Die Kultur der Niederlage
Der amerikanische Süden 1865. Frankreich 1871. Deutschland 1918

von Wolfgang Schivelbusch

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Verlag: Fest, Alexander
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Allgemeines, Nachschlagewerke
Umfang: 470 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.09.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Der deutsche Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat materialreich rekonstruiert, wie drei grundverschiedene Gesellschaften das Trauma historischer Niederlagen bewältigt haben.

Wolfgang Schivelbuschs 1978 erschienene "Geschichte der Eisenbahnreise" revolutionierte die Kulturgeschichtsschreibung im deutschen Sprachraum: Nicht um die Geschichte der Eisenbahn oder des Eisenbahnbaus ging es, nein - der deutsche Kulturhistoriker schrieb damals über die Beschleunigung und Mechanisierung des Alltags, über die Veränderungen im psychischen Erleben der Reisenden und in der ästhetischen Wahrnehmung der vorbeiziehenden Landschaft.

Es sind also die Auswirkungen großer Veränderungen auf die kollektiven Befindlichkeiten und Wahrnehmungen, die Schivelbusch interessieren. Der in Berlin lebende Autor verfolgte dort aus nächster Nähe die Auflösung der DDR hautnah mit, und in seinem neuen Buch, der "Kultur der Niederlage", untersucht er, wie Gesellschaften damit umgehen, wenn sie verlieren - konkret: die US-amerikanischen Südstaaten nach dem verlorenen Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865, Frankreich nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg.

Während die US-amerikanischen Südstaaten zwei Jahrzehnte nach ihrer Kapitulation im Bürgerkrieg von 1865 auf auswärtige Besucher den Eindruck von Verwüstung und Trostlosigkeit machten, inszenierte sich Frankreich ebenfalls zwei Jahrzehnte nach der Schlacht von Sedan effektvoll in der Pariser Weltausstellung von 1889, und der Eiffelturm wurde das Symbol eines neu gewonnenen nationalen Selbstbewusstseins - zwei ganz verschiedene Verarbeitungsformen von militärischen (und politischen) Niederlagen also. Eine Parallele sieht Schivelbusch dagegen in der Situation der untergegangenen DDR und des US-amerikanischen Südens: In beiden Fällen waren nicht andere Staaten die Sieger, sondern quasi die eigenen "Brüder". "Und wenn die Brüder die Sieger sind und sich als deklarierte Lebenshelfer über einen beugen", so konstatiert er, "dann wird der Unterlegene zur Provinz."

Wir sehen: Schivelbusch entwickelt nicht die Theorie der Niederlage, er beschreibt detailliert und materialreich - 110 Seiten umfassen allein die Fußnoten -, wie unterschiedlich drei Gesellschaften ihre Niederlagen bewältigen. Wenn es überhaupt eine Grundthese in dem Buch gibt, dann ist es die: dass der Sieger, der sich durch die Geschichte bestätigt sieht, seinen bewährten Kurs weiter verfolgt, während der Verlierer, zur Umorientierung gezwungen, neue Wege früher erkennen und einschlagen kann. Die Betonung liegt auf: "kann".

Schivelbusch ist ein akribischer Arbeiter, kein Mann der großen Theorien. Er stützt sich immer wieder auf andere Autoren, auf den Historiker Reinhard Koselleck etwa, auf Arnold Toynbee oder Thorstein Veblen. Aber er füllt deren Ideen mit Material auf, schreibt detailreich und essayistisch zugleich, und er verknüpft immer wieder Themen ganz unterschiedlicher Fachgebiete: Literaturwissenschaft, Psychoanalyse, Technikgeschichte, Ökonomie.

Bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen von Schivelbusch beobachteten Gesellschaften gibt es durchaus Gemeinsamkeiten bei der mentalen Bewältigung einer erlittenen Niederlage. Oft folgt auf den militärischen Zusammenbruch ein Umsturz: Herrscher werden abgesetzt, Dynastien gestürzt. Sie sind nun die Alleinschuldigen an der Niederlage. Der Sturz der alten Eliten hat aber zur Folge, dass neue Kräfte mit neuen Konzepten ans Ruder kommen können - die Idee der reinigenden und erneuernden Kraft der Niederlage findet hier ihre Entsprechung.



Nach einer Verliererdepression folgt, so Schivelbusch, oft eine kurze Euphorie, ein Affekt der Erleichterung, der Befreiung. Doch bald schlägt die Stimmung um, und die ersten Versuche der Bewältigung des Geschehenen kommen auf. Analogien zum Leiden Christi werden hergestellt, historische Verlierermythen wie die der Johanna von Orléans oder des heimtückisch gemeuchelten Siegfried hatten im Frankreich nach 1871 bzw. in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg nationale Hochkonjunktur.

Im öffentlichen Diskurs verfestigen sich Argumente wie: Der Gegner hätte den Sieg auf unlautere Weise herbeigeführt, die eigene Seite sei gar nicht besiegt worden ("Im Felde unbesiegt"), der Armee wäre in den Rücken gefallen worden ("Dolchstoßlegende"), man hätte zwar militärisch verloren, sei aber in Wirklichkeit dem Sieger doch moralisch und kulturell überlegen - als "fremde Barbaren" wurden sowohl die Yankees im US-amerikanischen Süden, die französischen "Senegalneger" nach 1918 im besetzten Rheinland wie auch die sowjetischen Truppen nach 1945 empfunden. Und auch die deutsche und österreichische Herablassung gegenüber der vermeintlichen US-amerikanischen Unkultur nach dem Zweiten Weltkrieg hat hierin wohl eine Wurzel.



Überwunden könne das Trauma einer Niederlage erst nach einer nächsten nationalen Kraftanstrengung werden, meint der Autor - das kann ein Revanchekrieg sein, die Errichtung der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft", der US-amerikanische "New Deal", oder aber auch eine Inszenierung des technischen Fortschritts, wie das die Pariser Weltausstellung von 1889 gewesen ist. Überwunden werden kann eine Niederlage auch in einer erfolgreichen Identifikation mit dem früheren Gegner, wie das Schivelbusch an Hand der führenden US-Politiker des Ersten Weltkriegs beschreibt: Woodrow Wilson und sein Außenminister waren beide Südstaatler, und für sie bot der Kriegseintritt der USA 1917 die Möglichkeit, "den moralischen Makel auf den nun aktuellen Weltsünder Deutschland zu übertragen, Seite an Seite mit dem damaligen Sieger gegen den neuen Menschheitsfeind zu Felde zu ziehen und so die schon lange angestrebte Aufnahme ins Siegerlager zu besiegeln".

Vom eigenen Makel ablenken und dem Siegerlager beitreten - bei solchen Formulierungen kann man nicht anders, als an die Euphorie der vormaligen deutschen 68er für das NATO-Bombardement gegen Jugoslawien denken, den Verlierer des Jahres 1999.

Peter Lachnit in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 33)


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