'Dann bin ich ja ein Mörder!'
Adolf Storms und das Massaker an Juden in Deutsch Schützen

von Walter Manoschek

€ 25,60
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Verlag: Wallstein
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 219 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Ich, ein Mörder? Das versteht ihr ja doch nicht!

Der Politologe Walter Manoschek besucht einen SS-Mann, der weiß, dass er gemordet hat – sich daran aber nicht erinnern will. Oder kann?

Gibt es das? Man hat etwas getan, und man weiß das auch. Nur vorstellen kann man es sich nicht. "Vorstellen kann man sich das gar nicht", hat Adolf Storms am Telefon behauptet. "Vorstellen, das geht über meinen Begriff hinaus." Aber was gibt es da groß vorzustellen, wenn man es weiß? Wer sich erinnert, hat schließlich ein Bild im Kopf. Drei SS-Männer führen nach und nach 60 Juden ab und erschießen sie. Für jeden, der Filme über den Zweiten Weltkrieg gesehen hat, lässt das Bild sich leicht nachzeichnen.
Nicht aber für Adolf Storms selbst, einen der Täter. In einem wunderbar ehrlichen und präzisen Buch zu seinem gerühmten Film über den SS-Mann Adolf Storms und das Massaker an Juden im burgenländischen Dorf Deutsch Schützen geht der Wiener Politologe und NS-Forscher Walter Manoschek den Grundfragen der Erinnerung an Nazi-Verbrechen nach. War es Verdrängung, was da nach dem Krieg geschah? War es "motiviertes Vergessen", also eine selektive Verfälschung der Erinnerung? Oder schlicht und einfach Verleugnung? Lüge also?
Einer von Manoscheks Studenten war beim Aktenstudium auf den Namen Adolf Storms gestoßen, eines SS-Unterscharführers aus Kamp-Lintfort am Niederrhein, der in zwei Kriegsverbrecherprozessen des Judenmordes beschuldigt, selbst aber eigenartigerweise nie verfolgt wurde. Ein Blick ins Onlinetelefonbuch reichte aus, um ihn zu finden: Der Mann lebte als pensionierter Eisenbahner in Duisburg. Manoschek reiste hin, klingelte an der Haustür und stellte sich als Wissenschaftler vor.
Storms, damals 88, öffnete, bat ihn herein und stand ihm von da an in mehreren stundenlangen Treffen, auch vor der Kamera, Rede und Antwort.

"Dann bin ich ja ein Mörder!"
Storms hatte damals an der Ostfront bei der Waffen-SS gekämpft, wurde auf dem Rückzug im Winter 1945 von seiner Einheit getrennt und schlug sich allein von Ungarn auf reichsdeutsches Gebiet durch. Ende März erreichte er Deutsch Schützen.
In dem kleinen Grenzort mussten 500 Juden aus Ungarn am "Südostwall" bauen. Eine unsinnige Aufgabe: Die Rote Armee war nur noch wenige Kilometer entfernt. Verantwortlich für die mit Schaufeln und Hacken bewaffneten Zwangsarbeiter war ein überforderter 23-jähriger HJ-Führer, der nur ein paar Teenager zur Unterstützung hatte. In einer "tollen Nacht", so Storms' Worte, in der angeblich viel Alkohol floss, beschlossen er, zwei weitere versprengte SS-Männer und der HJ-Führer, die Juden anderntags alle zu erschießen.
Die Mordaktion begann gleich am nächsten Morgen, wurde dann aber auf Intervention des NS-Kreisleiters abgebrochen. Es gab einen Befehl von Heinrich Himmler, alle Juden vom Südostwall in Märschen ins KZ Mauthausen zu treiben.
Der alte Mann an der Duisburger Haustür erwies sich als hellwach und intelligent. Warum sprach er dann mit dem Wissenschaftler? Sicher war ihm klar, dass Mord nicht verjährt und er eine Anklage riskierte, die er dann tatsächlich noch erlebte. Autor Manoschek gibt sich "einige Erklärungen, die mich allesamt nicht überzeugten: Wollte er kurz vor seinem Tod noch ein Geständnis ablegen?" Unwahrscheinlich: "Er vermittelte auch nicht die Spur von Eitelkeit, im Mittelpunkt meines Interesses und vor der Kamera zu stehen. Hatte er das Geschehen verdrängt und rang um seine Erinnerung? Oder benützte er mich als Testperson, um sich auf einen etwaigen Mordprozess vorzubereiten?"
Storms erinnert sich an viele Details, nicht aber an die Tat selbst. Mit der gleichen Behutsamkeit, mit der er den Täter interviewte, sucht Manoschek nach einer Erklärung für die Erinnerungslücke. Manches spricht dafür, dass Storms den Massenmord von sich abgespalten hat, weil er nicht in das Persönlichkeitsbild vom unpolitischen Landser katholischen Glaubens passt, das der SS-Mann später von sich konstruierte.
Ein Indiz für diese Deutung ist die merkwürdig abstrakte Schlussfolgerung, mit der Storms einmal auf einen konkreten Vorhalt reagiert und die dem Buch den Titel gibt: "Dann bin ich ja ein Mörder!"

Die unlesbare Nazi-Festplatte
Schließlich bietet der Autor eine weitere, besonders interessante Erklärung: Storms stand an den Grenzen des Sagbaren. Was dem Täter damals normal schien, lässt sich nicht in den "moralischen Referenzrahmen" des Friedens umformatieren. Das Bild ist da, irgendwo auf der Festplatte des Gehirns, kann aber mit dem aktuellen Programm nicht mehr gelesen werden. Der "Referenzrahmen" von damals ist der Nationalsozialismus mit seinem Judenhass. Fällt er weg, erlischt damit auch der Zugang zur Erinnerung an das eigene Tun.
Was Manoschek beim SS-Mann Adolf Storms entdeckt hat, ist wahrscheinlich der Schlüssel zu dem Satz "Das versteht ihr ja doch nicht!", den die Nachkriegsgeneration wieder und wieder zu hören bekommen hat. Die, die den Satz aussprachen, haben sich wohl selbst nicht mehr verstanden. Die Nachkriegszeit stellte sich die Nazi-Verbrecher, so Manoschek, entweder als kriminelle Exzesstäter oder aber als ideologiefreie, interesselose Schreibtischtäter vor und ordnete sie so in die Gedankenwelt des Friedens ein. Zur Normalität des Hasses war der Zugang versperrt.
Manoschek widersteht der Versuchung, über seiner Entdeckung ein ganzes Gedankengebäude zu errichten. Stattdessen lässt er seine Leserschaft mit heiklen Fragen zurück. War es nicht richtig und nötig, nach dem Krieg das geistige Betriebssystem zu ersetzen, selbst um den Preis, dass dann vieles nicht mehr zu lesen, nicht mehr zu verstehen war? Wer dem Geschehen nahekommen will, muss ins alte System eintauchen. Manoschek war nahe dran.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 20)


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