Der Kaiser von China
Roman

von Tilman Rammstedt

€ 18,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: DuMont Buchverlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.12.2008


Rezension aus FALTER 5/2009

Wie man mit seinem toten Großvater nach China reist

Dass der Bachmann-Preis im vergangenen Jahr erstmals an einen Text gegangen sei, "der vornehmlich ob seiner humoristischen Qualitäten gefeiert wurde", wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, lässt sich nicht ganz aufrechterhalten – hatte doch zwei Jahre davor Kathrin Passig das Doppel Bachmann- und Publikumspreis auch schon unter vernehmlichem Begleitgelächter gewonnen. Aber es stimmt schon: Humor hat es in Klagenfurt mittlerweile leichter als, sagen wir, 1999: Damals ging Thomas Kapielski mit seinem hochkomischen Beitrag noch leer aus.
Gerade Romanausschnitte sind ein heikles Thema: Für eine halbstündige Lesung mögen sie tragen – insbesondere, wenn sie so atemberaubend rasant ausfällt wie die von Tilman Rammstedt –, aber hält dann das Buch, was ein, zwei Kapitel versprochen haben?
Im Falle von Rammstedts "Der Kaiser von China" muss die Antwort ambivalent ausfallen. Das Buch erschien einige Wochen später als vom Verlag vorgesehen – offenbar hatte der Autor doch länger daran zu arbeiten als geplant. Dass man das dem fertigen Roman ansähe, lässt sich schwer behaupten, fest steht indes zweierlei: erstens, dass Tempo, Witzdichte und Kompaktheit des Beginns nicht ganz gehalten werden können, und zweitens, dass die Handlung dann doch noch einige überraschende Wendungen draufzupacken hat.
Ganz leicht hat es sich der Autor nicht gemacht, denn das Konstruktionsprinzip des Romans wird im Wesentlichen schon auf der ersten Seite verraten, und nach spätestens drei Dutzend Seiten haben selbst ausgesprochen begriffsstutzige Leser begriffen, wohin der Hase läuft: Keith Stapperpfennig, einer dieser antriebslosen (semi-)jungen Männer, an denen in der Literatur der letzten Jahre wahrlich kein Mangel herrschte, hat sich unter seinem Schreibtisch verkrochen und schreibt dort jene Briefe, die belegen sollen, dass er sich auf einer China-Reise befindet – gemeinsam mit seinem Großvater, der indes – entgegen allen Erwartungen – doch noch gestorben und auf seinem (schon von Beginn etwas umständlich angelegten) Weg ins Reich der Mitte nur bis in den Westerwald gekommen ist.

Die Ausgangslage ist in der Tat sehr skurril, aber auch eine Hypothek. In der Beschreibung des hypervitalen, eine schier unüberblickbare Anzahl von immer jünger werdenden (oder gleich jung bleibenden?) Großmüttern verschleißenden Großvaters durch dessen doch etwas luschenhaft verhuschten Enkel hat Rammstedt eine ganze Reihe von China-Krachern gezündet. So kann's wohl kaum weitergehen – was also tun?
Der Autor hat sich für die Haltlosigkeit entschieden. War die Postkarte, die der Ich-Erzähler wohl mehr an sich selbst denn an seinen erdrückend rüstigen Opa schrieb, noch von unüberbietbarer Lakonie ("Lieber Großvater, du bist tot. Viele Grüße, Keith"), so werden seine für die Geschwister gedachten Reiseberichte nun ­immer ausführlicher und unbekümmerter, was die Rückbindung an irgendeine Form von Plausibilität betrifft.

Das ist immer noch recht komisch, zum einen, weil Keith haltlos die betuliche Prosa jener Reiseführer plündert, die ihm ganz offensichtlich als Informationsquelle dient ("Nun sitze ich hier im ,Wenyuan Dajiudian', einem großen, aber dennoch liebenswürdigen Dreisternehotel im muslimischen Viertel"); zum anderen, weil dem Großvater – entgegen allen Fakten – eine Vergangenheit buchstäblich angedichtet wird, die u.a. eine chinesische Geliebte beinhaltet, in ihrer Leiblichkeit um nichts weniger ausufernd als die neuerwachte Fabulierlust des Keith Stapperpfennig.
Auf diese Weise gewinnt der Roman auch an Abgründigkeit. Man hat es dabei nämlich, wie Wiebke Porombka in der taz so treffend formulierte, "mit einem ganzen psychoanalytischen Verschiebebahnhof zu tun". Hier wird – natürlich aus aussichtsloser Position – gegen den Tod erzählt; und ob dies nun als posthume Feier eines allenfalls erahnten Lebens oder als schuldgeplagte Selbstbeschwichtigung gelten soll, muss der Leser selbst entscheiden.

Klaus Nüchtern in FALTER 5/2009 vom 30.01.2009 (S. 30)


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