Trennungen. Verbrennungen
Roman

von Helmut Krausser

€ 22,70
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Verlag: Berlin Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Wer weiß, was ein Cicisbeo ist?

Der deutsche Beststellerautor Helmut Krausser reagiert sich in „Trennungen. Verbrennungen“ am Zeitgeist ab

Den Vorwurf, #MeToo und die damit einhergehenden Debatten darüber verpasst zu haben, kann man Helmut Krausser nicht machen. Der 1964 geborene Bestsellerautor („Der große Bagarozy“, „Fette Welt“) nimmt das alles nur nicht sonderlich ernst. Beziehungsweise geht es ihm offenbar gehörig auf die Nerven. Für seinen neuen Roman „Trennungen. Verbrennungen“ greift sich Krausser alle erdenklichen Diskurse über die Dominanz weißer Männer, Sprachregelungen und „Genderwahn“ und stopft sie in eine einzige Figur, die auf diese Weise natürlich zu einer ziemlichen Nervensäge wird.

Die behütete Berliner Professorentochter Alisha Reitlinger kriegt Schnappatmung, wenn ihr Vater Spenden für „Flüchtlinge“ statt für „Geflüchtete“ sammelt, sie unterstellt Männern ohne wirkliche Anhaltspunkte, sie sehr wahrscheinlich im Schlaf missbraucht zu haben, und im Schreibklub auf der Uni verteidigt sie ihr schlechtes Gedicht mit dem Argument, dass „es keine falschen Konjunktive gebe, es gebe ja auch keine illegalen Menschen“. Eine Figur zum Davonlaufen. Oder aber ein willkommener Boxsack für entsprechend geartete Aggressionen, je nach Geschmack der Leserinnen und Leser.

Wie es das Klischee vorsieht, rasiert sich Alisha aus Prinzip die Beine nicht und entdeckt im Laufe des Romans ihre lesbische Liebe zur 19-jährigen Caro. Die hat bloß längst für sich geklärt, dass sie eigentlich straight und außerdem im Nebenjob Escort-Girl ist. Einer ihrer Kunden, Leopold, leidet unter der suboptimalen Figur seiner Lebensgefährtin ebenso wie sein Kommilitone Gerry unter dem Umstand, dass seine Freundin, deren reiche Eltern nur im Fortpflanzungsfalle was springen lassen, keine Kinder will.

Poldi und Gerry studieren beide bei Alishas Vater Fred. Dessen Frau wiederum hat regelmäßig Sex mit einem Jüngeren, den der erektil nicht mehr voll funktionsfähige Professor aber durchaus kennt und billigt. Gegen Ende führt diese Affäre übrigens zu einer schlagfertigen Aussage Alishas, die man dem humorlosen Mädel eigentlich nicht abkauft. „Sie sind der Cicisbeo meiner Ma, stimmt’s?“, spricht sie den Liebhaber in Anwesenheit von dessen ahnungsloser Gemahlin an. „Ein lustiger Begriff. Schlagen Sie ihn nach.“ Die Gehörnte hängt danach stundenlang im Internet, weil sie nicht und nicht dahinterkommt, wie man „Cicisbeo“ schreibt.

Es ist dies der beste Moment in einer flott dahergeplauderten, gänzlich belanglosen literarischen Mini-Seifenoper. Helmut Krausser hat offensichtlich Gefallen an dieser Art, Großstadtmenschen durch seine eigene Lupe zu betrachten, er hat sie davor schon, wenn auch angereichert mit fantastischen Elementen, in seinem Theaterstück „Haltestelle. Geister“ angewandt. Die Wege eines Dutzends Figuren kreuzen sich, was zu gewissen Verwirrungen und Verwicklungen führt, aber die Beziehungen der meisten Protagonisten wären auch so ziemlich verkorkst, wie das im modernen Berliner Leben eben so ist.

Die 256 Seiten sind in 121 Kapitel unterteilt, was abwechslungsreich ist, aber auch Konzentrationsbögen zerschießt. Anfangs erweckt ein Verweis auf einen Mord Hoffnungen, hinter dem Palaver könnte sich ein düsterer Abgrund auftun, doch die erweisen sich als üble falsche Fährte. Niemals kommen Zweifel darüber auf, wie sich jemand fühlt oder was er denkt. Das Innenleben aller Figuren wird hübsch ausbuchstabiert, wobei eine gewisse Verachtung des auktorialen Erzählers für all die armseligen Gestalten durchschimmert.

Am Ende finden diese im Rahmen eines Begräbnisses zusammen, überstehen aber diese als dramaturgischer Höhepunkt konzipierte Begegnung unbeschadet. Dafür gibt Krausser höchst wichtige Informationen zum Leichenschmaus preis: „Drei Hauptgänge standen zur Auswahl, Fleisch, Fisch oder vegetarisch. Auch noch auf Veganer Rücksicht nehmen zu müssen, hätten die Reitlingers als Zumutung empfunden, als zu viel Zugeständnis an einen ihrer Auffassung nach komplett gaga gewordenen Zeitgeist.“ Dreimal dürfen wir raten, wer diese Auffassung teilt.

Martin Pesl in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 7)


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