Die lange Heimkehr

von Philip Caputo, Wolfgang Müller

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Verlag: Diana
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 26/2001

Um die Schiffsmetaphorik geht es auch im Sammelband "Schiffe in der Weltliteratur", in dem Manfred Gsteiger Texte von der Genesis über Grillparzer bis Enzensberger versammelt hat. Darin ruft Walt Whitman in seinem Gedicht "In cabin'd ships at sea" das Buch auf, seine Bestimmung zu erfüllen ("Then falter not O book, fulfil your destiny") - was Gsteigers Buch nicht gelingt. Das einzig Bemerkenswerte daran ist das Fehlen von Texten aus der Odyssee und Herman Melvilles "Moby Dick". Dafür bringt es Weltliteratur von Silja Walter:
"Lass mein Kahn die Welt vergehn.
Ich will nicht mehr weinen.
Wenn uns Gott nur bleibt bestehn
Und der Wind im Leinen."
Was sagt Käpt'n Ahab dazu? "Fier weg!"Gemäß einer alten Seemannsweisheit bringen Frauen an Bord Unglück. Den Beweis dafür liefert der in Australien lebende Autor Colin Falconer mit seinem Roman "Zorn der Meere". Ein furchterregendes Buch. Es beginnt mit einem Erzähler, der sich als Teufel ausgibt und vom Untergang des holländischen Schiffs "Batavia" berichtet, das dreihundert Passagiere nach Java bringen sollte. "24. Jänner 1629, sechs Grad siebenundvierzig Minuten südlicher Breite. An diesem Morgen trug Lucretia ein goldgelbes Samtkleid mit hochgeschlossenem Mieder, das sich weich um ihre Brüste schmiegte." Dieses Schiff musste ja untergehen! Zuvor wurde Lucretia noch von der Crew vergewaltigt, nach dem Schiffbruch ziehen die überlebenden Männer und Frauen eine perverse Kommune auf. Käpt'n Ahab? "Genarrt! Betrogen!"Neben Stürmen fürchten Segler besonders die Windstille. "So vergingen drei endlose Tage und Nächte", schreibt der Amerikaner Philip Caputo in seinem Roman "Die lange Heimkehr" über die Lage seiner jugendlichen Seehelden nach einem verheerenden Sturm. Ein Gefühl, das dem Leser bald sehr vertraut ist, denn Caputo besegelt die Untiefen der amerikanischen Psyche. Fast ein Jahrhundert nachdem er sich ereignet hat, deckt die 40-jährige Sybil einen alten Familienskandal auf: Ein Vorfahre hatte im Jahre 1901 seine drei halbwüchsigen Söhne mit der Familienjacht für drei Monate aufs Meer geschickt und, nachdem sie schiffbrüchig auf Kuba gelandet waren, im Stich gelassen. Als die drei schließlich zu ihrer Mutter nach Boston zurückkehren, eröffnet sie ihnen, dass die Scheidung von ihrem Vater kurz bevorstehe.

Sybil puzzelt sich aus alten Aufzeichnungen eine Erklärung zusammen. Demnach stammten die Buben nicht von ihrem vermeintlichen Vater, sondern von dessen älterem unehelichen Sohn, was dieser bei einem Streit um Geld dem Vater ins Gesicht gesagt hatte. Statt nach amerikanischer Manier zum Gewehr zu greifen, schickt der verstörte Vater seine Kuckuckseier aufs offne Meer hinaus. Käpt'n Ahab, Ihr Kommentar? "Dies Holz ist in Amerika gewachsen!"Kein Teufel und keine Sybil, sondern der Geist eines toten Seemanns ist der Erzähler im Roman "Prinz" des dänischen Autors Ib Michaels. Er entdeckt im Sommer 1912 den zwölfjährigen Malte, der an der dänischen Küste seine Ferien verbringt. Der Geist und Malte verstricken einander in Träume von den Geheimnissen des Meeres und der Kindheit. Unterdessen versuchen die Erwachsenen im Ferienhaus mit ihren prosaischeren Wünschen zurechtzukommen. Ein chilenischer Hochstapler verführt die Hotelmagd, ein Doktor sucht die Freiheit im neuesten Automobil, Maltes Mutter die Sicherheit bei einem fetten Viktualienhändler. Die Erwachsenen organisieren sich ihre Erfüllung, doch Malte geht mit seiner Sehnsucht im Meer unter. Seines poetischen Pendants beraubt, erzählt der Geist nun seine eigene Lebensgeschichte - und spinnt einen traumhaften Roman als Seemannsgarn zu Ende. Käpt'n Ahab hat es gewusst: "Lass mich in ein Menschenauge blicken - in ein Menschenauge blicken ist besser, als in See und Himmel, besser als auf Gott schauen."Dreizehn Fischer aus dem niederländischen Örtchen Zeewijk waren an einem Dienstagmittag im August 1915 zu ihren Fischgründen ausgelaufen. Unter ihnen befindet sich auch Arend Falkenier, den Gott erleuchtet hat - zumindest glauben das die "Auserwählten" und die "Bekümmerten" einer christlichen Sekte im Dorf, der auch Arend angehört. "Wenn das Dorf auch für unseren Herrgott eine feste Burg sein mag, es kennt doch viele Tabus und Gebräuche, die nicht mit dem übereinstimmen, was die Pfarrer von der Kanzel predigen. Das Leben der Fischer ist unsicher, die See unberechenbar, und ein ebenso launenhafter ,Wellenbändiger' macht die Menschen regelmäßig zum Spielball der Natur. Deshalb gibt es im Dorf ,Seher'."

