Die Flüsterer
Leben in Stalins Russland

von Orlando Figes

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Bernd Rullkötter
Verlag: Berlin Verlag
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 1040 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Hätte ich mich besser verhalten?

Der britische Historiker Orlando Figes, Verfasser einer monumentalen Geschichte der Oktoberrevolution mit dem Titel "Tragödie eines Volkes" (dt. 1998) und der nicht minder imposanten russischen Kulturgeschichte "Nataschas Tanz" (dt. 2003) hat mit "Die Flüsterer" eine Tiefenbohrung in das Innere des Stalinismus unternommen. Die Wahrheit über den Gulag und den Stalin'schen Terror mit seinen 25 Millionen Toten wurde jahrzehntelang nur im privaten Familienbereich erzählt – eben geflüstert.
Anhand von Tagebüchern prominenter Autoren wie Kornej Tschukowskij oder Michail Prischwin, privater Familienarchive wie jenem von "Stalins Liebling" Konstantin Simonow, vor allem aber von hunderten Interviews, die Mitarbeiter der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial durchführten, entstand eine imposantes Panorama des Lebens in Stalins Russland mit seinen Auswirkungen bis in die Gegenwart. Ein Teil des historischen Ausgangsmaterials ist übrigens unter www.orlandofiges.com einsehbar.

