Schreibtischtäter
Begriff - Geschichte - Typologie

von Dirk Rose, Dirk van Laak

€ 25,60
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Verlag: Wallstein
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.02.2018


Rezension aus FALTER 14/2018

„Das Bluthandwerk vom Schreibtisch aus“

Ein Sammelband nähert sich dem „Schreibtischtäter“. Wie so oft existierte der Tatbestand schon lange vor dem Wort

Karriere hat das Wort „Schreibtischtäter“ nur im Deutschen gemacht. „Desk murderer“ und „white collar criminal“ im Englischen finden längst nicht so viel Verwendung. Im Französischen, Italienischen und Spanischen sind direkte Übersetzungen gar nicht möglich, sondern nur Hilfskonstrukte (im Französischen etwa „cerveau de crime“). Und dies, obwohl die Tatbestände in allen modernen Gesellschaften vorhanden sind: die logistische Vorbereitung, taktische und strategische Anordnung und Durchführung von Handlungen nicht am Tatort, sondern aus Büros und Verwaltungen heraus. Das gilt für Kriege und Massenverbrechen ebenso wie für die effiziente Verbreitung von Gütern. In dem von Dirk van Laak und Dirk Rose herausgegebenen Sammelband beschäftigen sich 17 Autoren mit den vielen Facetten des Begriffs.
Die rasante Entwicklung der Kommunikations- und Transportmedien zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert hat die Distanz zwischen Planungsort und Tatort, Ursprung und Ziel von Interventionen beliebig gedehnt, was erhebliche Fragen hinsichtlich der Täterschaft aufwirft. „Manch ein Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein auftritt, ist erst gestern in England kapitalisiertes Kinderblut“ (Marx 1867). Der Schreibtischtäter ist ein „Untäter“, der in der Regel nie mit dem direkt konfrontiert wird, was sich seiner eigenen Planung und Organisation verdankt.

In der friedlichen Stille ihrer Büros
Wie so oft existiert der Tatbestand lange vor dem Wort, wird aber anders benannt. Karl Kraus wollte schon 1919 professorale und journalistische Kriegshetzer vor Gericht stellen, weil sich deren gedruckte Worte im Krieg „in Blut“ verwandelten. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurden zwar auch Männer schuldig gesprochen, die „in der friedlichen Stille ihrer Büros in den Ministerien an diesem Feldzug (…) teilgenommen hatten“. Das Wort „Schreibtischtäter“ kam in den Verhandlungen aber nicht vor, obwohl dort genau das beschrieben wurde, was der israelische Chefankläger Gideon Hausner im Eichmann-Prozess dem Angeklagten vorwarf, nämlich „das Bluthandwerk vom Schreibtisch aus“ betrieben zu haben. Hannah Arendt, Autorin des Eichmann-Essays „Report on the Banality of Evil“, sprach von „Schreibtischmördern“. Das Wort „Schreibtischtäter“ hat sie entgegen verbreiteter Meinung nie verwendet.

Organisatoren des Holocaust
Auch Raul Hilberg, der Nestor der Holocaustforschung, verwendet den Begriff in seinem Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ (1961) nicht. Er beschrieb jedoch sehr genau die Tätigkeit von Schreibtischtätern: „Die meisten Bürokraten verfassten Denkschriften, entwarfen Durchführungsbestimmungen, unterschrieben Briefe, telefonierten (…). Sie konnten ein ganzes Volk vernichten, ohne ihren Schreibtisch zu verlassen.“ Claus Roxin geht von der Herrschaft des Schreibtischtäters über den die Tat ausführenden Täter aus.
Nach den Recherchen von Christoph Jahr tauchte der Begriff in der deutschen Presse erst 1964 auf – drei Jahre nach dem Eichmann-Urteil. Rasch wurde er auch auf Täter aus ganz anderen historisch-politischen Verhältnissen übertragen und so zum Kampfbegriff im politischen Handgemenge.
Die Haltung deutscher Schriftsteller zum Ersten Weltkrieg behandelt Sarah Mohi-von Känel. Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann standen auf der Seite der „Papierkrieger“. Kurt Tucholsky und Karl Kraus bezichtigten diese, „durch Anpreisung fremden Heldentodes sich den eigenen zu ersparen“. Der Band verschafft einen von Sachkunde geprägten Blick auf die Geschichte eines nur vermeintlich klaren Begriffs.

Rudolf Walther in FALTER 14/2018 vom 06.04.2018 (S. 22)


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