Tod in Turin

von Jan Brandt

€ 20,60
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Illustrationen: Tom Smith
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 300 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Netter Wochenendtrip nach Italien

Das hätte es in der Goethezeit nicht gegeben: Jan Brandts "Tod in Turin" zeichnet eine etwas andere italienische Reise nach

Goethe und Seume, Moritz und Heine, Thomas und Heinrich Mann, Bachmann und Bernhard, Henscheid, Brinkmann und Krausser: "Alle deutschsprachigen Schriftsteller von Weltrang haben über ihre italienische Reise geschrieben." Dies schreibt der deutschsprachige Schriftsteller Jan Brandt in seinem jüngsten Buch. Es handelt von seiner Reise zur Buchmesse in Turin im vergangenen Jahr.

Auf Einladung seines italienischen Verlags präsentierte er dort die Übersetzung seines Romans "Gegen die Welt". Mit diesem Debüt sorgte er 2011 für Furore: ein Epos von fast 1000 Seiten, das in der ostfriesischen Provinz das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausbreitet.
Mit der 60. und vorerst letzten Lesung aus dem Buch vor beflissenem hessischem Provinzpublikum beginnt sein Bericht. Er wechselt noch kurz zu einer Gastdozentur nach England, um dann endlich zur dreitägigen Italienreise durchzustarten. Zum Goethe blieb immerhin eineinhalb Jahre.
Mit jener Detailversessenheit, die er schon in seinem vorigen Buch zur Perfektion getrieben hat, schildert er die Tage in Turin: die Fahrt ins Hotel, das im legendären ehemaligen Fiat-Werk untergebracht ist, die Begegnungen mit Schriftstellerkollegen, italienischen Verlagsleuten und Journalisten. Alles muss notiert werden, nichts darf verlorengehen, nicht einmal die Namen der zahllosen Pasta-Sorten, die ein edler Supermarkt anbietet. Wo der Text vor lauter Informationsfülle zu platzen droht, entlastet er sich in endlosen Fußnoten. Die pseudonaiven, höchst komischen Illustrationen von Tom Smith dokumentieren zusätzlich wichtige Schlüsselszenen.
Goethe fand in Italien zu sich selbst, Rolf Dieter Brinkmann brachte sich in Rom gegen alle bildungsbürgerlichen Konventionen in Stellung, Nietzsche umarmte in Turin ein Pferd und verabschiedete sich damit endgültig in den Wahnsinn.
Mit solchen Extremerfahrungen kann Brandt zunächst einmal nicht dienen. Er tut, was die Verlagsleute von ihm erwarten, stromert ansonsten durch die Stadt, will sich auch das Grabtuch Jesu nicht entgehen lassen, das allerdings gerade durch eine Kopie ersetzt worden ist: ein netter, im Grunde banaler Wochenendtrip, weit entfernt von irgendwelchen Initiationserfahrungen.
Und doch arbeitet es in ihm, verschieben sich seine inneren Koordinaten. "Ich bin im Himmel gewesen ... In Turin habe ich in drei Tagen mehr erlebt als in Berlin in drei Wochen ... Und jetzt, da ich wieder zurück bin, erscheint mir alles, was ich in Turin erlebt habe, wie der Traum eines anderen."
Dabei ist ja nicht einmal sicher, wer da aus Turin zurückgekehrt ist. Beim Einchecken für den Heimflug nämlich kommt es zu einer gespenstischen Verwechslung. Die Identität des Autors löst sich auf, damit verbunden kommt ein jäher Wechsel von akribischem Realismus ins phantastische Register. Das muss der Tod in Turin sein, den der Titel beschwört, jene Grenzerfahrung, die in Italien durchlebt haben muss, wer ein deutschsprachiger Schriftsteller von Weltrang werden will.
Spätestens jetzt sollte jedem Leser klar sein, dass der Jan Brandt, den er über gute 300 Seiten in Turin begleitet hat, nicht in jeder Einzelheit mit jenem Jan Brandt zu verwechseln ist, der all diese Geschichten erzählt.
Beiden aber ist gemeinsam, dass sie an einem großen Roman arbeiten, der von der deutschen Auswanderung nach Amerika handeln soll. "Tod in Turin", ausdrücklich als "Materialienband I" deklariert, darf also wohl als eine Gelegenheitsarbeit verstanden werden, als eine parodistische, ein wenig kokette Spielerei, mit der Jan Brandt einen Platz unter den wichtigen Autoren seiner Generation der heute 40-Jährigen reklamiert.

Gleichzeitig macht er Ambivalenzen und Widersprüche deutlich, die Gegenwartsliteratur heute aushalten muss. Ihre bildungsbürgerliche Herkunft muss sie nicht verleugnen, auch wenn kaum einer davon noch Genaueres wissen will. Sie darf cool und anachronistisch zugleich sein, so frei wie vielleicht kein anderes Medium. Eine Ahnung von dieser Freiheit vermittelt Jan Brandts italienische Reise. Und wann kommt sein nächster Roman?

Tobias Heyl in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 18)


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