So, jetzt sind wir alle mal glücklich

von Susanne Heinrich

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.02.2009


Rezension aus FALTER 11/2009

Postromantisch und scheißmimetisch

Diese Ehe steht unter keinem guten Stern. Bereits am Abend vor der Hochzeit geht das Aussteuergeschirr zu Bruch, einer der Gäste hat es versehentlich zum Poltern verwendet. Dem zukünftigen Ehemann ist das gleichgültig, die Braut denkt irgendwann nur mehr: "Es wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt, sich zu trennen." Und das Service ist auch noch von Rosenthal, dem deutschen Traditionsbetrieb, den die weltweite Finanzkrise in den Abgrund gerissen hat. Wenn das kein Zeichen ist.

Suite für den Hochzeitsfick Eheschließungen sind ein dankbarer Topos. Das Fest folgt einer bestimmten Dramaturgie, an der man schön entlangerzählen kann. Entgleisungen und Enttäuschungen gibt es obendrauf. Wobei die Hochzeitszeremonie im zweiten Roman von Susanne Heinrich eher im Hintergrund steht. Die junge Berliner Autorin konzentriert sich auf das Rundherum, den gebremst amüsanten Polterabend, das Hotel, in dem die Feierlichkeiten stattfinden. Die Hotelkulisse mit Wellnessbereich malt Heinrich mit viel Liebe an deprimierend spießigen Details aus: "Alles ist goldfarben oder rosa, und überall stehen Engelsfiguren in den Ecken", heißt es etwa über die Suite für den "Hochzeitsfick".
Wie es ein solches Setting verlangt, geht es um falsche Hoffnungen und desillusionierte Beziehungen. Der Titel sagt es bereits, "So, jetzt sind wir alle mal glücklich". Drei Paare stehen im Mittelpunkt: Georg und Franziska, Clara und Frank, Max und Charlotte. Sie sind Ende 20 bis Mitte 30, sie arbeiten im Kulturbetrieb oder machen Kunst und stehen dem Leben angemessen melancholisch gegenüber.
Mit leichter Hand inszeniert Susanne Heinrich die Paarbeziehungen, um sie im Laufe des Romans aufzulösen und neu anzuordnen. Max ist mit Charlotte da, will aber etwas von Franziska; Clara hat sich mit Frank eingelassen und ergeht sich in elegischen Gedanken an einen früheren Niklas; Georg und Franziska, das Brautpaar, führen überhaupt eine reine Zweckbeziehung.

Postnotwendige Geschichten Keiner kann, wie er will, vor allem nicht die große Kunst machen, von der alle hier träumen. Dafür wird ständig über Bücher und Filme geredet oder darüber, was man tun müsste, wenn man es nur könnte: "Also werde ich mich einfach morgen vor die Leinwand stellen oder an den Schreibtisch setzen und eine dieser postromantischen, postchaotischen, posttraumatischen, postnotwendigen Geschichten schreiben, eine dieser irgendwie melancholischen, irgendwie lethargischen, irgendwie wehmütigen Geschichten, in denen nichts passiert, aber immer alles kurz vorm Passieren ist, (…) eine dieser scheißdemokratischen, scheißsynthetischen, scheißmimetischen Geschichten werde ich schreiben, (…) die ich dann ‚Schöner scheitern' oder ‚Schöner leiden' nenne." Wenn man wissen will, was der Kulturbetrieb aus Menschen machen kann, ist man bei Susanne Heinrich (die am Literaturinstitut in Leipzig studiert hat) genau richtig.
Der Roman ist abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Figuren erzählt – ein probater Kunstgriff, der allerdings ein Manko hat: Alle Stimmen klingen mehr oder weniger gleich. Einzig Franziska, die zynisch-frustrierte Braut, hebt sich von den anderen ab. Ansonsten wagt Susanne Heinrich nicht viel, Rede, Gegenrede und Reflexion wechseln einander ordentlich ab. Wobei manches sprachliche Bild so falsch ist wie das Gold in der Hochzeitssuite. Da will jemand "den Moment in der Hand halten wie ein rohes Ei" oder empfindet Wut, die "wie ein Luftballon" ist, "der jeden Gedanken gegen die Schädeldecke presst und zerdrückt".

Missglückte Orgie Wie es sich für eine zünftige Hochzeit gehört, entgleitet schließlich alles. Je später der Abend wird, desto hässlicher werden die Gäste. Aus dem Geplauder werden Beschimpfungen, aus den Beschimpfungen Gewalt. Susanne Heinrich lässt das Geschehen mit viel Willen zur Zerstörung eskalieren, es kommt zu einer missglückten Orgie im Wellnessbereich und einer schlimmen Balkonszene, bei der fast jemand zu Tode kommt.
Auch sprachlich ist einiges los, fiebrige Einschübe wechseln sich mit monologischen Tiraden ab. Die Claras, Franziskas und Georgs, die die ganze Zeit gepflegte Beziehungsgespräche und Kunstdiskussionen geführt haben, sind plötzlich so aufgelöst wie die Brautfrisur nach Mitternacht.
Auch wenn man nicht immer genau weiß, was Susanne Heinrich uns erzählen will, folgt man ihren Figuren doch sehr gerne an den Rand des Nervenzusammenbruchs. So wie man sich ja auch immer an Hochzeiten ergötzt, bei denen man nicht selbst heiraten muss.

Verena Mayer in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 26)


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