Arend ist so ein Seher; und behauptet auf hoher See plötzlich, den Weltuntergang herannahen zu sehen - zumindest dessen Probebühne, denn die Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren ja wirklich nicht weit. Arend redet der Besatzung ein, sie seien die letzten Überlebenden einer Sintflut und hätten unverzüglich Kurs auf das himmlische Jerusalem zu nehmen. Weil nur Gott sie dahin führen könne, müssten Ruder und Masten gekappt werden, sei das Schiff ganz Gottes Willen zu überlassen. Zweifler werden umgebracht. Als ein Schiff die mutwillig abgewrackte "Noordster" entdeckt, stehen die Noordster-Leute so im Banne Arends, dass sie versuchen, die anderen zur Mitfahrt nach Jerusalem zu bewegen. Nach seiner Verhaftung wird Arend psychiatriert. Er verlässt das Dorf, doch die unglückliche Besatzung bleibt mit ihrer Schande in Zeewijk zurück. Arend - eine verwandte Seele, Käpt'n Ahab? "Wo du strömendes Leben spürst - dort, genau dort, aufs Haar genau dort spüre ich's auch. Ein Rätsel, was?"Vor einem Rätsel steht auch die Mannschaft im Roman "Schiffbruch der Sterne" des Argentiniers Eduardo Belgrano Rawson. Warum fährt der "Graue", der Kapitän und Eigner des alten Segelschiffs "Lucia Alvarado, Witwe Pereyra", im Jahr 1933 um das gefährliche Kap Horn? Dort verkehren doch längst Motorschiffe. "Selbst während der schlimmsten Stürme konnte man in Ruhe seine Arbeit tun. Die Brücke war vor Wind und Wetter geschützt, und das Schiff verwandelte sich niemals in einen Hort der Verzweiflung wie ein Segelschiff."

"Ein Hort der Verzweiflung" ist die "Lucia Alvarado", aber auch die gesamte Existenz der Menschen in diesem Roman. Für den Kapitän und seine Frau bedeutet die Fahrt um Kap Horn eine letzte Chance zu Geld zu kommen, für die Besatzung ist es nichts als eine weitere Station ihres Schicksals.

Wochenlang trotzen sie den Stürmen am Kap. Dann endlich: "27. und 28. Februar. Gutes Wetter. Wir segeln gegen Norden und lecken unsere Wunden." Geschafft, das Leben und die Fahrt gehen weiter. "1. März. Vor einigen Stunden (es ist zwei Uhr morgens) sind wir auf etwas aufgelaufen. Das Schiff hat unter furchtbarem Ächzen angehalten." Mit der "Witwe Pereyra" ist es zu Ende, nur der "Graue" erreicht als einziger Überlebender die Küste. Das Schiff verloren, seine Frau und die Besatzung tot. ",Ich werde alleine leben müssen, bis ich sterbe', dachte er."

Käpt'n Ahab, ein paar letzte Worte für diesen Mann! "Was ist es, welch grausamer, unbarmherziger Tyrann befiehlt mir, dass ich entgegen aller Liebe, entgegen allem natürlichen Verlangen immer, immer weiter muss, mich selbst vorwärtstreiben, drängen, mich blind bereiten muss, zu tun, was mein Menschenherz, dem eingeborenen Triebe folgend, niemals zu wagen wagte?"

Christian Zillner in FALTER 26/2001 vom 29.06.2001 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schiffbruch der Sterne (Lisa Grüneisen, Eduardo Belgrano Rawson)
Prinz
Zorn der Meere (Colin Falconer, Gabriele Weber-Jary)
Schiffe in der Weltliteratur (Manfred Gsteiger)
Wahnsee (Robert Haasnoot, Christiane Kuby)

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