Die Stimmen meines Vaters

von Joe Fiorito, Irmgard Eisenbach-Stangl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Alexander Fest Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Glück und Unglück einer Familie: Joe Fiorito erzählt die Geschichte seines Vaters und einige hübsche Anekdoten.
Dem Roman "Die Stimmen meines Vaters" ist ein Zitat von Joseph Brodsky vorangestellt: "Je mehr man sich erinnert, desto näher ist man vielleicht dem Sterben." Beides, das Erinnern wie das Sterben, kommt in Joe Fioritos Roman ausgiebig zur Sprache, schon nach einigen Seiten erhält der Icherzähler Joe einen Anruf seiner Mutter, in dem sie ihm mitteilt, dass sein Vater im Sterben liegt. Der Sohn hält Wache am Krankenhausbett, mit einem Gefühl, als ob er das "Halbdunkel erinnerter Tode" beträte. Der Rest des Romans, unterteilt in einundzwanzig Nächte, dreht sich um den langsamen Tod des Vaters. Und um dessen Erinnerungen.
Lawrence Fiorito, kurz Dusty, ist eine rechte Schnapsdrossel, arbeitet bei der Post, spielt in seiner Freizeit Posaune, und wenn er völlig illuminiert ist, stimmt er gerne "Georgia" an: "Just an old sweet song keeps Georgia on my mind." Er zeugt einige Kinder und "mit seiner Posaune und seinem Schwanz verdiente er sich seine Sporen". Der Einwanderer aus dem kleinen italienischen Gebirgsdorf Ripabottoni führt in seiner neuen Heimat Kanada ein durch Familientragödien und kleine Katastrophen mitunter gestörtes, aber unauffälliges Leben. Dusty, der zeitlebens stolz darauf gewesen war, ziemlich viel gesoffen und herumgevögelt zu haben, und auch in Kanada um keinen Preis von seiner italianita abrücken will, muss sich jetzt im Krankenhaus von den Schwestern füttern lassen. Er, der seine Frau des Öfteren beinahe umgebracht und seine Kinder mit dem Lederriemen erzogen hat, wird von seinem Sohn Joe, bei dessen Geburt die Mutter meinte: "noch so ein beschissener Kerl", regelmäßig am Krankenbett besucht. "Ich liebte ihn, aber ich musste nicht lange nach einem Grund suchen, um ihn zu hassen." Bevor der Vater stirbt - was durchgehend angesprochen wird und dem Roman manchmal eine allzu pathetische Note verleiht -, will Joe nochmals die ganzen Geschichten hören.
Der Krebs frisst an Dusty, meistens döst er vor sich hin oder drückt auf die Morphiumpumpe, um die Schmerzen zu lindern. Sein Sohn sitzt daneben, liest Bücher und hört seinem Vater zu, wobei er die meisten Geschichten noch aus seiner Kindheit kennt: "Auch diese Geschichte kenne ich auswendig. Ich kann sie mir selbst erzählen."
Erzählt wird ganz beiläufig: Da reichen dann oft bloße Stichworte. Der Vater, geschwächt und kaum mehr fähig zu reden, sagt "Miau". Schon assoziiert Joe die Episode mit der Katze, die während eines Familienstreits einem Verwandten aufgetischt wurde. "Gummistiefel" stößt Dusty hervor: Einst wurde einem eher schwachsinnigen Mitglied der Familie erzählt, dass seine neuen Stiefel sogar Gewehrkugel abprallen lassen würden. Natürlich will der Betroffene nicht als feig gelten. Hunden wird einer runtergeholt, Stoffelefanten werden geschlachtet, hin und wieder jemandem eine Kugel durch den Kopf gejagt.
Erzählt wird wie nebenher. Aber durch kleine Episoden und Histörchen, durch die mitunter durch Fotos und Zeitungsausschnitte wachgerufenen Erinnerungen des Vaters entsteht nach und nach das detaillierte und vielschichtige Bild einer Sippe. Der kanadische Journalist Joe Fiorito hat eine fein konstruierte, mit vielen witzigen und traurigen Anekdoten angereicherte Familiengeschichte geschrieben. Und Dusty ist der richtige Mann, um in die Fußspuren von Frank McCourts Mutter zu treten, die durch den Roman ihres Sohnes zu posthumer Berühmtheit gelangt ist.

Wolfgang Paterno in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 12)


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