Verkaufen

von Clancy Martin

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

"Aber bescheißen muss man sie"

Clancy Martin erzählt in "Verkaufen" von den schmutzigen Geschäftspraktiken der Schmuckbranche

50.000 Dollar ohne Fassung ist allein der Sechskaräter wert, insgesamt ist das Collier aus "perfekt kalibrierten, naturbelassenen, echten changierenden sibirischen Alexandriten im Carréschliff" 400.000 wert. Leider ist es ein Ladenhüter. Schön allein reicht nicht: "Wenn ein Ehemann oder Liebhaber eine halbe Million Dollar für ihr Collier ausgegeben hat, will eine Frau, dass ihre Freundinnen wissen, wie teuer es war, und sichergehen kann man da nur mit großen Diamanten."

Diamonds are a girl's best friends – das ist auch, so scheint's, in den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts so, in denen das Romandebüt von Clancy Martin spielt – obwohl man sich während der Lektüre wiederholt fragt, wann sich das denn alles zugetragen haben mag. Der legere Umgang der Protagonisten mit Drogen scheint eher auf zwei, drei Jahrzehnte davor zu verweisen, aber was weiß unsereins schon von der amerikanischen Schmuck- und Luxusuhrenbranche!
Clancy Martin, Jahrgang 1967, hat, wie's im Klappentext heißt, "viele Jahre in Schmuck und Edelsteinen gemacht". Er hat Nietzsche und Kierkegaard übersetzt und ist heute Associate Professor für Philosophie an der University of Missouri, Kansas City, wo er unter anderem business ethics unterrichtet. Die Vorlesung haben die Protagonisten aber ganz gewiss nicht belegt, denn von Geschäftsethik ist in "Verkaufen" nicht viel zu merken. Lediglich den Ich-Erzähler, Bobby Clark, wandeln hin und wieder Skrupel an, sodass er eine Kundin, die im Begriff ist, ihren Ring um ein Zehntel des Marktpreises zu verscheuern, dazu rät, mit diesem doch lieber zur Konkurrenz zu gehen – zum nicht geringen Ärger von Bobbys um rund sieben Jahre älterem Bruder Jim, der überhaupt nichts dabei findet, aus der desperaten Situation der jungen Frau Kapital zu schlagen.
Geschäft ist Geschäft, zu verschenken gibt es nichts, jedenfalls nichts, was sich unterm Schlussstrich nicht rechnet. Am allerwenigsten wird Treue belohnt, und so bezahlen die Clarks einer alten Stammkundin für eine 400-teilige Tiffany-Essgarnitur gerade einmal den Silberpreis, den auch der Schmelzer zahlen würde: "So läuft das mit den Stammkunden, weil man sie schon am Haken hat, kann man sie umso leichter bescheißen. Aber bescheißen muss man sie, um all die mageren Deals wettzumachen, mit denen man sie überhaupt erst an Land gezogen hat."
Um die fetten Deals einzufädeln, agiert vor allem der abgebrühte Jim ziemlich dreist – etwa, wenn er eine Damen-Two-Tone-Rolex, die bloß zum Service soll, kurzerhand in den Dampfreiniger spannt und mithilfe von echten und gefälschten Verpackungsteilen als neu verkauft: Die begehrten Modelle sind vor Weihnachten knapp, und die Uhr für die Frau eines reichen Kunden dient nur als Vehikel, um diesem das eingangs erwähnte 400.000-Dollar-Collier anzudrehen.

Die fiesen Tricks der Verkäufer gehören zu den interessanten und lesenswerten Facetten eines Romans, der insgesamt dennoch nicht als geglückt gelten kann. Denn der zweite Handlungsstrang, in dem es vor allem um das Verhältnis der beiden Brüder geht, ist um kaum ein (Geschlechter-)Klischee verlegen. Vor allem hat man sich an Typen wie Bobby, diesen orientierungslosen, bereits in jungen Jahren so furchtbar müden Männern mit ihrem dann auch noch lustlos exekutierten Frauen- und Drogenkonsum (Sex ist hier vor allem anstrengend) doch schon vor geraumer Zeit sattgelesen.
Hinzu kommt, dass die gelegentlich recht hanebüchene Übersetzung mit ihren ungelenken Anglizismen und Saloppheiten der Leselust auch nicht unbedingt förderlich ist: Da wird etwa über den "intrinsischen Wert" der Dinge räsoniert, und an anderer Stelle muss man Sätze wie "Mann. Vielleicht sollte ich das lieber selber handlen" oder "Ich trieb Lisa hinten an Jims Schreibtisch auf" über sich ergehen lassen. Der Preis für das glanzlackbedruckte Hardcover von "Verkaufen" ist okay, seine Zeit aber kann man mit aufregenderer Lektüre verbringen.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 28)


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