Die schwarze Venus
Das kurze und tragische Leben einer Afrikanerin, die in London und Paris Furore machte

von Gérard Badou, Susanne Reichert

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diana
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Lange vor "Big Brother" und "Taxi Orange" wurden Menschen monatelang dem voyeuristischen Blick der Öffentlichkeit ausgesetzt. Die kommerzielle Ausstellung von meist dunkelhäutigen Fremden ist Gegenstand dreier höchst unterschiedlicher Bücher.

Als die siebzig "Aschantineger" am 10. Juli 1896 an der Weißgerberlände eintreffen, wird ihnen von 2000 Neugierigen ein begeisterter Empfang bereitet. In den folgenden Monaten strömen angeblich 400.000 Wiener in den damaligen Prater-Tiergarten. Dort kann man in einem eigens eingerichteten "Dorf" die "Wilden" beim Kochen, in der Schule und bei ihrer täglichen Arbeit beobachten. Das Gedränge ist groß und die Zudringlichkeit kaum zu überbieten.

Kein Container schützt die Ausgestellten. Das Besucherspektrum reicht dabei vom Kaiser bis zur Kassiererin, ganz Wien ist vom Aschantifieber erfasst. Aschantinüsse werden verkauft, Aschantimärsche komponiert und Peter Altenberg verfasst seine literarische Skizzensammlung "Ashantée" - eine der wenigen kritischen zeitgenössischen Stimmen.

Das Interesse der Kulturwissenschaft für "anthropologische Spektakel" ist nicht neu. Was die Untersuchung von Werner Michael Schwarz auszeichnet, ist der Fokus auf den Ort: "Zur Schaustellung ,exotischer' Menschen, Wien 1870-1910" präzisiert der Untertitel. Aus der Vielzahl von etwa fünfzig Schaustellungen dieses Zeitraumes konzentriert er sich auf eine Hand voll. Statt aus der Vogelperspektive über Exotisierung zu schreiben, kann Schwarz durch seine dichte Beschreibung die These plausibel machen, wonach der jeweilige lokale Kontext entscheidend für die Ausgestaltung, Inszenierung und auch den Erfolg von Menschenschauen ist.

Noch in den 1870ern werden entsprechende Darbietungen oft in ihrer Echtheit angezweifelt. Diesem Seriositätsdefizit weiß der Tierhändler und Zoogründer Carl Hagenbeck durch eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit zu begegnen. Er lässt seine "Singhalesen" 1884 in der Prestige verleihenden Rotunde Quartier beziehen, die 1873 die Weltausstellung beherbergte. Was früher problematisch war - nämlich die Berührungsgäste der besseren Gesellschaft mit dubiosen Vergnügungen -, erhält nun eine wissenschaftliche Legitimation als "ethnographische Ausstellung".



Die überaus erfolgreiche "Singhalesen"-Schau wird ganz überwiegend von den liberalen Blättern der Zeit rezipiert. Im liberalen Weltbild von Fortschritt, Handel und kolonialer Expansion bestätigen die vermeintlich auf einer früheren Zivilisationsstufe befindlichen "Singhalesen" die eigene bürgerliche Identität und die europäische Hegemonie. Als zwölf Jahre später die Aschanti zum ersten Mal im Prater gastieren, hat sich die Erwartungshaltung der Betrachter geändert.

Die gesamte Wiener Presse berichtet nun ausführlich über die wechselnden Attraktionen, Todes- und Zwischenfälle im "afrikanischen Dorf". Im Kontext des Tiergartens wird nun das "Wilde" und "Natürliche" hervorgestrichen. Der öffentliche Blick richtet sich primär auf den Körper der "Aschanti", dessen Fremdheit und erotische Verheißung: Man zwingt sie, sich spärlich zu bekleiden, und macht sie so zur sexuellen Projektionsfläche.

Damit macht der Kulturhistoriker Schwarz auch klar, in welchem Maße die Besucher nicht nur Subjekt, sondern auch immer Objekt dieser Schaustellungen sind. In den Kommentaren, Feuilletons und satirischen Spitzen der Wiener Presse sind die drängelnden, gaffenden und lüsternen Zuschauer stets präsent. Was sie "wirklich" sahen, bleibt freilich weitestgehend Spekulation.

