Dem Wind ausgeliefert
James Cook und die abenteuerliche Suche nach Australien

von Peter Aughton, Michael Benthack

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diana
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Der französische Altertumshistoriker Jean-Pierre Vernant hat die griechischen Sagen für seine Enkel neu erzählt.Nicht nur aufgrund der deutschen Übersetzung ist das Projekt gescheitert.

Die Mythenkonjunktur hält an: Das Fernsehen hat Odysseus und Herkules wiederentdeckt, und das einschlägige Angebot auf dem Buchmarkt ist beachtlich. Offenkundig will jede Epoche die alten Sagen neu erzählt haben: Unsere Urgroßeltern lasen den biederen Gustav Schwab, unsere Kinder hören die sonore Stimme Michael Köhlmeiers. Das Interesse an den mythischen Stoffen hat sich nie an den großen Dichtungen selbst entzündet, sondern meist an deren Nacherzählungen. Goethe, Grillparzer und Kleist holten sich ihre Stoffe vorzugsweise aus Benjamin Hederichs "Gründlichem mythologischen Lexikon", und auch heute greift kaum jemand zu den Quellen.

Für so ein Buch müsste gerade jetzt die Nachfrage groß sein, hat man sich wohl im DuMont-Verlag gedacht, zumal dann, wenn der bedeutende französische Altertumskenner Jean-Pierre Vernant (Jg. 1914) uns seine Fassung der klassischen Sagen bietet - und zwar so, wie er sie seinem Enkel erzählt hat. Stolz verkündet der Klappentext: "Seine griechischen Göttergeschichten haben Hunderttausende von Lesern in Frankreich gefunden. ,Götter und Menschen' wird in 26 Sprachen übersetzt." Und so auch ins Deutsche, oder in eine Sprache, die die Übersetzerin dafür hält. Doch davon später.

Vernant weiß, dass die Mythen keinem festgelegten Muster verpflichtet sind; somit ist jede Nacherzählung im Sinne Hans Blumenbergs ein Stück "Arbeit am Mythos". Niemand wird es dem Autor also verübeln, wenn er von den Fassungen, die uns geläufig sind, abweicht. Darüber hinaus bekennt er: "Und wie kann der Forscher vergessen, dass er, auch wenn er sich zum Erzähler macht, trotzdem der Gelehrte bleibt, der nach dem intellektuellen Fundament der Mythen sucht und jene Bedeutungen in seine Erzählungen einfließen lassen wird, deren Gewicht ihn seine früheren Studien ermessen ließen?"

Einfacher ausgedrückt: Vernant weiß viel und bekennt sich zur wissenschaftlichen Inkontinenz. Er lässt also "einfließen", spricht als Gelehrter hastig dazwischen, wenn der Erzähler zu viel Platz einzunehmen droht, und bedient so die Prädisposition seiner jugendlichen Leser zur Altklugheit. So sind im Kursivdruck griechische Worte eingeflochten, die beweisen sollen, dass der Verfasser Altgriechisch kann - was wir ihm auch so geglaubt hätten.

Ob die Auswahl aus den Geschichten geglückt ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Von ihrem Reichtum und ihrer Differenziertheit vermittelt dieser Band jedenfalls eine höchst unzulängliche Vorstellung. Zudem entgleiten dem Erzähler die Vorgänge, und zwar gerade dann, wenn er sich, wie im Fall des Ödipus, ziemlich genau an die literarische Vorlage hält. In der Dionysos-Geschichte folgt er den "Bacchen" des Euripides, was zu einer Art Slapstick-Version dieses packenden Dramas führt. Und das ist noch gut so, denn die unfreiwillige Komik erquickt wenigstens, während die anderen Geschichten wie ein bilder- und witzloser Asterix anmuten.

