Lagerfeuer

von Julia Franck

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Stefan Beuse, Georg M. Oswald und Julia Franck befassen sich in recht unterschiedlichen Romanen nicht zuletzt mit der eigenen Generation.

Eine Familie fährt auf Urlaub, in ein entlegenes Ferienhaus im Périgord. Der Familienvater ist gerade zum Kulturchef eines überregionalen Blattes avanciert und möchte mit Frau, Tochter und Sohn noch einmal zu Muße und Entspannung finden, ehe er den stressigen Job antritt. Die Sonne scheint, die Stimmung ist prima und das Haus mit Pool ebenso.
In kursiv gesetzten Textabschnitten wird von einer Mutter berichtet, die mit einem gelben Sportcoupé "in den Himmel fliegt", und von einer nachfolgenden Beerdigung. Bald werden auch einer Puppe Daumen und Zehen abgeschnitten sowie die Augen ausgestochen. Der Vater des kursivierten Erzählers sticht eine von ihm krankhaft angebetete Pianistin nieder. Man ahnt: der düstere Erzählstrang. Hier dräut Unheil.
Immer weiter werden die beiden Ebenen einander angenähert. Man erfährt, dass die Frau des Kulturchefs einmal Pianistin war. Der geheimnisvolle fremde Mann wiederum, der sich öfter beim Ferienhaus sehen lässt, scheint einiges über die Familie zu wissen. Ob die Gattin des Kulturchefs womöglich diejenige Künstlerin ist, welche damals ? Und könnte der seltsame Gast womöglich der Sohn desjenigen sein, der die Pianistin so eiskalt ? Himmel, hilf!
Stefan Beuse ist ein emsig und nicht unerfolgreich Schreibender: So ist der 1967 geborene Münsteraner etwa 1999 beim (damals noch) Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet worden. Der Prämierte vergalt es mit einem im Jahr darauf veröffentlichten Opus, in welchem er sich vom Fluidum des Literatur-Ortes deutlich inspiriert zeigte: "Wir treiben einfach nur durch die Nacht wie Cornflakes in Milch und haben keine Ahnung davon, ob wir untergehen oder irgendwann ausgelöffelt werden", dichtete er in seinem Geschichtenroman "Wir schießen Gummibänder zu den Sternen" und landete damit zielsicher im Marianengraben deutschsprachiger Literaturgeschichte.
In Hinblick auf seinen soeben veröffentlichten Roman "Meeres Stille" mag man Beuse zugestehen, dass er seinen Hang zu Melodrama und Pseudopoetischem etwas gezügelt hat, dennoch ist das Buch von einer permanenten Bedeutungsscheinschwangerschaft bestimmt, die mitunter – und im Gegensatz zur doch etwas simpel gebauten Psychokrimistory – doch etwas nervenaufreibend sein kann.
Immerhin bleiben während der Lektüre ausreichend cerebrale Kapazitäten frei, um Mutmaßungen dahin gehend anzustellen, inwieweit Beuse beim Verfassen auf eine Verfilmung des Stoffes auf RTL gelinst hat und wie man diese denn besetzt hätte: Gudrun Landgrebe als schwanengleiche Expianistin? Matthieu Carrière als zaudernder Kulturchef? Oli P. als der Basketballersohn David und die unvermeidliche Julia Schütt als schriftstellernde Tochter Frances? Es wäre möglich.
Georg M. Oswald könnte als der Louis Begley der deutschsprachigen Literatur bezeichnet werden: Neben seinem schriftstellerischen Wirken arbeitet der Münchener auch als Rechtsanwalt. Doch der Vergleich hinkt natürlich: Der Amerikaner betrat die literarische Bühne erst in fortgeschrittenem Alter sowie mit stilistisch und thematisch äußerst homogenen Darbietungen, der 1963 geborene Oswald debütierte schon als 23-Jähriger und zeigte sich sowohl inhaltlich als auch sprachlich deutlich experimentierfreudiger als Begley. Aus Oswalds Œuvre sei der mittlerweile in zwölf Sprachen übersetzte Roman "Alles was zählt" lobend erwähnt: Der Deutsche erzählt hier von Aufstieg und Fall eines Workaholics (mit Martin-Suter'scher Detailsicherheit in der Schilderung der Existenzform Topmanager).
