Die Möglichkeit einer Insel

von Michel Houellebecq, Uli Wittmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont Buchverlag
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Erscheinungsdatum: 14.09.2005

Rezension aus FALTER 35/2005

Blöd bleibt blöd

In "Die Möglichkeit einer Insel" hat Michel Houellebecq altbekanntes Material und altbekannte Meinungen zu seinem bislang umfangreichsten und langweiligsten Roman verschnitten.

Daniel hat ein Problem: Er ist auf dem besten Weg, ein alter Sack zu werden. Man darf diese poetische Wendung ruhig als pars pro toto verstehen, denn es ist just der eigene Sack, der ihm diesen bedauernswerten Umstand drastisch vor Augen führt: "Ich fühlte mich mit einem Schlag furchtbar alt und schlapp. Dabei war mein Körper insgesamt gesehen noch relativ gut erhalten, ich hatte kein Gramm Fett und sogar noch richtige Muskeln, aber mein Hintern war schlaff, und vor allem mein Sack hing immer schlaffer herab; und das war hoffnungslos, ich hatte noch von keiner Behandlung gehört, die das beheben konnte."

Noch hat Daniel eine Schonfrist, denn noch gibt es die um 25 Jahre jüngere Esther mit ihrer immerfeuchten Muschi, die (fast) jederzeit bereit ist, Daniel einen abzuwichsen, -lutschen oder -kauen. Aber natürlich weiß niemand so genau wie der illusionslose und stinkreiche Komiker außer Dienst, dass seine Tage als potenzieller Geschlechtspartner von "kleinen geilen Miezen" gezählt sind: "Der jugendliche Körper, das einzige begehrenswerte Gut, das die Welt je hervorgebracht hat, ist ausschließlich den jungen Menschen zum Gebrauch vorbehalten, und die Alten müssen sich damit abfinden, zu arbeiten und ihr Schicksal zu erdulden."

Willkommen in Michels Welt! Nach einer längeren Schaffenspause meldet sich das Enfant terrible der französischen Literatur zurück: jetzt noch deprimierender und noch trostloser! Die am Ende der "Elementarteilchen" skizzierte biotechnische Vision eines neuen Menschen, der sich von der "Sexualität als Fortpflanzungsmodus" endlich abgekoppelt und dafür "auf dem Gebiet der Sinnesfreuden geradezu unglaubliche, nie da gewesene erotische Empfindungen" zu gewärtigen hat, ist ebenso passé wie das im Nachfolge-Roman "Plattform" formulierte Vertrauen in eine global gewordene sexuelle Marktwirtschaft, in der Milliarden von unter Drittweltbedingungen lebenden Menschen den wohlstandsgesättigten, aber unterpuderten Bewohnern der reichen westlichen Industrienationen "ihre Körper und ihre intakte Sexualität" verkaufen. Stattdessen irrt am Ende Daniel25 als neomenschlicher Klonnachfolger von Daniel1 durch eine sehr unwirtlich gewordene Welt und beneidet seinen humanen Urahnen "um sein Schicksal, seinen ungestümen und widersprüchlichen Lebensweg und die leidenschaftliche Liebe, die ihn beseelt hatte".

Es sind wohl solche, im Grunde recht simple und sentimentale Pointen - Steven Spielberg etwa hätte sicher seine Freude am letzten Kapitel des Romans (allerdings hat sich der Autor schon seine Rechte als Regisseur der Verfilmung gesichert) -, die manche Rezensenten dazu verführen, in Houellebecqs jüngstem Roman "Momente purer Poesie" (NZZ) auszumachen oder den Autor als "leidenschaftlichen Romantiker" (FAZ) respektive "romantisch wie niemand sonst" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) zu verstehen. Das ist mittlerweile auch ein gut abgehangener Topos, enthüllte der Spiegel doch schon vor Jahren, der Autor habe "in Wahrheit" mit "Plattform" "ein romantisches Buch geschrieben, seinen ersten Liebesroman".

