Verstand und Kürzungen
Gedichte

von Helmut Krausser

€ 23,70
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Verlag: DuMont Buchverlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik, Dramatik
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2014


Rezension aus FALTER 41/2014

Jeder Tag kann dir zur Feier sein

Barock ist wieder angesagt: Helmut Kraussers verfugt die literarische Traditionsgeschichte mit viel Selbstbewusstsein neu

Ein letzter Zigarettenzug, ein Blick auf das morgendliche Erwachen der ewigen Stadt Rom, ein in nächtlichem Rausch verfasstes Liebesgedicht: In alldem wohnt die genussvolle Kürze des Augenblicks und zugleich das Bewusstsein, keine Sekunde festhalten zu können.
Auf jenem schmalen Grat, wo alles gewonnen oder verloren werden kann, wandelt Helmut Kraussers Gedichtband "Verstand und Kürzungen" und führt an die existenzielle Grenze dessen, was Sprache einzufangen weiß. Es sind große Themen des Daseins: Liebe, Wandel, Tod und das stete Wissen um Vergänglichkeit. Denn was wir Glück nennen, erweist sich auch als Teil eines ganzen Welttheaters: Wir suchen unentwegt "in dem elend tristen reigen / toter tage nach dem kleinen / glück der zeit, um das wir weinen".
Ein Sonett, getränkt in Weltschmerz, und doch nicht das Ende aller Tage. Wenn uns Krausser etwa an den Totenschädeln in der römischen Kapuzinergruft vorbeiführt, sehen wir zwar der Endlichkeit bitter ins Auge. Verloren ist damit aber nichts. Im Gegenteil: "Gelobt sei die Klinge, die über uns schwebt. Sie schärft die Existenzen, macht glänzen, was lebt." Formvollendet, zugleich nie verkrampft oder ungelenk aktualisiert Krausser das barocke Stil- und Gedankeninventar, um damit unsere Gegenwart zu erklären.
Allseits ringt der Mensch heute mit der Zeit, sieht rascher denn je die Stunden vergehen. Doch wie auch Gryphius oder Hofmannswaldau wussten, birgt Vanitas auch den Keim des "carpe diem" in sich: Jeder Tag kann dir zur Feier sein. Und die Lyrik? Schafft den Rahmen dafür, kann uns ein Album sein, worin wir Erinnerungen an schöne Stunden mit der Geliebten oder stille Momente in der Natur verwahren. Sie ruhen in der Sprache, geborgen, behütet.

Doch sie darf kein Käfig sein. Allein wenn sie frei ist, sind wir es auch. So kreist Kraussers Lyrik stets um das Vermögen, Worte zu beherrschen wie gleichsam aus ihnen auszubrechen, eben "die ritterrüstung sprache wieder / loszuwerden" und ein "neue(s) säuglingslück", einen unverfänglichen Blick auf das Hier und Jetzt zu ermöglichen. Nur auf diese Weise erhält sich das Geheimnis in den Dingen. Ein Text zu Bewohnern der Tiefsee gibt klar zu verstehen: Holen wir sie an die Oberfläche, verflüchtigt sich deren Faszinosum. Wahr ist's: "schönheit (…) ist, erkannt, schon halb vergangen."
Der 1964 in Esslingen am Neckar geborene Autor nutzt allerhand kanonische Autoren mit ihrem klassischen Textfundus hier zu eigenen "Conversionen". Ob Trakls "Verfall", Buschs "Die Selbstkritik" oder Brechts berühmte Liebeswürdigung "Erinnerung an die Mari A." – sie alle sind ein lyrischer Steinbruch für Kraussers experimentelle Neuverfugungen. Selten kommt es zu einer kompletten Umdeutung. Zumeist glättet oder vereinfacht Krausser Passagen, entstaubt Verse und macht sie für ein breites Lesepublikum zugängig. Rilkes "Der Panther", den er amüsant auf die Seelenlosigkeit aktueller Fernsehformate und ganz konkret auf "Germany's Next Top Model" überträgt, erscheint beispielsweise in amüsant-ironischer Maskerade neu.
Auch mit 33 leichtfüßigen Neuübersetzungen von Shakespeares Sonetten arbeitet sich Krausser mit Geschick und Elan in den Olymp dichterischer Klassiker vor, indem er deren Glanz, Weltschmerz und Sehnsüchte in das 21. Jahrhundert überträgt. Was diesem zauberhaften Band am Ende jedoch ein wenig seinen Geist raubt, sind die polemischen Watschen, die all jene Poeten kassieren, bei denen Krausser sich zuvor bedient hat.
Während er seine "Conversionen" in einem völlig überflüssigen Glossar selbst erklärt, liest man vom "missglückte(n)" Gedicht Hofmannsthals oder von der "unausgegorene(n) Pennälerlyrik" Trakls. Mörike verleihe Krausser dagegen ein "pathetisches Surplus". Oder er schreibt gleich eine Persiflage, etwa auf Benns "Ein Wort", ein ohnehin "überschätzte(r) Lyriker", wie wir erfahren.
Solcherlei Narzissmus und Arroganz hätte es nicht gebraucht. Am besten liest man in dem ansonsten virtuosen Band über diese Selbstverirrungen hinweg. Wenigstens der Leser sollte generös bleiben: Ein jedes Genie verrennt sich eben einmal.

Björn Hayer in FALTER 41/2014 vom 10.10.2014 (S. 18)


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