Adam und Evelyn
Roman

von Ingo Schulze

€ 18,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Berlin Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Flucht aus dem Paradies der Werktätigen

Und plötzlich, nach 40 Jahren des Wartens, waren die Tore zum Paradies weit geöffnet. Wochenlang hatten tausende Bürger der DDR im Sommer 1989 auf ungarischen Campingplätzen, in Pensionen und Privatquartieren ausgeharrt. Viele von ihnen waren eigentlich nur gekommen, um Urlaub zu machen.
Der 19. August sollte ihr Tag werden: Ein großes Loch tat sich auf im Eisernen Vorhang, der schon seit dem Frühjahr porös geworden war. Hunderte krabbelten hindurch auf die burgenländische Seite, um von dort aus in die Bundesrepublik weiterzureisen, die ihnen jahrzehntelang als das Paradies auf Erden erschienen war.
Dass das Loch im ungarischen Maschendraht den Zusammenbruch der Berliner Mauer vorwegnehmen sollte, hat damals glücklicherweise niemand so richtig geahnt: Sonst hätte man sich in Ostberlin und Moskau möglicherweise Gegenmaßnahmen ausgedacht. Dort interpretierte man die Ereignisse ja bekanntlich etwas anders: als eine Flucht aus dem Paradies (nämlich dem der Werktätigen).
Bereits in seinem episch breiten Roman "Neue Leben" von 2005 hat Ingo Schulze das Paradiesmotiv als eine ostdeutsche Obsession eingeführt. Wie ein Virus, so erzählte er damals, habe sich der Westen in den Köpfen östlich der innerdeutschen Grenze eingenistet. Im Westen gab es alles im Überfluss, niemand musste Mangel leiden, die Städte trugen so klangvolle Namen wie Karlsruhe und Garching (nicht etwa: Leipzig oder Borna) – und sogar das Benzin duftete dort, so wurde zuverlässig kolportiert, nach Veilchen.

Das Paradiesmotiv greift Schulze für seinen jüngsten Roman, im Verhältnis zu "Neue Leben" ein schmales Scherzo, noch einmal auf und spinnt daraus eine Geschichte über den wundersamen ungarischen Sommer des Jahres 1989. Die Haupt- und Titelfiguren heißen Adam und Evelyn, beide wieder aus der thüringischen Provinz. Dort gab es vor 1989 noch Damenschneider und Adam war ein besonders begnadeter unter ihnen. Seine Kundinnen jedenfalls hatten nichts dagegen, wenn er sich auch nach der Anprobe und dem obligatorischen Foto des fertigen Modells um sie kümmerte – in einer Weise, die seine Frau Evelyn verständlicherweise in die Eifersucht trieb.
Im Sommer 1989 erwischt sie ihn mal wieder in flagranti und verlässt das gemeinsame Häuschen, das man sich, umgeben von alten Bäumen, ein bisschen wie das Paradies vorstellen könnte – wären die Paradiese der Werktätigen nicht mit Plattenbauten vollgestellt gewesen.
Evelyn zieht zu einer Freundin, die gerade einen Verwandten aus der Bundesrepublik zu Besuch hat; der heißt nicht zufällig Michael, wie der Erzengel. Sie bleibt dort nicht lange, denn die drei machen sich schon bald auf den Weg nach Ungarn, Ferien am Plattensee, Weiterreise in die Bundesrepublik nicht ausgeschlossen. Adam fährt ihnen hinterher, gabelt unterwegs noch eine junge Frau namens Katja auf, die bei einem Fluchtversuch alle Papiere verloren hat und nun in seinem Kofferraum erstaunlich unbehelligt von der Tschechoslowakei nach Ungarn reisen kann.

Zwei Männer und drei Frauen, das kann nicht nur in erotischer Hinsicht kompliziert werden. Um es kurz zu machen: Am Ende kommt es zur Wiedervereinigung von Adam und Evelyn, und Katja reist mit Michael ins Paradies. Und während sich die beiden Frauen dort sehr schnell mit geradezu blinder Sicherheit zurechtfinden, bleibt Adam für immer der stille Verlierer: Denn auf Damenschneider glaubt man im Westen schon lange verzichten zu können.
Zugegeben: Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht etwas gesucht, wie Schulze die Geschichte der deutschen Vereinigung als die umgekehrte Geschichte vom Sündenfall erzählt. Noch in den kleinsten Details platziert er Anspielungen auf den biblischen Stoff. Nun erschafft aber Schulze sein literarisches Paradies mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die alle Befürchtungen aufgesetzter Bedeutungsschwere nach wenigen Seiten widerlegt.
Die Handlung entwickelt sich zum größten Teil aus Dialogen: Und wie Schulze Dialoge schreibt, das macht ihm unter seinen Kollegen im Moment keiner nach. Wir lesen nicht die gravitätische Nacherzählung eines – eben doch – welthistorischen Augenblicks, wir erleben vielmehr noch einmal, wie sich die grundlegende Verwandlung Europas und seiner Bewohner aus einer Unzahl chaotisch untereinander kommunizierender Episoden hochschaukelte.
Kaum einer denkt heute mehr an die ­damaligen Sorgen, welche politischen Konsequenzen die wilde, massenhafte Flucht der Ostdeutschen nach sich ziehen könnte. Viel stärker im Gedächtnis geblieben ist die euphorische, übermütige Stimmung, die von den Campingplätzen via Fernseher auf den Westen übergriff.
Nicht alle Sachsen in Badehose und Bikini konnten es mit Adam und Eva aufnehmen. Aber ohne dass man sich dessen damals richtig bewusst war, lag ein großer, elementarer Neuanfang in der Luft. Wie er fast 20 Jahre später diesen euphorischen Moment so präzise, leicht und selbstironisch noch einmal aufleben lässt, bestätigt einmal mehr die Ausnahmestellung des Schriftstellers Ingo Schulze.
Wie sein Held Adam ist Schulze ein virtuoser Handwerker. Und er ist ein großer Einzelgänger, der sich mit gespielter Naivität dem deutschen Hang zum Großen und Grundsätzlichen entzieht. Wie er Politisches und Privates, die Ökonomie und die Erotik, den VW Passat und den Wartburg miteinander verwurstelt zu einer Geschichte, die am Ende so einfach und kompliziert zugleich ist wie die umgekehrte Geschichte vom Paradies: Das ist die große, vielstimmige Erzählung von 1989, auf die wir viel zu lange warten mussten.

Tobias Heyl in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 23)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb