Serotonin
Roman

von Michel Houellebecq

€ 24,70
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Übersetzung: Stephan Kleiner
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 330 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.01.2019

Rezension aus FALTER 1-2/2019

Träumereien eines einsamen Sexisten

Autor Michel Houellebecq verarbeitet in „Serotonin“ die Bekenntnisse eines Haters zur großen Klage

Glück ist der Blick auf eine verflossene Liebe durch das Zielfernrohr eine Gewehrs. Das ist eines von vielen verstörenden Bildern, mit denen der französische Schriftsteller Michel Houellebecq eine lange Reise der Desillusionierung schildert. Die Pageturner-Qualitäten eines gewieften Erzählers mit dem Gespür für soziale Veränderungen verknüpfend, gelingt Houellebecq eines seiner rundesten Werke. Die Bekenntnisse eines pathologischen Haters gilt es dabei als Stoff in Kauf zu nehmen.

Die Zutaten für „Serotonin“ sind aus Vorgängerwerken bekannt. Alternde Männer im Zustand sexueller Verwahrlosung kennt man aus „Elementarteilchen“ (1998). Dass diese „schwanzgesteuerten“ Wracks Kette rauchen, Alkoholiker sind und Frauen als „Fickluder“ bezeichnen, gehört zum Standard der Figurenzeichnung. Wie in „Unterwerfung“ arbeitet der Autor aktuelle Themen ein. Waren es in dem 2015 erschienenen Buch der politische Islam, antizipiert er diesmal die Protestbewegung der Gelbwesten. In keinem anderen Text aber sind Reflexion und Handlung, psychische Innen- und gesellschaftliche Außenwelt so gut aufeinander abgestimmt wie in „Serotonin“. Ein großer Handwerker bringt seine Werkzeuge souverän zum Einsatz.

Das titelgebende Hormon Serotonin stellt Florent-Claudes Hauptproblem dar. Das Leben des Mittvierzigers geht den Bach hinuntergeht. Ein letztes Mal macht er Urlaub mit seiner Freundin und versucht dabei, jeden Kontakt mit ihr zu vermeiden. Dass sie eine Vorliebe für Sex in der Gruppe und auch mit Hunden hat, nimmt er achselzuckend zur Kenntnis. Seine Eltern haben sich umgebracht, die Arbeit im Landwirtschaftsministerium will er aufgeben. Ein Psychiater verschreibt ihm das Medikament Captorix, das sein Gemüt aufhellen soll.

Serotonin ist mehr als ein Begriff aus dem Lehrbuch der Psychiatrie. Das Hormon steht für Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, Empathie für andere zu entwickeln. Der Serotoninspiegel wird zur Metapher für die Unfähigkeit, Beziehungen aufzubauen, ein soziales Wesen zu sein. Mit der Einnahme von Captorix nimmt außerdem die Ausschüttung von Testosteron ab. Das Sinken der Libido zerstört die Identität des Freundes „feuchter junger Muschis“.

Am Beginn des Romans lässt Houellebecq den Ich-Erzähler als hoffnungslosen Sexisten antreten, dem man den Tripper an den Hals wünscht. Doch je mehr jener vereinsamt, umso näher rückt diese widerliche Figur dem Leser. Der Hardcore-Epikureer (Epikur propagierte die materiellen Freuden des Daseins) verwandelt sich in einen kaputten Stoiker, der dem Ende mit Gleichmut entgegenblickt: „Meinem Geist war bewusst, dass sich meine Existenz nun dem Tod zuwandte, und er ließ keine Gelegenheit verstreichen, mich daran zu erinnern.“

Warum sich der Held von einem Monster in einen Menschen verwandelt, hat auch mit den übrigen Figuren zu tun. Da gibt es zum einen Spiegelfiguren wie einen befreundeten Adeligen, der mit seiner Biolandwirtschaft scheitert und in der Normandie einen an die Gelbwesten erinnernden Aufstand anzettelt. Der inzwischen ohne Wohnung lebende Freund nimmt den verzweifelten Versuch, den Lauf der Dinge zu ändern, mit Wohlwollen zur Kenntnis.

Zum anderen taucht die Jugendliebe Camille auf, deren friedlicher Alltag die Tragödie ihres Ex-Freundes deutlich macht. Ein harmonischer Lichtstrahl fällt in die Nacht des Unglücks. „Also ja, ich hätte allein mit Camille in diesem abgelegenen Haus mitten im Wald leben können, und ich glaube, im Rahmen meiner Möglichkeiten wäre ich glücklich geworden.“

Der Autor lässt viel Realität in die Erzählung einsickern, von Firefox bis zur Gewehrmarke Steyr Mannlicher. Gegen diesen Realismus könnte man einwenden, dass der Ich-Erzähler für einen Depressiven auffällig gesprächig ist. Auch verfügt der Spezialist für französische Käseproduktion, der den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt, über unwahrscheinliche literarische Kenntnisse – von Jean-Jacques Rousseau bis Marcel Proust.

Doch man nimmt diese Strickfehler gern in Kauf, denn hinter der zeitgenössischen Fassade entfaltet Houellebecq ein zeitloses Drama. Unter dem Firnis von Vulgarität bricht metaphysische Tiefe hervor.

Houellebecq stimmt eine aus der Barocklyrik bekannte Klage über den irdischen Jammer an, die in gelegentlicher Zwiesprache mit Gott explizit wird. Die religiöse Anspielung bleibt nicht Selbstzweck, sondern berührt die Frage, inwiefern Erlösung vulgo Glück überhaupt möglich sei. Unschwer lässt sich in der Hauptfigur Rousseaus Versuch wiedererkennen, in heiterer Natur zum wahren Selbst zu finden. „So bin ich nun allein auf dieser Welt“, zitiert er aus dessen „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“.

Als Materialist weiß Houellebecqs Patient, dass Ideal und Scheiße nahe beieinanderliegen. Serotonin werde im Magen-und-Darm-Trakt erzeugt, erfährt Florent-Claude aus dem Internet. Er misstraut der idealistischen Sprache der Literatur, etwa jener Goethes, „dem grauenvollsten Schwafler der Weltliteratur“.

Als Vertreter der klassisch-romantischen Tradition lässt der Autor einen deutschen Ornithologen auftreten, der nicht nur Vögel beobachtet, sondern in seinem Ferienhaus Kinderpornos dreht. „Mein Liebchen“ nennt er im Tonfall Goethe’scher Lyrik die von ihm missbrauchte Zehnjährige.

Houellebecqs empfindsame Reise lässt sich als Vivisektion des Individualismus lesen. Am Ende bleibt von der vielbeschworenen Freiheit des Westens nicht mehr übrig als „eine kleine, weiße, ovale, teilbare
Tablette“.

Matthias Dusini in FALTER 1-2/2019 vom 11.01.2019 (S. 29)


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