In Oswalds neuem Roman "Im Himmel" nehmen wir teil an den langweiligen Sommerferien eines ebensolchen 19-jährigen Rechtsanwaltssöhnchens: Nichtstun, Partys, Disco, DVD-Player-Klau, Verlobungs- und Hochzeitsfeier samt Todesfall im Bekanntenkreis. Oswald erzählt unkompliziert, locker, easy-peasy, wobei er es mit der Naivität des erzählenden adoleszenten Antihelden dann doch etwas übertreibt: Nachdem dieser offenbart hat, dass sich sein Vater, pardon: "Paps", ein erfolgreicher Anwalt mit 12-Zimmer-Villa am Starnberger See, lediglich für Geld, guten Bordeaux und kubanische Zigarren interessiert, lässt der Autor Zerknirschung ob solch wüster Sippenschmähung auf den Fuß folgen: "Natürlich tut es mir Leid, so schlecht und gemein über meine Familie zu schreiben."
Interessant ist Oswalds Roman vor allem als stimmiges Porträt einer etwas orientierungslosen, ichschwachen Bessergestellten-Jugend, einer Generation, die realisiert, dass sie wahrscheinlich nie so erfolgreich, zielstrebig und lebenstüchtig sein wird wie die der Väter (siehe "Generation Golf zwei" von Florian Illies). Und an noch eine belletristische Ikone der vergangenen zehn Jahre erinnert Oswalds Neuerscheinung: an Christian Krachts "Faserland" – wobei man "Im Himmel" auch bestenfalls als eine harmlose Vorabendversion von Krachts Klassiker klassifizieren kann.
Ein ziemliches Kontrastprogramm zu Oswalds Sommer-Saufen-&-Sinnsuche-Opus bietet das jüngste Buch von Julia Franck. In "Lagerfeuer" skizziert die Deutsche die Lebenslinien von vier Menschen, die sich in den späten Siebzigerjahren in einem Notaufnahmelager in Westberlin begegnen: Hans, der arbeitslose Schauspieler aus Ostdeutschland, fühlt sich zu Nelly hingezogen, die mit ihren beiden kleinen Kindern von der DDR in den Westen kommen möchte. Nelly wird aber auch von John begehrt, dem amerikanischen Geheimdienstler, der Verhöre mit den Lagerinsassen zu führen hat. Und dann gibt es noch Krystyna, die mit ihrem krebskranken Bruder und ihrem etwas verschrobenen Vater aus Polen geflüchtet ist.
Franck zügelt in "Lagerfeuer" ihren Hang zu fräuleinhaften Manierismen und Gespreiztheiten (wir erinnern hier an ihren letzten Erzählband "Bauchlandung") und erzählt ruhig, in klaren, käthekollwitzkargen Bildern. Ihr Rückblick in die jüngere Vergangenheit unseres einst zweigeteilten Nachbarstaats ist eine literarische "Ostalgie-Show" der etwas anderen Art: Statt an Konsum- und Showmarkenartikel aus der Zeit der DDR erinnert sie an Schikanen, Demütigungen und Bespitzelung.
Die Autorin hat in diesem Roman autobiografische Erlebnisse verarbeitet: Nach ihrer Ausreise aus der DDR lebte sie 1978 als Achtjährige (samt Mutter und Geschwistern) ein Dreivierteljahr im Notaufnahmelager Marienfelde. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und grau-stickige Ödnis, der mühsame Kampf gegen Behörden und Institutionen, Vorverurteilungen und Ignoranz: Julia Franck ruft in "Lagerfeuer" Situation und Auswirkungen des Kalten Krieges in Erinnerung. Ein überzeugender Beitrag der "Generation Trabi" zur literarischen Aufarbeitung gern vergessener Zeitläufe.

Stefan Ender in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 11)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Meeres Stille (Stefan Beuse)
Im Himmel (Georg M. Oswald)

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