Anton Kuh
Biographie

von Walter Schübler

€ 35,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Wallstein
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 572 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.10.2018


Rezension aus FALTER 12/2019

Denkmal für einen Ungenierten

Präzision statt Anekdote: Walter Schübler widerlegt das Klischee vom Kaffeehausliteraten Anton Kuh

Jede Biografie, die sich mit Anton Kuh beschäftigt, hat ein Problem, für das es keine Lösung gibt. Denn Kuhs „Hauptwerk“ ist für alle Zeit verloren. Unzählige Kollegen haben den dialektischen Funkenwirbel seiner Stegreifreden als seine eigentliche Leistung zu rühmen gewusst, aber Mitschriften, Manuskripte oder Aufnahmen davon gibt es keine, nur eine Vielzahl von enthusiasmierten Besprechungen, die die genialen Ein-Mann-Auftritte in Wien, Prag oder Berlin mit viel sprachlichem Aufwand beschrieben.

Sie können aber trotzdem nicht darüber hinweghelfen, dass von diesen Vorträgen in Theatern oder Bibliotheken eigentlich nur ihre Titel (und die waren oft bewusst irreführend) und Aufführungsdaten übriggeblieben sind. Immerhin war Kuhs Bühnenpräsenz (Franz Werfel: „Keine Zündschnur, sondern eine Rakete“) so überzeugend, dass er auch als Schauspieler für Theateraufführungen engagiert wurde, so etwa (zusammen mit Egon Friedell) für ein Bernhard-Shaw-Komödie im Theater in der Josefstadt.

Seit den 1960er-Jahren gab es immer wieder Bemühungen, Kuhs Texte in Sammelbänden der Vergessenheit zu entreißen. Helmut Qualtinger nahm dessen Satiren in Lesungsprogramme auf. Aber immer wurde nur ein kleiner Ausschnitt sichtbar, nie der große, ganze Kosmos. Herausgeber lieferten in Nachworten rudimentäre biografische Skizzen.

Erst Walter Schübler hat das geändert. Mit nicht nachlassender Leidenschaft hat er sich dem angeblichen Lokalfeuilletonisten verschrieben, ein Jahrzehnt lang in Bibliotheken und Archiven verbracht, um dem journalistischen und publizistischen Schaffen und den biografischen Dokumenten Anton Kuhs nachzujagen.

Nach einem Sammelband (2012) präsentiert er jetzt die große Ernte. Der siebenbändigen, kommentierten Ausgabe (2016) lässt er eine gewitzte, sprachlich souveräne Biografie (mit einem satten Anhang) folgen. Wann, wenn nicht jetzt kommt Anton Kuh auf den Sockel?

Was schon die Werkausgabe bewiesen hat, belegt Schübler jetzt auch in einer kompakten, übersichtlichen Analyse: Anton Kuh war kein Feuilletonist. Seine Texte zielten aufs Ganze, sie verstanden sich immer als Interventionen im Leiden an Österreich, griffen in aktuelle Debatten ein, waren zutiefst politisch und kämpferisch.

Kuh beschränkte sich keineswegs auf die Kulturszene und Theaterkritik, ließ sich pointiert auf ganz unterschiedliche Alltagsthemen ein, nahm Gerichtsverhandlungen zum Anlass für Betrachtungen über das behördlich verordnete Geschlechtsleben der Zeit. Die Biografie wirbt dafür, dass sich Zeit-, Alltags-, Sozial-, Kultur- oder Literarhistorikerinnen Kuhs Schriften endlich genauer ansehen mögen. Schübler verspricht nutzbringende Verwendung und reiche Ernte.

Kuhs Markenzeichen war seine sarkastische Ungeniertheit. Lästern konnte er wahrlich. Sein enormes Wissen, seine große Belesenheit und sein Engagement waren in Witz, Spott und Hohn gekleidet. Noch im amerikanischen Exil predigte er: „Wir sind in vorherigen Stadien der Weltgeschichte genug ‚taktvoll‘ und ‚unsichtbar‘ geblieben. Es ist an der Zeit, dass wir endlich taktlos und sichtbar werden.“ Und Kuh lieferte für diese provokante Haltung auch eine autobiografische Erklärung: Von Kindesbeinen an habe er sich darauf trainiert, auf Witzeleien über seinen Namen angemessen zu replizieren.

In der Gestaltung der Lebensgeschichte entscheidet sich Schübler – notgedrungen, aufgrund der spärlichen Dokumente? – für einen puristischen Kurs und konzentriert sich auf Werk, Wirkungsgeschichte und Kontextualisierung. Und dies gerade bei Anton Kuh, dessen antibürgerlicher Habitus und exaltiertes Gebaren zeitlebens die Anekdoten sprießen ließen.

