Sprechende Stimmen
Russische Dichter lesen. CD mit Booklet.

von Alexander Nitzberg

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Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Mit "Sprechende Stimmen" hat der 1969 in Moskau geborene, in Düsseldof lebende Alexander Nitzberg, eine mediale Entsprechung für eine wichtige Wurzel russischer Lyrik gefunden - die Tradition oraler Überlieferung. Literaturhistorisch beginnt die russische Moderne bei den Symbolisten, die Gedichte als Selbstzweck zelebrierten, sie endet bei den Futuristen, die sich mit den Visionen und Härten ihrer blutigen Gegenwart auseinander setzten. Die Autoren beider Gruppen eint, dass sie nicht für das Medium Buch schrieben, sondern für die Bühne, von der aus ihre Texte den Weg zum Publikum nahmen. Was lag da näher, als nach alten Tonaufnahmen zu fahnden und eine CD zusammenzustellen, auf der Osip Mandelstam mit autoritärem Gestus ein Gedicht skandiert, das man erst versteht, wenn Nitzberg im Anschluss daran die Übersetzung vorliest. Dem audiophilen Kleinod liegt ein Booklet mit ausführlichen Biografien der 14 Dichter und den Übersetzungen der Gedichte bei.

Nitzbergs Anthologie "Selbstmörder-Zirkus" nimmt für sich in Anspruch, einen repräsentativen Querschnitt durch die russische Lyrik der Moderne zu liefern. Obwohl die Auswahl in sich schlüssig ist, wird dieser Anspruch nur zum Teil eingelöst, da sich der Herausgeber - wie er im Vorwort eingesteht - auf Symbolismus und Futurismus beschränkt. Damit bleiben gerade die politisch radikalen Spielformen wie die Maschinenlyrik ausgeklammert, die dem in der Revolution postulierten neuen Menschenbild sprachlich Ausdruck verleihen sollten. Indem Nitzberg vorgibt, es gäbe ein Thema, das die 43 Dichter und ihre ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten einen würde, unterstellt der russischen Lyrik zudem ein Programm, das ihr aber nie zugrunde lag. "Die russische Moderne ließe sich als Generation der Selbstmörder' bezeichnen", schreibt Nitzberg - und hat seine Anthologie als Beleg dieser spektakulären These komponiert. Dabei droht übersehen zu werden, dass der stalinistische Terror und der Krieg viele Dichter daran gehindert haben, überhaupt erst Hand an sich legen zu können (nicht zuletzt, um dem Terror zu entgehen).

Sollte der russischen Moderne ein Programm zugrunde liegen, das die Strömungen und Autoren verbindet, dann ist es der Wille, "Gleichnisse vom Leben des Menschen zu erzählen" - so die Formulierung des Slawisten Fritz Mierau im Vorwort seiner herausragenden Prosaanthologie "Kauderwelsch des Lebens". In einem Bericht Maxim Gorkis über die Oktoberrevolution verbirgt sich der zentrale Satz, um den sich die zwischen Depression und Revolutionspathos schwankenden Texte der 26 Schriftsteller ebenso im Kreis drehen wie die von Nitzberg ausgewählten Dichter: "Der Russe liebt die Gräuel wie ein Kind die Märchen." Mieraus Buch demonstriert, mit welcher Vehemenz sich die Autoren der Moderne auf das eigene Leid und das Siechen und Sterben ihres Umfelds stürzten, um mit dramatischer Geste den Finger auf die unhaltbaren Zustände in ihrer Heimat zu richten. Die Leichen türmen sich zu Bergen; gestorben wird an Hunger, Krieg, Terror, Erschöpfung - oder am Kummer, den mal der Zar, mal die Revolution und mal Stalins Mütterchen Russland bereitet.

Martin Droschke in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 16)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Selbstmörder-Zirkus (Alexander Nitzberg)
Kauderwelsch des Lebens (Fritz Mierau, Fritz Mierau)

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