Falter: In den letzten Jahren hat eine Reihe britischer Historiker umfangreiche
Bücher über den Stalinismus verfasst – woher rührt das vehemente Interesse an Sowjetgeschichte?
Orlando Figes: Man kann das allgemein mit der Renaissance der Geschichtsschreibung in England erklären – britische Historiker haben über alle europäischen Länder sehr viel publiziert. Nehmen Sie etwa Ian Kershaw oder Richard Evans mit ihren Büchern über Deutschland. Was Russland betrifft, so begann ich mit meinen Recherchen in den 80er-Jahren, in den 90ern kam mir dabei natürlich die Öffnung der Archive zugute.
Kein Historiker etwa in Deutschland hat derart schonungslos die russische Erfahrung des Zweiten Weltkriegs als Freiheit vom Stalinismus beschrieben. Nach dem Historikerstreit der 80er Jahre schlug man sich dort lange mit mythologischen Vergleichen herum, in denen es darum ging, welches System schlimmer war.
Figes: Da hatten wir Briten günstigere Voraussetzungen. Bei den amerikanischen Sow­jethistorikern findet man oft die Spuren des Kalten Kriegs. Was meine eigene Einstellung zu diesem Projekt betrifft, so war das Ergebnis ohne Zweifel auch dadurch beeinflusst, dass ich aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden stamme. Ich hätte vermutlich keine vergleichbare deutsche Geschichte schreiben können, weil es meiner eigenen Familiengeschichte zu nahe gekommen wäre. Als wir in Russland begannen, die unterdrückten Erinnerungen an die Stalin-Zeit auszugraben, stellte ich fest, dass ich ähnliche Erfahrungen mit meinen Großeltern gemacht hatte.
"Die Flüsterer" ist im Grunde eine Geschichte der Sowjetunion von ihrem Anfang bis zum Ende. Was hat Sie nach der auf Dokumenten beruhenden "Tragödie eines Volkes" dazu bewogen, diese Geschichte als Oral-History-Projekt mit allen damit verbundenen Problemen zu schreiben?
Figes: Sie haben Recht – es ist eine Geschichte der Sowjetunion, aber deren innere Geschichte. Eine interne Geschichte im Sinn des Historikers Michail Gefter. Entscheidend war der Umstand, dass ich eine Menge russischer Familien kennengelernt hatte. Ich war plötzlich in eine Sphäre eingetreten, die sich ganz wesentlich von dem unterschied, was üblicherweise über die Sowjetunion geschrieben wurde. Gefter meinte, es gehe vor allem darum, jenen Stalinismus zu erforschen, "der uns ganz und gar erfüllte, der tief in uns eingedrungen war". Ich versuchte, die Geschichte der Generation von 1917 zu beschreiben, von Menschen, die unter dem Kommunismus aufwuchsen und den ganzen Stalinismus durchlebten. Der Verlauf ihres Lebens folgte der politischen Geschichte des Landes, und mich interessierte, wie sie am Ende ihres Lebens versuchten, die Dinge zu reflektieren, welche Überlebensstrategien sie anwandten, wie die Beziehungen zu ihren Familien aussahen. Meines Wissens hat das niemand vor mir gemacht. Ich war 20 Jahre lang damit beschäftigt – es ist das Projekt meines Lebens.
Welche Figur in Ihrem Buch verachten Sie am meisten?
Figes: Stalin. Für die eigentlichen Helden meines Buchs kann ich das aber nicht beantworten. Das ganze Projekt hat mich und die Leute von Memorial von Grund auf verändert. Anfangs war ich mit meinen moralischen Urteilen rigoros, lässt man sich aber auf eine konkrete Geschichte ein, sieht alles anders aus. Schließlich weiß niemand, ob er sich in derart unmöglichen Situationen besser verhalten hätte. Nehmen Sie Walentina Kropotkina, eine meiner Figuren. Sie gab im Interview zu, dass sie eine Reihe von Menschen denunziert hat – wir wussten auch, dass sie daraus materiellen Vorteil zog. Später versuchte sie sich mit allen möglichen Ideologien und Irrtümern zu rechtfertigen. Es wäre leicht, sie zu verurteilen. Hört man aber die ganze Geschichte – die Armut, in der sie aufwuchs, den Umstand, dass ihre Mutter vermutlich Prostituierte war, dass die Familie obdachlos war, wie sehr sie sich für ihre Eltern schämte und dass sie im neuen System einen Ausweg aus dieser ganzen Erniedrigung sah –, wie soll man dann noch jemanden verurteilen?
Was hat sich an Ihrer Einstellung genau geändert?
Figes: Ich habe die Fähigkeit, moralisch zu urteilen nicht verloren, aber im Laufe der Arbeit stellte sich heraus, dass ich ein anderes Buch schreiben würde, als anfänglich geplant. Das wurde besonders deutlich im Fall der Geschichte des Schriftstellers Kons­tantin Simonow.
Es gäbe viele Gründe, Simonow zu verachten. Er war einer der Wortführer während Stalins antisemitischer "Antikosmopolitenkampagne" in der unmittelbaren Nachkriegszeit, trat noch 1979 als Altstalinist gegen junge Autoren auf und denunzierte sogar in den 1990er-Jahren immer noch Studienkollegen.
Figes: Das war auch meine anfängliche Einstellung. Als ich seine Welt kennenlernte, war alles schwarz-weiß. Wie alle Geschichten gab ich auch jene von Simonow dessen Familie zu lesen, seinen Sohn Aljoscha kannte ich schon länger. Aljoscha war, obwohl er ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Vater hatte, wütend auf mich und fragte unumwunden: "Warum verurteilst du ihn? Machst du ihn für alles verantwortlich, weil du die Laskin-Familie so sehr magst?" Simonow hatte seine erste Frau, eine Tochter der Laskins, aus Karrieregründen verlassen. Schließlich habe ich meine moralische und historische Position verändert, Simonows Geschichte attraktiver, aber auch komplexer dargestellt. Die englische Biografin Claire Tomlin meinte in einer Diskussion, sie schätze mein Buch, weil es ohne Moralisieren auskomme. Ich dachte: Gut, genau das wollte ich. Der Großteil an Geschichte der Stalin-Zeit ist moralisierend geschrieben – nehmen Sie Robert Conquest oder Solschenizyn, der ständig den Zeigefinger hebt.
Solschenizyn schrieb aber unter ganz anderen Bedingungen!
Figes: Natürlich hat man mit dem Bösen zu tun, aber selbst bei Simonow, wo wirklich vieles scheiße ist, schaut man dieses Leben genauer an, muss man sich fragen: Hätte ich mich besser verhalten?
Am Ende Ihres Buchs erwähnen Sie, dass die Erben das Simonow-Archiv, das Sie für Ihre Arbeit benutzen konnten, für weitere 25 Jahre sperren ließen. Die Familie war schockiert und beleidigt zugleich.
Figes: Das ist ein Problem, wenn man es mit lebendiger Geschichte zu tun hat. Ich hatte in diesem Fall bemerkt, dass die Familie nicht alles wusste. Für mich ist Simonow die zentrale Geschichte des Buchs: Man sieht, wie moralisch kompromittiert das persönliche, ja sogar das intime Leben sein kann. Die Hauptfrage war für mich: Kann man im öffentlichen Leben ein Stalinist sein und dabei als Privatperson ein guter Mensch bleiben?
Und – kann man?
Figes: Ich glaube nein.
Sie geben gebrochenen Figuren offenbar den Vorzug gegenüber Heldengeschichten wie jener der Schriftstellerin Nadeschda Mandelstam.
Figes: Eine prominente Autorin wie Jewgenja Ginzburg hat ihr Narrativ heroisiert und die Bedeutung der individuellen Identität gegenüber dem System unterstrichen. Für viele Mitglieder der Intelligenzija und einige Dissidenten mag das wichtig sein. Jemand, der in diesem System als einfacher Kulakensohn aufwuchs, auch keinen besonderen intellektuellen Widerstand leisten konnte, oder jemand, der als Kind in der Verbannung aufwuchs und trotzdem an das System glaubte – diese Menschen sind für mich ein viel allgemeineres Phänomen. Genau diese Leute stellen aus westlicher Sicht ein absolutes Paradox dar.
Glauben Sie wirklich, dass die Russen die Geschichte des Stalinismus nicht kennen? Schließlich hat Chruschtschow die Geschichte schon einmal, wenn auch sehr
verzerrt, "entstalinisiert".
Figes: Natürlich sagen sie, dass sie das alles kennen. Fragt man aber genauer nach, erfährt man kaum Details. Unter Putin kümmert sich niemand mehr um diese Geschichten, und die Enkel sagen, das haben Oma und Opa erlebt, aber wir brauchen das alles nicht mehr. Gesprochen haben sie mit ihnen aber nie.

Erich Klein in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 34)


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