Tatsächlich ist David so romantisch wie die meisten Houellebecq-Helden vor ihm: muffig, zynisch und berechnend, mit zunehmendem Alter aber von einer hündchenhaften Dankbarkeit, wenn ihm eine Frau, deren sexuelles Kapital das seinige haushoch überragt, zu Willen ist. Im Übrigen sind seine Reflexionen über das Wesen der Liebe (nicht immer nur an sich selbst denken!) und den Unterschied zwischen Liebe und Sex einigermaßen inkonsistent und stark von der jeweiligen Stimmungslage des Protagonisten abhängig: Polemisiert er an einer Stellen gegen die Freundschaft und stellt die Möglichkeit nichtsexueller Kommunikation überhaupt infrage, so erklärt er seiner ehemaligen Geliebten Isabell, in seinem Leben nur zwei wichtigen Frauen begegnet zu sein: "Die erste bist du - und du hattest nicht genug für Sex übrig; und die zweite ist Esther - und sie hatte nicht genug Liebe übrig."

"Die Möglichkeit einer Insel" ist selbst ein Klonroman, ein Opus magnum, das indes eher breit als groß ausgefallen ist: Bauteile aus den vorangegangenen Romanen werden lustlos und uninspiriert zu einem Hybrid kombiniert, das keine genetische Optimierung darstellt, sondern von einsetzender Degeneration zeugt. Mochte man in "Elementarteilchen" mit Thomas Steinfeld noch "eine ins Grobe, ja ins Barbarische gewendete Fortsetzung des romantischen Reflexionsromans" erblicken, so drängt sich einem nun bei der Lektüre des jüngsten Romans die Frage auf, ob man den mit ein paar Brocken naturwissenschaftlicher Halbbildung, provokanten Statements, pornografischen Fantasien und galliger Zivilisationskritik behängten Essayismus des Autors nicht immer schon ein bisschen zu hoch gehängt hat.

Auch wenn man konzediert, dass sich hier endlich einer der großen Themen der Zeit annimmt und mit einem wirksamen Mix aus Wut und Clownerie zeitdiagnostisch austobt, kann man über die literarische Impotenz des Autors nicht mehr hinwegsehen. "Die Möglichkeit einer Insel" ist von der narrativen Raffinesse eines durchschnittlichen Pornofilms: simpel, enumerativ, finalisierungsfixiert. Es gehört schon eine ordentliche Portion Chuzpe dazu, derart hölzerne Dialoge zu schreiben (die das Material aus populärwissenschaftlichen Zeitungen eins zu eins übernommen zu haben scheinen), derartig klischeehafte Figuren - die Frauen entweder gütig oder geil, die Männer meist geil und uninteressant - zu ersinnen und einen spektakulären Science-Fiction-Stoff zu einem derartig langweiligen und drögen Plot zusammenzuschustern und dann Nabokov einen "mittelmäßigen, manierierten Pseudodichter" zu heißen.

So betrachtet gleicht "Die Möglichkeit einer Insel" trotz aller erotischer Explizitheit eher einem Softporno als einem Hardcorestreifen - alles bloß behauptet, alles bloß Getue. Als Beispiel mag die Darstellung der kometenhaften Komikerkarriere gelten, die David zu einer 42 Millionen Euro schweren Zelebrität gemacht haben soll und in der sich der Autor kokett mit seinem Erfolg als Frankreichs Tabubrecher Nummer eins befasst. Houellebecq mag ein Romantiker sein, als Humorist ist er eine Katastrophe. Wer sich so einen Schmarrn ausdenkt wie den folgenden, hat übrigens auch das Recht auf Exkulpierung durch "höhere" satirische Absicht verwirkt - blöd bleibt blöd:

"Im ersten Sketch mit dem Titel Der Kampf der Zwerge stellte ich Araber - die ich in ,Geschmeiß Allahs' umgetauft hatte - ,Juden - die als ,beschnittene Wanzen' bezeichnet wurden - und sogar libanesische Christen, die den ulkigen Spitznamen ,Marias Filzläuse' trugen, einander gegenüber (...) dann ging die Show mit einem irrsinnig witzigen Schwank mit dem Titel Die Palästinenser sind lächerlich weiter, in dem ich eine Reihe geiler, burlesker Anspielungen auf die Dynamitstäbe machte, die sich die Aktivistinnen der Hamas um die Hüfte schnallten, um Juden zu zerfetzen."

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2005 vom 02.09.2005 (S. 56)


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