Schübler fügt zwar ein Kapitel über „Kuhrioses“ ein, aber gibt sich eher karg und nüchtern, wenn es um Auskünfte über die Lebensgeschichte, Herkunft, Familie und Liebesleben seines geliebten Autors geht. Über eine schwule Beziehung erhalten wir ebenso spärliche Informationen wie über Kuhs Hochzeit in den USA.

1890 in Wien geboren und 1941 in New York verstorben, wuchs Kuh in prekären Verhältnissen auf. Sein Vater, Redakteur und begnadeter Parodist, starb früh; seine Mutter, Nachhilfelehrerin und Übersetzerin, verbrachte die Tage, ähnlich wie der Sohn später, hauptsächlich im Kaffeehaus. Kuh lebte ab seinem 17. Lebensjahr in Hotels, bezeichnete sich als „bekennenden Neurastheniker“, fiel mit seinem bewusst gepflegten jiddischen Akzent („Mauscheln“) auf, trimmte seine Erscheinung mit einem Monokel auf Exzentrik und schlüpfte, während er gleichzeitig in Wien und Berlin große Erfolge feierte, anekdotenreich in die Rolle des begnadeten Schnorrers.

Seine beiden Schwestern rivalisierten um die Gunst des dämonischen Sexualrevolutionärs Otto Gross, der auch des Schriftstellers individualanarchistisches Lebensprogramm entscheidend prägte. Weil er klar sah, was sich in Berlin und Wien politisch zusammenbraute, verlegte Kuh seinen Hauptarbeitsplatz bereits 1935 nach Paris und London, im April 1938 in die USA.

Einem Faible folgt Schübler mit relativer Ausführlichkeit. Wenn Kuh auch an diversen Denkmälern rüttelte, dann doch mit besonderer Lust und Verve an jenem des großen Karl Kraus.

In vielen Bereichen verfolgten Kuh und Kraus eine ähnliche Linie, hatten die nämlichen Gegner. Während des Ersten Weltkriegs knüpfte sich auch Kuh den patriotischen Überschwang vor, in der Ersten Republik bewegten beide politisch ähnliche Anliegen.

Und dennoch entstand, wie jetzt en detail nachzulesen ist, eine Hassbeziehung mit unschönen Folgen. Kuh störten die Selbstgerechtigkeit, mit der Kraus sich selbst als oberste Instanz einsetzte, die sprachliche Federfuchserei, mit der dieser eine „Metaphysik des Beistrichs“ betrieb, und der antisemitische Selbsthass, der am Sprachgebrauch detektivisch die jüdische Herkunft entblößte. Kuh stichelte, Kraus schlug zurück, bis wiederum Kuh sich rächte. 1925 trat dieser im Wiener Konzerthaus zum Frontalangriff („Der Affe Zarathustras“) an, also am gleichen Ort, an dem Karl Kraus bei Vorlesungen seine große Gemeinde versammelte.

Kraus klagte, wollte neben dem Boulevardzeitungsherausgeber Imre Békessy auch dessen „Büttel“ Kuh juristisch und finanziell vernichten, was dieser listenreich und clever parierte. Schübler hat sichtlich Freude daran, von den Streichen und Winkelzügen Kuhs zu erzählen und Kraus (und die von diesem entsandten Anwälte) als unsympathische, verbissene Kleingeister mit Hang zu Ehrenbeleidigungsprozessen zu entblößen.

Mit Nachdruck verweist Schübler auf die Modernität von Anton Kuhs Heimatbegriff. Mit dem Buch „Der unsterbliche Österreicher“ (1931), das 1936 vom austrofaschistischen Regime verboten wurde, betrieb er zu einem Zeitpunkt nationale Identitätsforschung, als es bei den Reaktionären besonders beliebt war, emphatisch den „Österreicher“ herauszukehren, um den autoritären Impetus zu überdecken. Kuh hielt raffiniert dagegen, entwickelte mit Szenen, Porträts und Dramoletten seine eigene Österreicher-Galerie, bei der die renitenten Querulanten (Nestroy, Raimund & Co) pointierte Liebeserklärungen erhielten. Und allgemein heißt es: „Österreich? (...) Wer will davon etwas wissen? (...) Für die Neue Welt ist es ein alter Film, für die Alte ein Operettenrefrain, für Mitteleuropa eine Sorge, für Westeuropa eine Last, (...) für die Entwischten ein Steckbrief, für die Weltgeschichte ein Albdruck, für die Buchhändler ein rotes Tuch – und für alle zusammen: eine Entbehrlichkeit.“

Alfred Pfoser in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 12)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen