Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Alexander Fest Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Drastisch, poetisch und körperlich spürbar: Der griechische Dichter Nikos Kavvadias erzählt in seinem Roman "Die Wache" vom rauen Leben und Umgangston der Seeleute.

Als Nachfahren des Odysseus müssen die Griechen ja etwas von der Seefahrt verstehen. Dies beweist auf eindrucksvolle Weise der 1954 in Griechenland erschienene Roman "Die Wache" von Nikos Kavvadias, der nun auch auf Deutsch zu haben ist. Kavvadias, der zuvor mit zwei Gedichtbänden in seiner Heimat bekannt geworden war, hatte die Arbeit an diesem Werk während einer Fahrt mit einem Dampfer 1952 begonnen – es sollte sein einziger Roman bleiben.
"Die Wache" gehört mit "Moby Dick" zu jenen wenigen Büchern über die Seefahrt, die nicht schon durch die Odyssee vorweggenommen wurden. Denn Kavvadias erzählt mit einer brutalen und doch poetischen Deutlichkeit von all jenen Dingen, die eine Seefahrt nicht so lustig machen. "Die Wache" ist kein herkömmlicher Roman. Formal eher eine Sammlung von Kurz-geschichten, legt der Autor in Gestalt einer Figur, die im ersten Teil als "der Funker" bezeichnet wird, auch seine Lebensbeichte ab: "Du fährst auf dem Meer, weil du dich vor dem Festland fürchtest. Du schläfst mit Prostituierten, weil du feige bist. Aus der Not hast du den Ekel überwunden. Du bist von Tätowierungen übersät. Nichts als Maskerade."
Glaubt man Kavvadias' Geschichten, haben Seeleute vor allem eins im Schädel und träumen ständig davon. "Also, ich hab geträumt, dass ich meiner verstorbenen Mutter beigewohnt hab", muss ein alter Zweiter Offizier bei seinen Kameraden loswerden, obgleich er sich dabei geniert. ",Wie', sagte Nikolas, ,war das schon alles? Hab ich zigmal geträumt. (...) Wenn ich auf dem Schiff abends etwas Süßes esse, träume ich von meiner Mutter, wie sie tot daliegt.' – ,Ich auch', murmelte Käpt'n Jerasimos." Wer es ausprobieren möchte: Milchreis mit Ananas funktioniert angeblich.
Wenn sie nicht von ihren toten Müttern träumen, dann sprechen die Seeleute über Frauen. Lebende, tote, vor allem solche, denen sie übel mitgespielt haben. ",Wo sind die Mädchen?', fragte ich. ,Frag besser nicht. Die haben sie auf Karren verladen und in Deutschland zu Seife verarbeitet. Kannst glücklich sein, wenn du dich mit so 'ner Seife gewaschen hast.'" So kann man auch über den Holocaust reden – nur die meisten von uns können so etwas nicht einmal denken. Kavvadias gelingt das seltene Kunststück, seine Figuren Abscheulichkeiten sagen zu lassen, ohne dass man sofort den Wunsch hat, sie umzubringen.
Ja, er schafft es sogar, Sympathie für die Seeleute zu wecken. Vielleicht ist Sympathie zuviel gesagt, aber immerhin: Man hört ihnen zu. ",Hör zu. Zwei Fähigkeiten hab ich im Lauf meines Lebens erworben: Die erste – damit ist es jetzt vorbei – war die, dass ich am Taumeln eines Betrunkenen das Getränk erkennen konnte, mit dem er sich betrunken hatte.'" Die zweite Fähigkeit erfährt, wer das Buch liest und sich auf die Abgründe einer Seefahrerseele einlässt. Dabei kann man schon das Gefühl bekommen, dass der Boden unter den Füßen zu schwanken beginnt. Kavvadias ist wohl der einzige Autor, dem es gelingt, einen Leser am Festland seekrank zu machen. Homer hätte ihn dafür beneidet.

Christian Zillner in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 5)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb