Als ob es kein Morgen gäbe

von Rawi Hage

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Unter einer süßen Kaskade von Bomben

Wer es mit diesem Roman aufnehmen möchte, mutet sich einiges zu. Etwa die seitenlangen Beschreibungen der Folter, der der Ich-Erzähler, ein 18-jähriger Libanese, unterzogen wird, weil er die guten Geschäfte stört, die die verfeindeten Klanmilizen in Beirut miteinander treiben.
Oder den Jargon eines heranwachsenden Machos, dessen liebstes Spielzeug die Pistole ist, mit der er nicht nur in die Luft oder auf Tauben schießt, und aus dessen Blickwinkel "Als ob es kein Morgen gäbe" bald forciert abgebrüht und dann wieder geradezu kitschig erzählt wird.

Die erste Liebesnacht mit der neuen Freundin beschreibt Bassam so: "Unter einer süßen Kaskade von Bomben bedeckte ich ihren Körper mit zehntausend Küssen. Kleidungsstücke lagen auf dem Boden verstreut wie Gebetsteppiche. Unsere Körper auf dem Bett waren tanzende Leichen. Noch einmal tausend Küsse, als die Bomben krachend näher kamen."
Wie gesagt, man macht schon was mit, wenn man ein Buch des 1964 geborenen, im Beirut des Bürgerkrieges aufgewachsenen und jetzt in Toronto lebenden Rawi Hage liest.
Aber trotz der exzessiven Gewalt, die mit unangenehm beflissenem Eifer geschildert wird, trotz der enervierenden Coolness, mit der Bassam über Leben und Liebe, Tod und Sterben räsoniert, lohnt die Lektüre dieses Romans, dessen treffenderer Originaltitel übrigens "De Niro's Game" lautet.
De Niro ist der Kampfname von Bassams bestem Freund, George, und das Game, um das es geht, ist aus "The Deer Hunter", in dem Robert de Niro die Hauptrolle spielt, bekannt; in Europa heißt es "Russisches Roulette", und indem sie in dessen verschärfter Beiruter Variante drei Kugeln in die Trommel mit sechs Schuss einlegen und den Revolver abwechselnd gegen den eigenen Kopf abdrücken, lösen die beiden den Konflikt, den sie, Freunde von Kindesbeinen an, in ihrer rundum von Gewalt bestimmten Welt anders nicht zu lösen wissen.
Grandios, wie Rawi Hage die Atmosphäre einer geteilten Stadt heraufbeschwört, in der Attentate, Mordanschläge, Entführungen, Straßensperren und marodierende Milizionäre zum Alltag gehören.
Der Bürgerkrieg währte in Beirut von 1975 bis 1990, dann war aus einer der schönsten und reichsten Städte des Mittelmeers ein Trümmerhaufen geworden, der ethnisch und religiös strikt parzelliert wurde und auf dem sich nicht nur die diversen christlichen Gemeinschaften und die untereinander verfeindeten Muslime ihre jeweils gesonderten Reviere sichern, sondern auch kleinere Minderheiten wie die Syrer oder die Armenier auf ihren separierten Winkeln beharren.
Bassam, der zur christlichen Bevölkerung gehört, lebt im Ostteil der Stadt, und die Milizen, die hier die Macht übernommen haben, sind Splitter- und Untergruppen der christlichen Phalange, die damals, um dem Druck einer unheiligen Allianz von hunderttausenden palästinensischen Flüchtlingen, schiitischen Gotteskriegern und der Untergrundarmee der Kommunistischen Partei zu widerstehen, eine unheilige Allianz mit der israelischen Armee eingingen.
Die Einwohner von Beirut, dies lehrt uns Rawi Hage in unvergesslichen Szenen und Bildern, wissen aber selbst oft nicht mehr, wer gerade gegen wen kämpft und welcher Seite sie selber zugerechnet werden.

Wie lebte man damals im christlichen Teil der Stadt, wie lebt man überall dort, wo im Zerfall von Staaten Bürgerkriegsmilizen das Regiment übernommen haben? "Die Hitze sank herab, die Bomben fielen, Banditen drängelten sich in der Brotschlange vor, nahmen den Armen das Essen weg, schüchterten den Bäcker ein und betätschelten seine Tochter. Banditen hatten es nicht nötig sich anzustellen."
Banditen – das sind jene Milizionäre, die vorgeblich angetreten sind, um eine bestimmte religiöse oder ethnische Gruppe der Bevölkerung zu schützen; aus solchen Milizen werden, selbst wenn ihre Anliegen gerecht erscheinen, über kurz oder lang immer Banden von Gangstern, die sich Stadtviertel, Landstriche und ganze Wirtschaftszweige unter den Nagel reißen.
Abu-Nahara ist eigentlich Gymnasialprofessor, aber als der Krieg begann und er einer von vielen Kommandeuren der Phalange wurde, ging er dazu über, "eine Abgabe für Häuser, Läden und Tankstellen einzuführen, mit der der Krieg unterstützt wurde. Und er hatte kleine Kasinos eröffnet und Pokerautomaten aufstellen lassen, die sehr lukrativ waren."

Rawi Hage schildert den Bürgerkrieg als Wirtschaftsunternehmen, in dem lokale Kommandeure, die schon vorher Zuhälter, Gewalttäter, Betrüger waren oder aber, aus zivilen Berufen stammend, im Krieg zu solchen wurden, hervorragende Geschäfte machen. Sie schikanieren die eigene Bevölkerung, die zum Überleben auf jene Schmuggelware angewiesen ist, deren Vertrieb die Milizionäre monopolisiert haben.
"Als ob es kein Morgen gäbe" ist die knallharte, todtraurige Geschichte zweier Freunde, die nichts als den Krieg kennen und endlich auch an ihm verdienen möchten. Sie zweigen ein bisschen was von den Summen ab, auf die George als Aufpasser in einer Spielhölle Zugriff hat, sie schmuggeln Whisky über die innerstädtische Grenze in den anderen Stadtteil hinüber.
Doch der eine, George, steigt dabei immer höher die Hierarchie der Milizen hinauf und kommt, fortwährend bekifft und mit Sonderaufträgen unterwegs, moralisch immer weiter herunter. Im anderen, der uns diese Geschichte mit schnellen, filmischen Schnitten erzählt, wächst hingegen die Sehnsucht, dem Albtraum zu entfliehen: Europa ist sein Ziel, und er erreicht es auch, aber ob Bassam dort eine Zukunft haben wird, hängt wahrlich nicht nur von ihm ab.

Karl-Markus Gauß in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 32)


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