Der afrikanische Freund
Roman

von Johannes Gelich

€ 16,50
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Verlag: Wallstein
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Auf Verweigerung folgt Konformismus

Salzburg, eine Woche vor Eröffnung der Festspiele: Burgherr Max und seine Freunde aus der Salzburger High Society geben sich ihr jährliches "Weekend" mit Völlern, Saufen und Vögeln. Starkoch Hugo kredenzt ein Mittelaltermenü, das er mit seinem Sperma würzt, Mädchen aus dem Ostblock versorgen die Herren sexuell.
So weit, so "Großes Fressen". Doch dann klopft ein afrikanischer Hausierer an die Tür, verwickelt den Hausherrn in eine moralische Diskussion und fällt bei der anschließenden Rauferei so unglücklich, dass alle schon die Totenglocken läuten hören. Was tun mit dem Schwerverletzten, ohne Aufsehen zu erregen? In seinem strengen literarischen Kammerspiel "Der afrikanische Freund" schildert Gelich, wie Menschen aus Feigheit und Indifferenz verhindern, dass einem anderen geholfen wird. Starker Tobak, der beim Lesen ordentlich Unbehagen verbreitet, gerade weil die beschriebene Situation so abwegig nicht ist.

Anklänge an Albert Camus
Seine ersten beiden Bücher – "Die Spur des Bibliothekars" (2003) und "Chlor" (2006) – handeln noch von zwei Leistungsverweigerern, die sich mehr oder weniger lustvoll der Turbogesellschaft versagen. Sein jüngster Roman hingegen bezieht seine bittere Moral aus dem Umstand, dass Durchschnittskonformisten einen Menschen vor die Hunde gehen lassen, weil sie um ihr eigenes Ansehen fürchten bzw. weil sie sich nicht zuständig fühlen.
Gelich schildert das quälende Hin und Her, mit dem die Freunde der Lage Herr werden wollen, aus der Perspektive eines involvierten, aber völlig distanzierten Icherzählers – einem literarischen Wiedergänger des Mersault aus Albert Camus' "Der Fremde" . Dadurch konfrontiert er die Leser erste Reihe fußfrei mit den Abgründen einer Gesellschaft, die zwar stets den Lustgewinn sucht, aber keine Bereitschaft zeigt, Verantwortung zu übernehmen.
Ein politischer Schriftsteller, der seinen Lesern eine Botschaft aufs Auge drückt, möchte Johannes Gelich auf keinen Fall sein. "Gute Literatur war schon immer unpolitisch am politischsten", meint er im Gespräch. Andererseits wirken die Texte des 1969 geborenen Autors dadurch, dass er seine Figuren immer dezidiert in ein soziales Umfeld einbettet, um Hausecken politischer als jene der meisten seiner Alterskollegen. Gelich beneidet die Autorenschaft der Generation Pop um ihren unvermittelten Zugang zur Literatur, andererseits verblüfft ihn an deren Büchern die "Unverwurzeltheit der Stoffe und Figuren in einer zeitgemäßen Gesellschaft".

Zwischen Salzburg und Sibiu
Das Umfeld seines jüngsten Romans, die "zum Event entwickelte Hoch-, Fress- und Repräsentanzkultur", die er hier aufs Korn nimmt, kennt Johannes Gelich aus eigener Anschauung. Aufgewachsen in einer Salzburger Villengegend, geprägt von einem autoritären Elternhaus mit braunen Schatten, von seiner popkulturfreien Jugend und später, als Student, von den Wiener Opernballdemos der späten 80er-Jahre, musste das Kind aus gutem Hause an den Rand Mitteleuropas reisen, um sein literarisches Coming-out zu erleben.
Von 1999 bis 2001 arbeitete der Germanist als Universitätslektor in Iasži, der zweitgrößten Stadt Rumäniens, unweit der moldawischen Grenze. Hier entstand sein schwebend schöner Prosaerstling, die Novelle "Die Spur des Bibliothekars", bei deren Erwähnung es dem Autor heute "kalte Schauer über den Rücken jagt".
Hier kommt Gelich in Kontakt mit einer Gruppe von Autoren, "die sich gegen das verkommene postkommunistische Schriftstellerestablishment stellten". Für die Zeitschrift Wienzeile arbeitete er an einer Anthologie rumänischer Autoren, für den Wieser-Verlag versammelte er Texte österreichischer Autoren, die ins Rumänische übersetzt wurden. Dabei habe er "viel gelernt – über Literatur, Texte machen, Lektorieren, Gespräche führen und so weiter".
Zurzeit weilt der Autor wieder in Rumänien: Er ist bis Ende Februar 2009 Stadtschreiber in Hermannstadt/Sibiu im Herzen Siebenbürgens und berichtet auf seinem Blog (www.johannesgelich.com) über seine aktuellen Beobachtungen und Erlebnisse im jungen EU-Land.

Einmal Dampf ablassen
Mit "Der afrikanische Freund" hat Gelich, der zu den interessantesten Autoren seiner Generation zählt, ein kräftiges Zeichen gesetzt. Aus ästhetischer Sicht scheint das mit Zitaten und Anspielungen gespickte Buch dennoch nicht rundum geglückt. Neben Camus, Marco Ferreris Film "Das große Fressen" und Elfriede Jelineks "Kaprun"-Stück schwingt auch der Jedermann seine postmoderne Sense. Vor allem aber wirkt der Icherzähler, der sich hartnäckig einer Weiterentwicklung verweigert und wie blöd auf seinem "Was hat das mit mir zu tun?"-Standpunkt beharrt, auf die Dauer etwas monoton.
Der stets selbstkritische Autor kann solche Vorbehalte verstehen: "Ich denke, die Gefahr, ins Fahrwasser schlechter, moralischer Literatur zu kommen, ist bei mir gegeben, und ich ahne auch, dass ich erst einmal drei, vier Romane rauslassen muss, Dampf ablassen, bis ich einmal etwas lockerer arbeiten kann."
Die Voraussetzungen dafür sind sehr gut. "Der afrikanische Freund" ist im Göttinger Wallstein Verlag erschienen, ein Vorabdruck des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Sommer brachte dem Autor in Deutschland Aufmerksamkeit und verlagsintern ein gutes Standing. Und die nötige Power, wieder ein gesellschaftlich relevantes Thema aufzugreifen und literarisch ergiebig auszuformen, bringt Gelich von alleine mit.

Werner Schandor in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 31)


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