Ahnung von der Materie
Physik für alle!

von Hans Graßmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Schwarze Löcher für helle Köpfe

Die Fragen sind alt, und wir kennen sie wohl alle seit der Schulzeit: Waren wir zu dumm, wenn uns der Physik- oder Mathematiklehrer eine Formel an die Wandtafel zeichnete, die wir dann in den Hausauf­gaben und Prüfungen allenfalls mechanisch anwenden konnten, aber irgendwie doch nicht kapierten? Oder war der Lehrer schlecht? Hatte er die Sache vielleicht selbst nicht wirklich verstanden?
Die meisten dürften bereit gewesen sein, die Schuld des Nichtkapierens auf sich zu nehmen. Man wurstelte sich durch, orientierte sich in der Berufswahl anders, und von da an galten Physiker und Mathematiker als Wandelnde in Sphären, die uns zwar für immer verschlossen sind, aus denen aber wenigstens via Medien in schöner Regelmäßigkeit neueste Meldungen eintreffen.
Nachrichten von abenteuerlichen Forschungen über verschränkte Photonen, Quantencomputer, lebende und zugleich tote Schrödinger'sche Katzen oder riesige Schwarze Löcher, die alles verschlingen wollen, dunkle Energie und dunkle Materie, winzige saitenähnliche Strings, aus denen unser Universum aufgebaut sein soll – oder sogar von Extradimensionen und Multiversen.

All jenen, die in früher Jugend die Schuld des Nichtverstehens auf sich geladen haben, und vor allem all jenen, die eventuell gerade dabei sind, es zu tun, ist das neueste Buch des deutschen Physikers Hans Graßmann, "Ahnung von der Materie", gewidmet.
Das Cover zeigt eine leicht verschmierte Schultafel, auf der über dem Buchtitel mit orangefarbener Kreide das Wort "Keine" durchgestrichen und als Untertitel "Physik für alle!" zu lesen ist. Eine schöne bildliche Umsetzung der zentralen Botschaft, die uns Graßmann vermitteln will: Jeder kann Physik verstehen!
Bücher von Wissenschaftlern, die sich an uns richten und uns offen erzählen, was den Forscher umtreibt und warum, was er in den realen Sphären des heutigen Wissenschaftsbetriebs alles erlebt hat und wie er selbst die Gesetze der Natur versteht oder eben noch nicht versteht, sind immer interessant.
Zum Beispiel Robert B. Laughlins "Abschied von der Weltformel: Die Neuerfindung der Physik" (dt. 2007) oder Anton Zeilingers "Einsteins Schleier: Die neue Welt der Quantenphysik" (2003). Leider schreiben aktive Forscher nur selten solche Bücher, sondern überlassen die Vermittlung neuer Ideen lieber den Journalisten. Und fast nie schreiben sie Bücher, die man auch auf Schulstufe mit Gewinn lesen kann

Was das Buch von Graßmann so besonders macht: Über die Botschaft hinaus, jeder könne Physik verstehen, ist er der Meinung, dass das, was man nicht verstehen könne, keine Physik sei – und dass jeder, egal auf welcher Stufe, Wichtiges zur Physik beitragen könne. Für Letzteres liefert er auch Beispiele und zieht dann den Leser in einem Schnellkurs gekonnt durch die erforderlichen Grundbegriffe der Physik bis hin zu den Forschungsthemen, die ihn heute an der Universität Udine und in seiner Firma beschäftigen: der Entwicklung eines günstigen Spiegelsystems zur Erzeugung von elektrischem Strom aus Sonnenlicht und einer neuen Physik der Information.
Die Methode, konsequent nur das zu erklären, was gerade gebraucht wird, wird oft von kreativen Köpfen angewandt. Ich erinnere mich an eine Vorlesung von Pierre Gabriel an der Uni Zürich über Algebra, die sozusagen bei null begann, um die Studenten dann am Ende des Semesters mit einem Strauß an offenen Forschungsthemen in die Ferien zu entlassen.
Wie unzählige Biografien heraus­ragender Wissenschaftler belegen, haben es solche Menschen im akademischen Betrieb freilich nicht leicht, da sich Kreativität und Angepasstheit bekanntlich reiben. Auch Hans Graßmann kollidierte früh mit den Festungen der Institutionen. Geboren 1960 in Bamberg, studierte er in Erlangen, machte zuerst Station an der Beschleunigeranlage Desy in Hamburg, später am CERN in Genf, promovierte in Aachen, wanderte nach Italien aus und war unter anderem involviert beim Nachweis des Topquarks in den USA, bis er an der Universität Udine als Professore aggregato unterkam. Was er auf diesem langen Weg alles erlebt hat, schildert er ausführlich in seinem Buch.

Mit Sicherheit sind diese ausschweifenden und angriffig formulierten Passagen, die sich gegen das "groteske Europa der Bürokraten" richten, nicht jedermanns Sache. Graßmann unterschätzt vielleicht auch die Anstrengungen, die gerade in Deutschland unternommen worden sind, um den Wissenschaftlern mehr Freiheiten einzuräumen. Zumindest hat sich der Trend zur Abwanderung in die USA umgekehrt, weil dort zum Beispiel nur noch einer kleinen Elite eine freie Grundlagen­forschung finanziert wird. Mit seiner Kritik am aktuellen Wissenschaftsbetrieb steht Hans Graßmann auch nicht alleine da. Physiknobelpreisträger wie Robert B. Laughlin oder Martinius Veltman äußern sich ebenso dezidiert gegen die PR-Maschinerie von bestens alimentierten Forschungsinstitutionen.
Wenn nur Moden und Seilschaften gefördert und zur Sicherung der Finanzen medienwirksam Spekulationen in die Welt gesetzt werden, schadet das der Disziplin Physik zweifellos.
Mit Leidenschaft verfasste Bücher wie dasjenige von Hans Graßmann jedoch motivieren dazu, die Freude am Selberdenken gegen Autoritäten jeder Art zu verteidigen, die einen für dumm verkaufen wollen.

André Behr in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 43)


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