Respektvoll reisen

von Harald Friedl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Reise Know-How
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 18/2002

Wie verhalte ich mich als Tourist in fremden Ländern richtig? Und was sollte der verantwortungsbewusste Urlauber vermeiden? Harald Friedl, Afrika-Forscher, Reiseleiter und Philosoph, gibt in einem neuen Buch Anleitungen zum ethischen Reisen.

Sie sind arm, aber glücklich: Mit diesem Klischee über die Menschen der Dritten Welt kann Harald Friedl nicht viel anfangen. Genauso wenig wie mit der Behauptung, alle Einheimischen würden den bösen Ferntourismus der Europäer nicht wollen. Friedl, Afrika-Forscher, Reiseleiter und Philosoph, sieht den weltweit größten Wirtschaftssektor Tourismus eher pragmatisch. "Moral hat mit Urlaub genauso viel zu tun wie ein Flirt mit einer Diskussion über die Pensionsreform", meint der 33-Jährige, der kein realitätsfremder Weltverbesserer sein will. "Der Tourismus ist prinzipiell nicht mehr aufzuhalten - deshalb geht es vor allem um die Frage des Wie."

Mit dieser Frage beschäftigt sich der gebürtige Tiroler, der in Graz lebt, schon seit Jahren. Mittlerweile hat Friedl bereits zwei Bücher über seine Vorstellungen von Tourismusethik veröffentlicht und hält regelmäßig Vorträge zum Thema. Der neue Band "Respektvoll reisen" befasst sich mit den Fragen des Fernreisenden, der sich mehr Gedanken macht als der Typ All-inclusive-Urlauber, der sich nur darum sorgt, möglichst viel vom Buffet hineinzuschaufeln. Wie verhalte ich mich als Tourist in fremden Ländern richtig? Wie kann ich exotische Länder authentisch erleben, ohne dabei die Einheimischen auszubeuten? Und was sollte der verantwortungsbewusste Urlauber unbedingt vermeiden? "Das große Problem der meisten internationalen Tourismusveranstalter ist, dass nur der Kunde König ist. Es geht ausschließlich um Konsum - das Land und die Einheimischen sind ihnen wurscht", erklärt Friedl, der sein Buch als praktischen Leitfaden mit diversen Tipps und Adressen zum Reisen angelegt hat.

In der Philosophie wurde das Thema Tourismus bisher kaum behandelt, Friedl ist einer der Ersten, die die ethischen Dimension des Wirtschaftszweigs analysiert. Seine Vorstellung von einem umwelt- und sozialverträglichen Tourismus: "Die Einheimischen und nicht irgendwelche Konzerne und politischen Machthaber profitieren direkt und selbst gewählt von den Fernreisenden, die Touristen erleben dafür ein intensiveres Reiseerlebnis abseits der Trampelpfade." Lustgewinn für den Europäer, mehr Lebensqualität für den Einheimischen: Harald Friedl setzt in seinem Buch nicht auf moralische Appelle, um westliche Hedonisten vom qualitätsvollen Ökotourismus zu überzeugen. "Man muss auch den Durchschnittsverbraucher dort abholen, wo er ist."

Harald Friedl weiß schon seit 1989, wie spannend Reisen abseits der All-inclusive-Clubs sein kann. Damals zieht es den Studenten in die Sahara - er durchquert die Wüste, ist wochenlang nur von Einheimischen umgeben. "Das war wie ein Initiationsritus, ich bekam den Wüstenvirus", erinnert er sich heute. 1992 macht er seine Leidenschaft für fremde Länder zum Nebenberuf und lässt sich in den USA zum Reiseleiter ausbilden. Seit 1993 bereist er neben seinem Philosophie-, Jus- und Politikwissenschaftenstudium als Studienreiseleiter für einen österreichischen Reiseveranstalter die Welt. Dabei zieht es ihn immer wieder in die Sahara, vor allem an den Niger, wo die Tuareg leben. 1999 verbringt Friedl dann im Rahmen eines Forschungsstipendiums ein halbes Jahr bei den Tuareg und analysiert die Tourismusfolgen am Niger.

Eigentlich hätte der Tuareg-Forscher dieses Jahr wieder drei Monate als Reiseleiter am Niger verbringen sollen: Nur gibt es auch dort seit den Terroranschlägen vom 11. September praktisch keinen Tourismus mehr. "Aber die Urlauber werden wieder kommen: die meisten nur auf Konsum ausgerichtet, ignorant und unsicher den Einheimischen gegenüber", sagt der Afrika-Kenner. "Und dieses Auftreten hat mit dazu geführt, dass es in der Dritten Welt eine derartige Aversion gegen den Westen gibt. Dem könnte man mit einer verantwortungsvolleren Form des Reisens entgegenwirken." Tourismus als Völkerverständigung? Eine Utopie, die Realität werden könnte - glaubt zumindest Friedl.

Wer verantwortungsvoll reisen will, hat auf jeden Fall schon bei der Vorbereitung der Reise mehr Aufwand als der Durchschnittsreisende, und teurer als das Erlebnis in der Masse kommt es auch: Das betont der Autor in "Respektvoll reisen". Zuerst muss man einmal den richtigen Reiseveranstalter für die geplante Destination finden, der tatsächlich Qualitätstourismus anbietet: Arbeiten Einheimische in den Hotels, werden regionale Produkte verwendet? Fügt sich der Tourismus in die Gegend ein, ist er von den Ortsansässigen überhaupt gewollt? Fragen, die die meisten All-inclusive-Clubs verneinen müssten.



An einer Frage kommt der bewusst Reisende nicht vorbei: Sind Reisen in Länder, die eine menschenverachtende Politik betreiben, in Ordnung? "Das Risiko, durch eine Vergnügungsreise die Wirtschaft eines Landes und die damit finanzierte aggressive Politik zu unterstützen, ist höher als das, durch Unterlassen einer solchen Reise jemanden zu schädigen", ist Friedls Faustregel. Denn florierender Tourismus habe noch keine Regierung zum Umdenken zwingen können. Den politisch korrekten Zeigefinger hebt Friedl allerdings in seinem Reise-Buch nicht - auch wenn es ihm bei Themen wie Sextourismus oder der sexuellen Ausbeutung von Kindern schwer fällt.

Leichter fallen da schon einfache Alltagstipps für kontaktfreudige Reisende, vom richtigen Umgang mit Bettlern bis hin zum Essen von Madeneintopf: Wer etwa der Übelkeit entgehen will, die manche lokale Spezialität dem Westler bereitet, könnte seinen Gaumen schon zu Hause mit einem Anti-Brech-Training abhärten. Oder die elegante Lösung vor Ort wählen. "Dann sollte man wenigstens scheinbar begeistert zugreifen, um dem Gastgeber Anerkennung und Dank zu vermitteln. Bevor jedoch der Brechreiz überhand nimmt, retten Notlügen die Situation, indem man sich bedauernd mit Magenschmerzen oder Verdauungskrankheiten entschuldigt."

Julia Ortner in FALTER 18/2002 vom 03.05.2002 (S. 75)


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