Northline

von Willy Vlautin, Robin Detje

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Last Night Paul Newman Saved My Life

Willy Vlautin wurde in Reno, Nevada, geboren und ist mittlerweile einen Bundesstaat weiter Richtung Norden, nach Oregon, gezogen, wo er in Portland (Klappentext) respektive Scappoose (Homepage) lebt. Klingt jedenfalls nach Fuchs und Hase und Gute Nacht, aber das würde unsereiner ja auch von Montana und Minnesota, Nebraska oder North Dakota behaupten. Mit seiner Band Richmond Fontaine spielt Vlautin eine Musik, die gerne unter "Americana" rubriziert wird; das Umschlagfoto zeigt ihn, mäßig sorgfältig ra- und frisiert, in einem von diesen karierten Hemden, die uns sagen: verscheucht mit der Gitarre Waschbären aus dem Garten und tut Ahornsirup auf seinen Toast.

Willy Vlautin ist ein guter Mensch, jedenfalls ein guter Autor, wie er mit seinem vom Guardian über den Rolling Stone bis zum Falter hochgelobten Romandebüt "Motel Life" (2007, dt. 2008) bewiesen hat. Er erzählt darin das Roadmovie zweier Brüder, die's verbockt haben – tödlicher Unfall plus Fahrerflucht – und es in diesem Leben auch nicht mehr gebacken kriegen werden.
Das ist nicht neu und würde keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken, wäre "Motel Life" nicht so anrührend erzählt und stellenweise – bei aller Tragik – auch noch ziemlich komisch. Das ist auch in "Northline" so, bloß an der Komik hapert's. Diesmal steht kein Brüder-, sondern ein Liebespaar im Zentrum der Geschichte, allerdings eines, dessen Beziehung als prekär eingestuft werden muss: Gleich zu Beginn schwängert Jimmy seine Freundin auf der Behindertentoilette eines Kasinos, ist über den Zustand der ganz offenkundig sturzbetrunkenen jungen Frau dann aber so enragiert, dass er sie mit seinen Stahlkappenstiefeln zu treten beginnt und bewusstlos liegen lässt.

Allison Johnson ist 21. Auf dem Rücken hat sie ein Hakenkreuz und das Signet der rassistischen World Church of the Creator tätowiert – weniger Ausdruck einer Weltanschauung als Folge eines Abends, an dem in unfeierlichem Ausmaß dem Alkohol zugesprochen wurde (was bei Allison nicht eben selten vorkommt). Kurz und gut: Jimmy und Allison vertreten ein Milieu, das zynisch auch als White Trash bezeichnet wird. Dafür, dass sie so sind, wie sie sind, liefert der Roman auch ansatzlos eine triftige Begründung: Jimmy ist der Sohn eines gewalttätigen Kotzbrockens von Vater, Allison die Tochter einer ziemlich kaputten Mutter: "Ihre Zähne waren braun, und sie hatte sich in diesem Jahr drei ziehen lassen. Sie hatte das Gesicht einer Frau, die jeden Tag trank und dann vergaß, etwas zu essen."
Was "Northline" (wie schon "Motel Life") davor bewahrt, in elendsvoyeuristischen Existenzialkitsch zu kippen, ist die Position des Erzählers. Man kann sie insofern als "romantisch" bezeichnen, als hier zwar nichts beschönigt, aber zugleich auch verfügt wird, dass nicht alles schiefgehen möge. Dafür sorgt nicht nur Paul Newman, den sich Allison als Retter in der größten Not herbeifantasiert, sondern auch ein kleines Ensemble an Nebenfiguren, die zur Solidarität mit den vom Schicksal Gebeutelten fähig bleiben: Weil sie keine Abstiegsängste mehr kennen und ihnen die kleinbürgerliche Aggressivität des Nach-oben-Strebens und Nach-unten-Tretens völlig abgeht.

Da ist etwa die fresssüchtige Penny ("Ich kann dir sagen, es ist schwer, sich einen Eisbecher mit vier Kugeln zu kaufen, wenn du fett bist. Die Leute gucken dich an, als hättest du gerade ihre Oma überfahren"), die Allison ins Staubsaugertelefonmarketing einführt. Und da ist Dan mit dem hängenden Augenlid, der erfolgreicher ist, wenn er auf der Rennbahn für andere Leute setzt. Sie versuchen Allison, die mittlerweile entbunden und ihr Baby zur Adoption freigegeben hat und vor Jimmy nach Reno abgehauen ist, aus den Niederungen totaler Selbstverachtung zu führen.
Vlautin wirft die Empathiemaschine der Literatur an, und die kommt sprotzend auf Touren. Der Spritverbrauch ist ihm egal. Wahrscheinlich ist er trotzdem – oder gerade deswegen – ein guter Mensch.

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 9)


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