Truffaut/Hitchcock
Vollständige Ausgabe, in Zusammenarbeit mit Helen G. Scott

von François Truffaut, Robert Fischer, Frieda Grafe, Enno Patalas

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diana
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 31/1999

Alpen sind zum Absturz da

Dem 100. Geburtstag des Meisters sei Dank: Zum erstenmal ist die vollständige Ausgabe von Francois Truffauts klassischem Hitchcock-Buch auch auf deutsch erhältlich.

Wenn es eine Figur gibt, an der sich die Aufhebung des Gegensatzes zwischen E- und U-Kultur, zwischen dem Anspruchsvollen und dem Populären, zwischen sublimer Raffinesse und unmittelbar packender Emotionalität schlagend beweisen läßt, dann ist das wohl Alfred Hitchcock. Umso erstaunlicher ist es zumindest für den filmhistorisch durchschnittlich beschlagenen Leser, wenn Francois Truffaut im Vorwort zu seinem berühmten, 1966 im französischen Original erschienenen Hitchcock-Buch schreibt, es ginge ihm darum, dem bislang völlig unterschätzten Werk endlich jenen Platz zuzuweisen, "den es verdient".

Entstanden war das berühmteste Filmbuch der Welt im Laufe von vier Jahren, nachdem Truffaut und seine als Dolmetscherin fungierende Freundin Helen G. Scott sich im Sommer 1962 sechs Tage lang "ohne Unterbrechung von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends" mit Hitchcock unterhalten hatten und das zweisprachig geführte Gespräch zur Gänze mitgeschnitten worden war. Ein letztes Kapitel, das sich mit den verbleibenden Filmen ("Topaz", "Frenzy" und "Family Plot") befaßt, wurde erst in der "Edition definitive" von 1983 hinzugefügt.

Der Titel der lediglich als Paperback herausgebrachten und weit weniger großzügig ausgestatteten deutschen Ausgabe von 1973 führt direkt ins Zentrum des Buches: "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" Nicht um die Biografie des Regisseurs oder um die Interpretation seiner Filme geht es in den Gesprächen, sondern um das grundlegende Anliegen von Hitchcocks Schaffen, das der Meister selbst in Zusammenhang mit seinem ersten "Hitchcock-Film", dem 1926 gedrehten "The Lodger", so formulierte: "Tatsächlich ging ich von einer einfachen Erzählung aus und bemühte mich zum erstenmal, meine Ideen in einer rein visuellen Form darzustellen."

Hitchcocks Kino, so formuliert es Truffaut, ziele darauf, "die Aufmerksamkeit des Publikums so auf die Leinwand zu konzentrieren, daß die Italiener ihre Zigaretten ausgehen lassen, die Franzosen nicht länger ihre Nachbarin befingern, die Schweden nicht mehr zwischen den Stuhlreihen vögeln". Ein Ziel, das der Zeit seines Lebens von der Angst vor Kontrollverlust inspirierte Regisseur mit "Psycho" erreicht sah. Just eines der meistinterpretierten Werke der Filmgeschichte und Hitchcocks kommerziell erfolgreichster Film (er hatte nur 800.000 Dollar gekostet und zum Zeitpunkt des Interviews, also gerade einmal zwei Jahre nach seinem Entstehen, 13 Millionen eingespielt) war für seinen Regisseur der gelungenste Beweis für die Autonomie des Kinos, für dessen visuelle und emotionale Kraft: "Worauf es mir ankam, war, durch eine Anordnung von Filmstücken, Fotografien, Ton, lauter technische Sachen, das Publikum zum Schreien zu bringen. Ich glaube, darin liegt eine große Befriedigung für uns, die Filmkunst zu gebrauchen, um eine Massenemotion zu schaffen." Und Hitchcock, dem gerne ein manipulativer und durchaus maliziöser Umgang mit seinen Mitmenschen nachgesagt wird, fügt triumphierend hinzu: "In ,Psycho' habe ich das Publikum geführt, als ob ich auf einer Orgel gespielt hätte."

Zeit seines Schaffens wahrte Hitchcock Distanz zum Literarischen. Die originalgetreue Wiedergabe großer Stoffe hielt er für den Tod des Kinos. "Ich lese eine Geschichte nur einmal", gestand er Truffaut. "Wenn mir die Grundidee zusagt, übernehme ich sie, ich vergesse das Buch vollkommen und mache Kino. Ich wäre völlig außerstande, Ihnen die Geschichte von ,The Birds' von Daphne du Maurier zu erzählen." Ein guter Teil des Vergnügens, das der Leser bei der Lektüre von Truffauts Hitchcock-Buch gewinnt, liegt im Nachvollzug jener Strategien, die Hitchcock entwickelte, um in Bildern zu erzählen. Und noch viel interessanter als die Erklärung der technischen Tricks (der ohne Schnitt gedrehte Absturz des Flugzeugs ins Meer in "Foreign Correspondent"; die überdimensionierte Revolver-Hand in "Spellbound"; der Treppensturz des Detektivs in "Psycho"; der Schwindel-Effekt in "Vertigo" etc.) ist es, der Konstruktion des suspense zu folgen, also jenes von Hitchcock zur Perfektion getriebenen Spannungsmomentes, das im Gegensatz zur bloßen Überraschung durch die dosierte Weitergabe von Informationen aufgebaut wird, über die die Zuseher, nicht aber die jeweiligen Figuren des Films verfügen.

Der Kampf um die eigene Bildsprache schloß für Hitchcock den Kampf gegen "unsere Freunde, die Wahrscheinlichkeitskrämer" mit ein, und er wußte sehr genau, wie wichtig es für einen Regisseur ist, die Welt jenseits des Bildausschnittes vergessen zu können. Die Zauberformel lautet "Reduktion!", und einige seiner prägnantesten visuellen Einfälle verdankte "Hitch" durchaus klischeehaften Ausgangsideen. Spielte ein Film in Holland, so gab es Regenschirme und Windmühlen (die sich mitunter freilich gegen den Wind drehen, wie in "Foreign Correspondent"), spielte er in der Schweiz ("Secret Agent"), assoziierte Hitchcock "Milchschokolade, Alpen, Volkstänze und Seen". So betrachtet sind Hitchcocks Filme die Umkehrung der alten Architekten-Weisheit form follows function. Hat man erst einmal eine Landschaft, wird sich auch ein Zweck für sie finden. Und der konnte für Hitchcock nur in einem bestehen: "Die Seen müssen dasein, damit Leute darin ertränkt werden, und die Alpen, damit sie in Schluchten stürzen."

Klaus Nüchtern in FALTER 31/1999 vom 06.08.1999 (S. 48)


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