So wird in methodisch sauberer Weise stets explizit gemacht, worüber sich überhaupt Aussagen treffen lassen. Über Namen, tatsächliche Herkunft und Status der "Lappländer", "Singhalesen" und "Aschanti" gibt es keine oder keine verlässlichen Informationen. Ganz zu schweigen von der Wahrnehmung und dem Erleben der Ausgestellten, die völlig unzugänglich bleiben. Dabei wollten wir als Voyeure zweiter Ordnung doch so gerne etwas über das Innenleben der Fremden erfahren.Lange vor "Big Brother" und "Taxi Orange" wurden Menschen monatelang dem voyeuristischen Blick der Öffentlichkeit ausgesetzt. Die kommerzielle Ausstellung von meist dunkelhäutigen Fremden ist Gegenstand dreier höchst unterschiedlicher BücherMit falschen Versprechungen wird eine Hundertschaft von Kanaken im Jahre 1931 von Neukaledonien, damals eine französische Kolonie im Westpazifik, ins "Mutterland" gelockt. Bei der pompösen Kolonialausstellung in Vincennes bei Paris werden sie als Menschenfresser ausgestellt. Eingesperrt und misshandelt, müssen sie die Zähne fletschen, grunzende Laute ausstoßen und Schaukämpfe vorführen. Ein Ausbruchsversuch Gocénés führt in die fremde Welt der Großstadt und schließlich zum Tod eines Gefährten und 15 Monaten Gefängnis.

Ein authentischer Bericht eines Verschleppten? Auf dem Buchdeckel scheint der französische Krimiautor Didier Daeninckx als Verfasser auf. In einer Rahmenhandlung erzählt Gocéné im Jahre 1985 jungen Aufständischen an einer Straßenblockade von seinem mehr als einem halben Jahrhundert zurückliegenden Paris-Trip. Diese Hinweise und Verfahren sollen wohl dezente Zweifel daran wecken, wer hier eigentlich spricht. Nur in literarisch stilisierter und gebrochener Form, in der die Grenze zwischen Fiktion und Fakten gezielt verwischt wird, scheint eine Annäherung an das Erleben des Kanaken Gocéné möglich zu sein.Lange vor "Big Brother" und "Taxi Orange" wurden Menschen monatelang dem voyeuristischen Blick der Öffentlichkeit ausgesetzt. Die kommerzielle Ausstellung von meist dunkelhäutigen Fremden ist Gegenstand dreier höchst unterschiedlicher BücherDass jedwede Annäherung an den "Anderen" sich selbst infrage stellen muss, ist Gérard Badou gänzlich entgangen. Bereits der gleichermaßen ungelenke wie pathetische Untertitel seines Machwerks "Die schwarze Venus" lässt nichts Gutes ahnen: "Das kurze und tragische Leben einer Afrikanerin, die in London und Paris Furore machte." Wegen ihrer weit abstehenden Hüften, ihres höckerartigen Gesäßes und ihrer verlängerten Schamlippen wird Sarah Baartman zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer öffentlichen Attraktion im Stile der späteren Freakshows.

Findige Schausteller bringen sie vom Kap der Guten Hoffnung in die westeuropäischen Metropolen und reichen sie umher. Bis zu zehn Stunden täglich muss sie sich anstarren lassen, Malern Modell stehen und auf Abendgesellschaften posieren. Nach ihrem frühen Tod bemächtigt sich die Wissenschaft ihres Körpers. Ihr Skelett und ein Gipsabdruck ihrer Leiche waren bis vor wenigen Jahren in Pariser Museen zu sehen.

Dass die Wissenschaft lange Zeit den gängigen Rassismus untermauert und ihm eine neue Legitimation verliehen hat, ist keine neue Erkenntnis. Badou freilich verwechselt die Rolle des Historikers mit der eines allmächtigen Richters. Über 200 schlecht geschriebene und moralingetränkte Seiten ereifert sich der Autor über die niederträchtige und menschenunwürdige Behandlung, der Sarah Baartman über Jahre hinweg und noch nach ihrem Tod ausgesetzt ist. Dass er selbst die "Hottentotten-Venus" vereinnahmt und sich anmaßt, "unserer Heldin" gleichsam posthum ihr Recht zu verschaffen, ist an sich schon eine Zumutung. Badous penetrant "einfühlsamer" Ton macht diese selbstgerechte Litanei vollends unerträglich. Was weiß er denn von Sarah Baartmans Träumen?

Oliver Hochadel in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Reise eines Menschenfressers nach Paris (Didier Daeninckx, Klaus Wagenbach, Barbara Heber-Schärer)
Anthropologische Spektakel (Werner Michael Schwarz)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb