Für einen anderen Populismus
Ein Plädoyer

von David Van Reybrouck

€ 13,30
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Arne Braun
Verlag: Wallstein
Format: Taschenbuch
Genre: Politikwissenschaft/Politisches System
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.08.2017


Rezension aus FALTER 37/2017

Aufstand gegen die Diplomdemokraten

Der belgische Historiker David Van Reybrouck empfiehlt einen „aufgeklärten Populismus“

Man muss in Rechnung stellen, dass David Van Reybroucks Essay „Für einen anderen Populismus“ im Original fast zehn Jahre alt ist. Genau genommen ist er 2008 erschienen vor dem Hintergrund des erfolgreichen belgischen Vlams Blok, später leicht abgemildert Vlams Belang. Und der Karrieren der niederländischen Populisten Geert Wilders und Pim Fortuyn.
Während die etablierten Politiker und Medien seinerzeit wegen der offenen Fremdenfeindlichkeit und simplen Rattenfängerparolen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, machte sich Van Reybrouck Gedanken über die Ursachen für den zunehmenden Erfolg des volkstümlichen Protests. Da er diese Analyse nach wie vor für aktuell hält, hat sich der mittlerweile in Berlin lebende Autor nun zur Wiederveröffentlichung entschlossen. Nicht zufällig auf Deutsch mitten im deutschen und österreichischen Wahlkampf.
Dass seine Beobachtungen zumindest für die westliche Welt mittlerweile eine gewisse Allgemeingültigkeit beanspruchen können, zeigt die einführende Anekdote vom Badeurlaub an der belgischen Küste. Zusammen mit seinen Freunden blickt der junge Autor aus dem Fenster der gemeinsamen Ferienwohnung und amüsiert sich königlich über die einfachen Leute, die dort auf dem Boulevard stolzieren. Er berichtet süffisant von Fünfzigjährigen „mit monströsen Wampen“, von Frauen mit wasserstoffblondiertem Haar: „Tattoos, Tangas, Titten, prall vor Silikon“. Und von Kindern, die fast genauso fettleibig waren wie die aufblasbaren Krokodile, die sie heulend hinter sich herschleiften.

Ein Musterbeispiel für die elitäre Arroganz und Abgehobenheit der akademischen Eliten, nicht nur in Belgien. Van Reybrouck trennt die Gesellschaft grob in zwei Gruppen: Oben und unten werden an der Bildungsfrage festgemacht. An den Hochqualifizierten und Geringqualifizierten, wie er sie nennt, die immer weniger im Kontakt miteinander stehen.
Das geschah in Belgien und den Niederlanden nach dem Bedeutungsverlust der religiös-ethnischen Säulen, die die verschiedenen sozialen Gruppen zum Beispiel bei den Calvinisten oder Katholiken organisiert und integriert haben. Das ist längst vorbei, genauso wie das Interesse der Linken am Arbeiter, der sich wie Frankensteins Monster selbstständig gemacht hat.
Die Plebs wurde den neuen unterhaltungsorientierten privaten Medien überlassen, während sich die Linke in den letzten Jahrzehnten einem nicht näher ausgeführten Kulturrelativismus hingab. Und mit den Flüchtlingen eine neue Gruppe auserkor, um die sie sich nun kümmert. Was die Kluft zwischen einheimischen Geringqualifizierten und der akademisierten Linken nur noch vergrößerte. Die Geringqualifizierten sind in den Parteien und Parlamenten kaum noch repräsentiert. In Belgien nur noch mit sieben Prozent der Sitze, obwohl diese Gruppe rund drei Viertel der Bevölkerung ausmacht.
Ein solches System, in dem quasi nur noch Akademiker das Sagen haben, nennt Van Reybrouck eine „Diplomdemokratie“, die postdemokratische Züge trägt: Die In­sti­tutionen funktionieren, aber die Demokratie wird durch fehlende Repräsentanz ausgehöhlt. Und die sich zu Recht unterprivilegiert Fühlenden haben nun die Chance, ihrem Frust endlich politisch Ausdruck zu verleihen: Sie wählen den „dunklen Populismus“.
Dem möchte David Van Reybrouck einen aufgeklärten Populismus entgegenstellen. Allerdings scheint er den etablierten politischen Parteien so viel verantwortliche Volkstümlichkeit nicht zuzutrauen. Er setzt vielmehr darauf, dass die radikalen Populisten mit der Zeit gemäßigter werden. Und sich an die demokratischen Spielregeln halten.
Woher er diese Hoffnung bezieht, bleibt schleierhaft. Zumal die Ereignisse seit der Erstveröffentlichung seines Plädoyers vor fast zehn Jahren dazu wenig Anhaltspunkte geliefert haben. Es sei denn, er bewertet das gelegentliche Kreidefressen der rechten Demagogen, die sich in den USA und fast allen europäischen Ländern breitgemacht haben, allen Ernstes als Mäßigung. 

Claus Heinrich in FALTER 37/2017 vom 15.09.2017 (S. 21)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen