Vernichten

Roman
€ 28.8
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zu zeigen scheint. Paul Raison ist Absolvent einer Elitehochschule und arbeitet als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium. Als Mitarbeiter und Vertrautem Juges fällt ihm die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Im Laufe seiner Nachforschungen kommt es zu einer Serie mysteriöser terroristischer Anschläge, zwischen denen kein Zusammenhang zu erkennen ist. Aber nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul Raison ist alles andere als einfach. Er und seine Frau Prudence leben zwar noch zusammen, aber sie teilen nichts mehr miteinander. Selbst die Fächer im Kühlschrank sind getrennt. Während Juge um seine Kandidatur kämpft, kann Paul entscheidende Hinweise für die Aufklärung der Anschläge liefern. Doch letztlich verliert Juge gegen einen volksnahen ehemaligen Fernsehmoderator, und die Erkenntnisse aus Pauls Recherche sind nicht minder niederschmetternd für die Politik des Landes.
Als Paul von seiner Arbeit freigestellt wird, kommt es zu einer Annäherung zwischen ihm und seiner Frau und die beiden finden wieder zueinander. Ein unerwartetes, wenn auch fragiles Glück …
Die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe, das komplexe Zusammenspiel von Gesellschaft und Politik und die weitreichende, oftmals kaum wahrnehmbare Verknüpfung von Politischem und Privatem – das sind die Themen des neuen Romans von Michel Houellebecq, dem großen Visionär der französischen Literatur.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Nur die Liebe zählt

Mit "Vernichten" legt der französische Skandalautor Michel Houellebecq seinen umfangreichsten und zärtlichsten Roman vor

Eine Woche vor Weihnachten, alles war schon bereit für den Winterschlaf, kündigte ein Mail des Dumont-Verlags einen neuen Roman von Michel Houellebecq an. Höchste Geheimhaltungsstufe: Wer das Buch haben wollte, musste versichern, mit der Rezension bis 11. Jänner zu warten und darüber hinaus auch keinerlei Informationen über den Inhalt weiterzugeben.

Der Hype um den Mittsechziger mit dem Image des Misanthropen und Zynikers ist besonders in seiner Heimat real. Über die Feiertage prahlte die französische Kultur-und Medienprominenz in den Social Media damit, den neuen Houellebecq schon zu haben. Es kursierte sogar ein Raubdruck. Erstaunlich, was für ein G'riss um einen neuen Roman in postliterarischen Zeiten entstehen kann, wo doch selbst Bildungsbürger angeblich höchstens noch Krimis lesen.

Sofort begann das Rätselraten, worum es in dem Werk gehe. Erste Vorberichte sprachen von einem Politthriller, der im französischen Wirtschaftsministerium während des Präsidentschaftswahlkampfs im Jahr 2027 angesiedelt sei, und von einer Serie von Terroranschlägen. Würde "Vernichten" an den Roman "Unterwerfung" anschließen, der ein muslimisches Frankreich imaginierte?

Weit gefehlt: Der Roman entpuppt sich als trojanisches Pferd. Er spielt zwar in der politischen Sphäre von Paris, sein Protagonist jedoch ist über weite Strecken mit ganz anderen Überlegungen beschäftigt - mit philosophischen Fragen, seiner Familie und dem überraschenden Neuerwachen seiner kaputten Ehe. Einige Passagen früherer Werke ließen es bereits vermuten, jetzt ist es amtlich: Michel Houellebecq ist ein Romantiker.

Sein neuer Roman ist nicht nur sein umfangreichster, sondern auch sein zärtlichster. Auch das Frankreich-Bild, das er zeichnet, ist versöhnlich. Dabei hebt alles gewohnt trostlos an. Paul Raison, Absolvent einer Eliteuni und einer der höchsten Beamten im Wirtschaftsministerium, ist ein Mann in mittleren Jahren, der sich von seiner Umgebung gründlich entfremdet hat. Freunde? Fehlanzeige. Sein einziger Umgang scheint der Minister selbst zu sein, ein beflissener Zahlenmensch, der viel auf Pauls Meinung gibt.

