallenesk in seiner Sex-und Psychoanalysefixierung und großer Lust an wortschöpferischen Spielereien. Doch das Feuerwerk an klugen Kalauern ist auch notwendig, um die inhaltlichen Schwächen des Romans zu camouflieren. Wenn die Odyssee den entscheidungsschwachen Icherzähler und Endzwanziger Dwight Wilmerding glücklich an Brigids belgischen Busen stranden lässt ("Ihr BH war so überflüssig wie Augenklappen auf vollkommen gesunden Augen, und ich zog ihn ihr aus"), so freut sich zwar der Leser mit dem sympathischen Loser, weil man sich mit sympathischen Losern halt prinzipiell freut; was er von dem kruden Vielerlei aus Philosophie, Psychologie, Chemie und Kapitalismuskritik halten soll, welches er davor zu durchschippern hatte, weiß er dennoch nicht so recht.

Auch die Passagierliste dieser skurrilen Odyssee ist mehr bunt gemischt als stimmig: Abgesehen von Wilmerdings wechselnden exotischen Lebensabschnittspartnerinnen gibt es da seine Schwester Alice, Anthropologin und Kurzzeit-Psychoanalytikerin ihres Bruders, sowie Wilmerdings Vater, einen trotz Bankrott noch beruhigend vermögenden Warenterminhändler, der den in privaten wie auch beruflichen Dingen nur wenig zielstrebigen Filius in Scotch-getränkten Vater-Sohn-Gesprächen darauf drängt, mit seinem Leben doch endlich mal zu Potte zu kommen. Ah ja, und 9/11 muss in das Buch natürlich auch noch rein, Kunkel lässt seinen harmlosen Helden die Katastrophe erleben, als dieser gerade auf Ecstasy ist: ",Hey! Noch ein Flugzeug!' Ich war begeistert. ,Sie haben es geschickt, damit es das andere rettet - oder es kommt den ganzen Leuten zu Hilfe, die ...'"

Kunkels Erstling war in den USA relativ großer Erfolg beschieden (auch die Filmrechte sind schon verkauft), im Zuge dessen auch das eine oder andere Porträt über den in New York lebenden Herausgeber einer Kulturzeitschrift zu lesen war. Darin erfährt man dann auch, dass die Unlust seiner Generation, erwachsen zu werden, das zentrale Thema von Kunkels literarischem Debüt darstellt. Eine Kritikerin erblickte in der New York Times in "Unentschlossen" gar den "Fänger im Roggen" unserer Tage!

Nein, da erinnert "Unentschlossen" leider schon viel stärker an das Debüt eines anderen amerikanischen Jungschriftstellers: an das "Tagebuch eines Versagers" von Kunkels Vornamenskollegen Anastas, jenen ironiesatten Erstling des damals (1999) knapp Dreißigjährigen, den man Minuten nach dem letzten Lächeln eigentlich schon wieder vergessen hatte.

Stefan Ender in FALTER 36/2006 vom 08.09.2006 (S. 60)


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