Christian Schad
Das Frühwerk 1915-1935

von Jill Lloyd, Michael Peppiatt

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Verlag: Schirmer & Mosel
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 6/2003

Viele Schriftsteller wären glücklich, wenn sie jedes Jahr einen Roman zusammenbrächten. Georges Simenon, der am 13. Februar seinen 100. Geburtstag feiern würde, brauchte für seinen ersten einen Morgen auf der Terrasse eines Cafés. Gut, es war einer jener Dreigroschenromane, mit denen sich der junge Belgier in Paris einige Jahre über Wasser hielt. Aber auch später blieb Simenons Schreibwut legendär: Einen "Maigret" legte er in zehn Tagen hin, für einen "großen Roman" brauchte er einen Monat. Seine Methode schilderte er seinem väterlichen Freund und Bewunderer André Gide in einem Brief, der im Simenon Lesebuch zu finden ist: "Wenn ich einen Roman einmal angefangen habe, bin ich selber meine Hauptperson; ich lebe ihr Leben wie eine freiwillige, allumfassende Verblödung." So brachte es Simenon auf 194 Romane, darunter 84 "Maigrets", die in über 55 Sprachen übersetzt wurden. Gesamtauflage: eine halbe Milliarde.

Simenon litt lange unter dem Makel des Vielschreibers. Erst nach 1945 konnte er sich auch als literarisch ernst zu nehmender Autor von "Non-Maigrets" durchsetzen. Für Gide ist er der "Balzac der Neuzeit". Kritiker, Kollegen und Leser loben seinen sparsamen, selbstbewussten Stil, sein psychologisches Einfühlungsvermögen und vor allem sein Gespür für Atmosphäre, Gerüche, Farben.

Der Schöpfer des bei aller Sympathie doch betulichen Kommissars Maigret war selbst alles andere als ein Spießbürger. In den Zwanzigerjahren lebte er mit seiner malenden Frau in Paris das Leben eines Bohèmiens, war befreundet mit Picasso und Josephine Baker. Angeblich soll er der Liebhaber von 10.000 Frauen gewesen sein. Simenon zog insgesamt 33-mal um und besaß 29 Häuser - eines von ihm selbst entworfen mit Atombunker und Operationssaal.Kühl wie Chirurgen näherten sich in den Zwanzigerjahren die Vertreter der Neuen Sachlichkeit ihren Sujets. Der 1884 geborene Christian Schad machte sich im Zürcher Dadaistenzirkel Cabaret Voltaire mit Fotoexperimenten einen Namen, die von Tristan Tzara "Schadografien" getauft wurden. Später wandte er sich der Malerei zu und entwickelte jenen Porträtstil, für den er Anfang der Siebziger wiederentdeckt wurde. Mit dem gruselig distanzierten Gemälde "Operation" von 1929 erreichte Schads sachlicher Realismus seinen Höhepunkt. Aber auch seine Akte und Porträts zeigen eine Vorliebe für die eigenwillige Abbildungen von Hakennasen, blauen Adern, Narben, Tränensäcken und anderen Hässlichkeiten seiner Modelle.

Thomas Askan Vierich in FALTER 6/2003 vom 07.02.2003 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Simenon Lesebuch (Georges Simenon)

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