Das Buch der Bücher von Peter Altenberg

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Verlag: Wallstein
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Erscheinungsdatum: 06.02.2009

Rezension aus FALTER 10/2009

Eine Seele auf der Höhe der Zeit

Dem Dichter Peter Altenberg gönne ich seine Geburtstagsfeiern von Herzen. Denn er braucht sie dringend, und etliche sind ihm bislang vorenthalten oder vergällt worden. Seinen Sechzigsten sehnte er damals herbei, nicht zuletzt, weil er sich davon erneute Aufmerksamkeit für sein Werk und seine Person versprach. Doch er erlebte ihn nicht. In den tumultuarischen Wochen nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie brachten ein paar Leute einfach nicht mehr die Zeit auf, regelmäßig nach dem kranken Dichter zu sehen, und so starb er an den Folgen einer Lungenentzündung. Vermutlich hätte ihn sein Geburtstag auch sehr enttäuscht. Seine Zeit war ihm voran gestorben.
1934 wäre Altenberg 75 geworden: ein Anlass zu posthumer Feier und Würdigung. Aber da hatten die Nazis schon begonnen, Gegenwart und Erbe der jüdisch-deutschen Literatur zu vernichten. Auch seine ehemaligen Förderer konnten wenig für sein Andenken tun. Der Architekt Adolf Loos starb 1933, der Schriftsteller Alfred Polgar bereitete seine Emigration vor. Nur Karl Kraus hatte 1932 eine Werkauswahl herausgegeben, mit der für fast 20 Jahre der Druck von Altenberg-Texten endete.
Seinen 100. Geburtstag hat man dann wahrscheinlich über dem Wirtschaftswunder verpasst, jedoch im Nachhinein bemerkt. Um 1960 erscheinen drei neue Auswahlbände, und seitdem gibt es in unregelmäßigen Abständen die Bemühung von Herausgebern und Verlagen, Altenberg vor dem ständig drohenden Vergessen zu bewahren.

Nie aber waren diese Bemühungen so geballt wie jetzt, zu Altenbergs 150. Geburtstag am 9. März. Im Wallstein Verlag erscheint eine von Kraus projektierte, aber nicht realisierte Auswahl in drei Bänden; der S. Fischer Verlag druckt Altenbergs erstes Buch "Wie ich es sehe" als Taschenbuch in der Fassung der Erstauflage. Daneben werden Sammlungen von Briefen und Dokumenten erscheinen.
Also ein Denkmal aus bedrucktem Papier! Sehr gut, und viel besser als das einzige Denkmal Altenbergs, das bislang in Wien zu finden ist: eines aus Pappmaché, das im Café Central sitzt und die Gäste melancholisch beäugt. Ein Denkmal aus Büchern bietet dagegen die notwendige Grundlage jener wesentlichen Erinnerungsarbeit, die man für einen Dichter leisten kann: die Lektüre seiner Texte. Das mag eine Selbstverständlichkeit sein, aber im Falle Altenbergs muss sie besonders betont werden. Denn die Person, ja die "Marke" P.A. hat sich im Laufe der Zeit vor die Texte gedrängt.
Zum Teil trägt Altenberg daran selbst Schuld. Mit seinem Eintritt in die literarische Welt stilisierte sich der Kaufmannssohn Richard Engländer zur Kunstfigur P.A. Eine Integration in die bürgerliche Gesellschaft hatte er ausgeschlagen, zwei Studien abgebrochen. Ein Arzt hatte Neurasthenie und Berufsunfähigkeit diagnostiziert.
Doch nichts hatte anfangs darauf gewiesen, dass er sich als Schriftsteller verstehen wollte. Dass ihn Schullektüren ergriffen hatten, dass er als Kind ein Gedicht schrieb, wie seine Schwester berichtet, bedeutet nicht viel. Mir scheint am plausibelsten zu sein, dass der junge Frühpensionär Engländer allmählich in eine literarische Epoche hineinwuchs, in der er sich und sein Temperament als zeitgemäß empfinden konnte, als etwas, das mit der geistigen Avantgarde dieser Zeit korrespondierte. Oder anders gesagt: Um 1890 war der aus dem Bürgertum gefallene Neurastheniker – und ich bitte ihn für diesen Ausdruck um Verzeihung – eine Seele up to date.

