Hotel Europa
Roman

von Dumitru Tsepeneag, Karl Riha

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Alexander Fest Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 10/1999

Auch die schöne Literatur hat das Ihre zum teilvereinigten Europa zu sagen. Der Engländer Tim Parks hat seinen Roman gleich programmatisch "Europa" genannt und einen Bus voll mit Fremdsprachenlektoren nach Straßburg geschickt. Bevor dort eine Petition eingereicht wird, hat der 45jährige Jeremy Marlowe aber noch ausführlich Gelegenheit, dem desillusionierenden Ende seiner amour fou zu einer mitreisenden Kollegin nachzusinnen. Wenn ihn seine Kumpane nicht gerade in testosterongesättigte Betrachtungen verstricken, produziert er jene mehr oder weniger banalen Syllogismen der Bitterkeit, mit denen liebesweidwunde Männer halt so um sich werfen, wenn ihnen andere Menschen die üble Laune verderben. Das ist eine Zeitlang amüsant, hält auch die ein oder andere bedenkenswerte Reflexion über das Wesen der Erinnerung bereit, geht einem in seinem permanenten Sarkasmus und Entlarvungswahn gegenüber dem "Klebstoff, der Paare und Nationen und Reisegruppen zusammenhält" aber bald auf die Nerven.

Aus ganz anderer Perspektive erzählt der im Pariser Exil lebende Rumäne Dumitru Tsepeneag seinen turbulenten Schelmenroman "Hotel Europa". Der Roman im Roman, den das Alter ego des Autors zu schreiben vorhat, gerät außer Tritt, viertrangige Nebenfiguren verfassen ganze Passagen, existieren in einem Reich zwischen Faktizität und Fiktion. Die Briefe und Wege der Protagonisten kreuzen sich, und zwischen unsystematisch eingestreuten Zeitungsmeldungen und in sinnentleerten Variationen wiederkehrenden Symbolen (Sichel, Hammer, Adler) verliert der Leser schon mal den roten Faden. Es ist freilich nur konsequent, daß der Leser/Autor als Souverän des Buches entthront wird. Schließlich ist auch die Zwangsmobilisierung, die die unüberblickbare Menge der Figuren erfaßt hat, der Souveränität des Individuums eher abträglich.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/1999 vom 12.03.1999 (S. 70)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Europa (Tim Parks, Ulrike Becker, Claus Varrelmann)

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