Verheiratet ist der Protagonist zunächst nur mehr auf dem Papier. Er wohnt noch mit seiner Frau zusammen, aber man hat längst getrennte Schlafzimmer. Der Krieg wird auch mit kulinarischen Mitteln ausgefochten, seitdem Prudence zur Veganerin wurde und den "Proletenfraß" ihres Mannes (Blätterteigpasteten und Käse aus Feinkostläden) in ein eigenes Kühlschrankfach verbannt hat. Im Nachhinein stellt Paul fest, dass das Ende der Beziehung vor vielen Jahren just mit dem Kauf der gemeinsamen Wohnung, einer prachtvollen Maisonette, begonnen hat: "Die Überschneidung war kein Zufall, eine Verbesserung der Lebensumstände geht oft mit einer Verschlechterung der Lebensinhalte einher, insbesondere hinsichtlich des Zusammenlebens."

Allein wegen solcher Sätze und Einsichten lohnt sich die Lektüre von Houellebecq immer wieder. Mag sein, er schreibt in einem lockeren "Nicht-Stil" dahin, wie Rainald Goetz einmal angemerkt hat. Den allerdings kann er. Er belastet seine Sprache nicht mit zur Schau gestellter Kunstfertigkeit, was dafür sorgt, dass seine Leserschaft ihm auch bei seinen philosophischen Ausritten folgt, die zu einem Markenzeichen geworden sind.

Die übergeordnete Erzählinstanz von "Vernichten" ist niemand anderer als Houellebecq selbst. Das funktioniert über weite Strecken, wenn sein Blick sich auf Paul beschränkt. Bisweilen wechselt die Perspektive jedoch, und es geht um Pauls kleinen Bruder oder seine Schwester, ohne dass sich dadurch im Ton etwas ändern würde. Für die Konstruktion des Romans muss der Autor mit einer Drei minus zufrieden sein. Er wird es verschmerzen.

Die Handlung geht bisweilen seltsame Wege. Im zweiten Romandrittel nähern sich Paul und Prudence, nachdem sein Vater einen Schlaganfall erlitten hat, wieder einander an. Um nach langer Sexpause für den zweiten Ehefrühling zu üben, sucht er eine Prostituierte auf. Als diese auf seinen Wunsch beim Blowjob das Licht anmacht, erkennt er das Gesicht seiner Nichte. Immerhin: Nach dem ersten Schock führen die beiden noch ein gutes Gespräch.

Das sind aber nur kleine Makel in einem großen Roman, der höchstens an der Oberfläche ein Politroman ist. Mit Fortdauer der Handlung geht es immer weniger um das Ministerium, um Macron, der nie namentlich genannt wird, aber klar erkennbar der im Roman 2027 noch amtierende, machtbesessene Präsident ist, oder um die zu Beginn viel Raum einnehmende Anschlagsserie, die wirtschaftlich motiviert scheint.

Umso detaillierter widmet sich Houellebecq den Beziehungen seiner Figuren. Sehr schön verschränkt er Gesellschaftsanalyse mit Familienaufstellung. Als Pauls Vater zum Pflegefall wird, kommen die Kinder wieder zusammen. Die Schwester ist von einem unerschütterlichen Gottesglauben beseelt, während sich ihr arbeitslos gewordener Mann wieder der ultrarechten Gruppe anschließt, der er bereits als Jugendlicher nahestand.

Und dann ist da eben noch die Liebe. Mon Dieu, Michel! "Vernichtung" entwickelt sich zu einem Loblied auf die Freuden einer innigen Zweierbeziehung. Zum Ende hin finden Paul und Prudence zu einer nicht mehr für möglich gehaltenen Nähe und Intimität. Dummerweise bekommt der Held in dem Moment, als es plötzlich gut mit ihnen läuft, eine Krebsdiagnose mit schlechten Aussichten. Bis zum letzten Moment klammern seine Frau und er sich aneinander, auch in sexueller Hinsicht.

Vielleicht hat es mit seinem persönlichen Eheglück zu tun, aber Houellebecq baut auf die Liebe. Schön für ihn und für uns. Die Aussicht, in Zukunft womöglich heiter-melancholische Beziehungsromane zu verfassen, war ihm aber offenbar zu hardcore. Seine Dankesworte am Ende des Romans beschließt er mit: "Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören." Respekt.

Sebastian Fasthuber in Falter 1-2/2022 vom 14.01.2022 (S. 29)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783832181932
Erscheinungsdatum 11.01.2022
Umfang 624 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag DuMont Buchverlag
Übersetzung Stephan Kleiner, Bernd Wilczek
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Henri Thomas, Leopold Federmair
€ 20,00
Urs Allemann
€ 18,00
Kat Menschik, Tschingis Aitmatow, Gisela Drohla
€ 20,60
Vladimir Sorokin, Andreas Tretner, Dorothea Trottenberg
€ 22,70
Werner Köhler
€ 22,70