Mit seinem Debüt "Wie ich es sehe" erscheint er 1896 vollkommen verwandelt: Künstler und Kunstfigur zugleich. Er trägt auffällige Kleidung, trinkt unmäßig und lebt dann wieder nach reformerischen Grundsätzen. Er wohnt im Hotel und verkehrt mit unmöglichen Menschen. Er redet freizügig über die intimsten Dinge: über sexuelle Obsessionen und körperliche Gebrechen. Er lebt seine Texte öffentlich; sein Auftreten ist immer ein Event, eine Performance. Zwischen ihm und seinem Schreiben gibt es keine bürgerlich-familiären Schutzzonen wie etwa bei Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal. Im Gegenteil, den Zeitgenossen scheint es bisweilen sogar, als seien die Texte bloß unvollständige Stenogramme seiner Existenz. Er sei ein "Sprechsteller", sagt Alfred Polgar.
Kein Wunder also, dass die Texte es seitdem schwer haben, sich gegen das "Wiener Original" und seinen Pappmaché-Stellvertreter im Kaffeehaus durchzusetzen. Die Zahl der P.A.-Verehrer droht stets größer zu sein als die seiner Leser. Vielleicht hat sich Altenberg, indem er sich zur Marke machte, seinen Nachruhm ja selbst verdorben?
Vielleicht. Aber vielleicht konnte er gar nicht anders. Zu Lebzeiten und auch später noch teilte er das Schicksal aller mitteilsamen Leidenden: Man hielt ihn, da er fast unausgesetzt klagte, für weniger krank, als er tatsächlich war. In eine andere Richtung weisen jedoch Briefe, die 2003 anlässlich der großartigen Altenberg-Ausstellung im Jüdischen Museum der Stadt Wien erstmals veröffentlicht wurden. Aus ihnen geht hervor, dass Richard Engländer sich wahrscheinlich schon sehr früh eine schwerwiegende und damals noch unheilbare Krankheit zuzog, die später sein Leben phasenweise zur Hölle machte. Die Kunstfigur P.A. könnte also auch eine Art Schutzraum gewesen sein, in den sich der zutiefst beschädigte und verzweifelte Mensch Richard Engländer zurückzog.

Tatsächlich hatte dieser Mensch hinter dem Phänomen P.A. nur wenige gute Jahre. Nach dem Zusammenbruch des elterlichen Geschäftes und dem Fortfall regelmäßiger Bezüge verschlimmert sich sein psychischer Zustand beständig. Der seit jungen Jahren betriebene Konsum von Alkohol und Schlafmitteln zur Schmerzlinderung zeigt die üblichen Folgen. Altenberg verbringt viele Monate in Nervenheilanstalten; Fotografien des 50-Jährigen zeigen ihn angegriffen und vor der Zeit gealtert. Es ist stets nur der Hilfe seiner Freunde zu verdanken, wenn er Wege aus dem Irrsinn und der Sucht findet.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs zeichnet sich ab, dass der Wiener Bohemien Peter Altenberg mehr verlieren wird als den Luxus und das Flair der k.u.k. Jahrhundertwende. So sehr er ein Kritiker der bürgerlichen Kultur war, so wenig ist er ohne das Air der späten Habsburger Monarchie zu denken. Zwar lässt in den Kriegsjahren seine Produktivität nicht nach, aber zunehmend wirken seine Texte wie Botschaften aus einer versinkenden Zeit.
Ganz anders sein Debüt. "Wie ich es sehe" ist ein Buch, das in die literarische Jahrhundertwende passte, ja, ihre Quintessenz war: in der Wiedergabe des ebenso flüchtig-nervösen wie genauen Blicks auf Menschen und Dinge; im Interesse an Schwebendem, an Stimmung und Atmosphäre; in der Übersetzung von Seelenzuständen in Formen, Farben und Gesten.

Die Kürze der Texte betont das Momentane der Wahrnehmung, an die Stelle der breiten Erzählung tritt die verknappte Szene. Altenbergs Prosa erscheint so verdichtet, dass sie ins Lyrische tendiert; die Kritik hat dafür den Begriff Prosagedicht vorgeschlagen. Altenberg selbst prägte mit den Wendungen, er verfasse "Extrakte des Lebens" in einem "Telegrammstil der Seele", die bis heute verwendeten Schlagworte für seinen Stil.
Man kann "Wie ich es sehe" somit als ein Musterbeispiel impressionistischer Prosa lesen – doch darüber hinaus zeigt es eine ganz eigene Konstruktion. Es sind dies die "Reihen": Eine Anzahl kurzer Prosatexte gruppiert sich wie Fotos zu einem Album oder Glassteine zu einem Kaleidoskop. "See-Ufer" ist das erste und zugleich schönste Beispiel dafür. Aus einzelnen Skizzen entsteht das Panorama einer bürgerlichen Kultur in der Sommerfrische. Zwar sind die Einzeltexte nicht die Kapitel eines erzählerischen Ganzen. Dennoch wirken die Reihen alles andere als zufällig und absichtslos. In ihnen verschmelzen zwei literarische Absichten: ein Ganzes zu zeigen und dieses Ganze als die Summe einzelner Wahrnehmungen.
Schon bald nach Erscheinen seiner ersten Bücher begann Altenberg für die Presse zu schreiben, u.a. berichtete er über Wiener Varietés. Seine Texte sammelt er fortan in Bänden, die später fast jährlich erscheinen. Die Reihen-Struktur setzt er dabei nicht fort. Und obwohl auch in den späteren Büchern gelungene Texte zu finden sind, sinkt doch mit dem Nachlassen der strukturellen Anstrengung auch das allgemeine Niveau. Spätestens seit "Prodromos", das überwiegend Aphorismen zu den Themen Ernährung und Gesundheit enthält, wirken Altenbergs Bücher mehr und mehr wie die Mitschrift seines beschädigten Lebens.
Und nun hat man also Anlass und Material, sich mit all dem wieder zu beschäftigen. Ein Dank an Verlage und Herausgeber. Ein Dank auch an unser Dezimalsystem! Und keine Bange, wer seinen P.A. heuer verpasst, der hat in zehn Jahren die nächste Chance: Da jährt sich sein Tod zum 100. Mal.

Burkhard Spinnen in FALTER 10/2009 vom 06.03.2009 (S. 33)


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