An diesem niederschmetternden Eindruck ist auch die Übersetzung nicht unschuldig. Manches klingt unsinnig ("Bei Kalypso kommt auch der Ausgang des Dramas in Gang"), und der Umgang mit den griechischen Namen zeugt vom irreversiblen Verfall philologischer Sitten. Das Ungeheuer Gorgo heißt in diesem Text Gorgone; die Dichterin hieß eben nicht Sapphone, sondern Sappho, und Hero wurde von ihrem Leander gewiss nicht Herone genannt. Ein läppisches Register macht das Buch vollends zum Galimathias, und es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Buch im deutschen Sprachraum nicht auch von Hunderttausenden gelesen wird.Ein richtiger Reißer ist das, die mehr als 400 Seiten fliegen nur so dahin. Wagemutige Seemänner stoßen in unbekannte Gebiete vor, Schiffe werden gekapert und versenkt, Verschwörungen geschmiedet und aufgedeckt. Schurken und Helden bestreiten eine weitere Episode im ewigen Kampf von Gut und Böse. Nur: "Muskatnuss und Musketen" ist kein Roman, und Giles Milton hält sich an die Fakten.

Die Inselwelt des heutigen Indonesiens ist um 1600 der Schauplatz für das Ringen der Kolonialmächte um den Zugang zu den kostbaren Gewürzen. Insbesondere die Muskatnuss steht hoch im Kurs, und die gedeiht nur auf den winzigen Banda-Inseln, am üppigsten auf dem kleinen Eiland Run. Milton versucht einem gewissen Nathaniel Courthope ein patriotisches Denkmal zu setzen, weil dieser auf Run 1540 Tage Belagerung standhält, bevor ihm eine niederländische Muskete das Lebenslicht ausbläst. Schließlich tauschen die Engländer Run gegen eine Insel namens Mana-hatta in der Hudson-Mündung. Wir verdanken es also der Muskatnuss und Courthope, dass man auf der Fifth Avenue heute nicht dieses unverständliche Niederländisch spricht.

Stimmt es also doch, dass das Leben die besten Geschichten schreibt? Und die Historiker sie nur noch finden müssen? Aber schreibt Milton überhaupt eine Kulturgeschichte, wie im Klappentext behauptet wird? Eher nein, denn die Quellen liefern nur das Material für eine Abenteuergeschichte; das Anderssein der historischen Akteure wird nicht zum Thema, sie werden mit heutigen Befindlichkeiten ausgestattet. Und - Todsünde des Historikers - Milton hält sich auch bei moralischen Wertungen nicht zurück, wobei die Niederländer in aller Regel die Schurken sind, die die Engländer foltern und morden.Auch Peter Aughton erzählt uns eine englische Heldengeschichte. "Dem Wind ausgeliefert" handelt von James Cooks erster Weltumsegelung (1768 bis 1771). Die im Untertitel angesprochene "abenteuerliche Suche nach Australien" ist irreführend, da Australien zu jener Zeit bereits entdeckt war. Gemeint ist vielmehr jener sagenumwobene Südkontinent - die Terra australis -, der als stabilisierendes Gegengewicht zu den nördlichen Landmassen irgendwo im Pazifik vermutet wurde.

Auch diese Seefahrergeschichte liest sich bestens: Die bangen Stunden, nachdem man auf ein Riff aufgelaufen ist, das Bordleben, die erstmalige Sichtung von Kängurus sind sehr anschaulich geschildert. Der Klappentext weist Aughton als Mathematiker aus, Historiker oder gar Ethnologe ist er nachweislich nicht. Begriffe wie "abergläubisch" verwendet er völlig unreflektiert, die Südseebewohner leben für ihn noch in der "Steinzeit". Er verliert keine Zeile darüber, wie vorurteilsbeladen die Schilderung der Eingeborenen durch die weißen Seefahrer ist, und strickt weiter am Südseemythos Tahiti, wo die Insulanerinnen mit ihren "Gunstbezeugungen" nicht geizen. Das Ganze wird garniert mit Fantasien von männlichem Entdeckerdrang und Naturbeherrschung.

Jetzt droht sich der Rezensent in Widersprüche zu verstricken: Die Lektüre hat wohl gemundet, und nun beschwert er sich über die Art der Zubereitung? Erst mit der Zunge schnalzen und dann die Augenbrauen hochziehen? Um den Lesegenuss voll auszukosten, ist ein wenig Schizophrenie jedenfalls sehr zu empfehlen.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 27)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Muskatnuss und Musketen (Giles Milton, Ulrich Enderwitz)
Götter und Menschen (Jean-Pierre Vernant, Hella Faust)

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