Die Forelle

von Leander Fischer

€ 28,80
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Verlag: Wallstein
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 782 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.07.2020


Rezension aus FALTER 32/2020

Hudeln verboten

Kennen Sie schon Ernstl und Siegi, das seltsame Fliegenfischergespann? Zugegeben: Die Namen klingen wie aus einem Provinzkrimi. In der Provinz, in einem namenlosen Ort im Raum Gmunden, ist „Die Forelle“ zwar angesiedelt. Doch die Protagonisten von Leander Fischers Roman sind keine grobschlächtigen Kerle, die mit ihren Fängen prahlen würden. Es handelt sich um Ästheten, die das Fliegenfischen als hohe Kunst betreiben.

In ihrem Verein bilden die beiden die unverstandene Avantgarde: „Wir fischen anders, Siegi.“ Besonderes Augenmerk legt Ernstl, trotz Dauerrauschs eine Koryphäe auf seinem Gebiet, auf die Herstellung des perfekten Köders. Erst muss Siegi es im Fliegenbinden zu Könnerschaft bringen, bis sein Lehrer ihn ans Wasser lässt. Bisweilen zweifelt der Schüler daran, ob es je so weit kommen wird („Impotenz, dachte ich, ein Fliegenfischer, der nicht Hand anlegte an Fische, wenn das nicht die Definition von Impotenz war“).

„Die Forelle“ erzählt von einer Obsession. Als junger Mann hätte Siegi beinahe Karriere als Konzertviolinist gemacht, ehe er sich für eine kleinbürgerliche Existenz mit Frau und Kindern entschied. Nun fristet er sein Dasein als Musikschullehrer und unterrichtet die Kinder der wohlhabenden Landbevölkerung. Das Fliegenfischen ermöglicht ihm ein Ausbrechen aus dem zunehmend verhassten Alltag. Die Flucht wird schnell zur Sucht. Die Passagen übers Fliegenbinden sind dementsprechend in einem atemlosen Ton gehalten.

Achtung: „(…) musste ich doch schon wieder zu Ernstl, um erstens eine goldene Kugel durch das Loch auf den Haken zu fädeln für das Köpfchen, zweitens den Hakenbogen in den torpedoförmigen und schraubstockmäßig funktionierenden Bindestock einzuspannen, drittens das goldene Köpfchen mit dem Faden zu fixieren, viertens mit dem Faden blauen Flachs niederzubinden, denselben ohne den Faden als langsam entstehenden Körper um den Resthaken zu wickeln, wieder abzuschnüren und überstehenden Flachs abzuschneiden, fünftens eine schwarze Hahnenfeder, die Fiebern in eine Hechelspirale zu Land und zu tanzenden Beinchen im Wasser, den Kiel zu einer Rippung im blauen Flachskörper zu verwandeln, sechstens aus Ninas Haar die Flügelscheide am Rücken der Fliege zu machen und siebtens Rehhaar, das ich zu streicheln liebte, bevor ich eine Brise losschnitt vom Lederfleck, zum Schwänzchen der Goldkopfnymphe zu adeln. Achtens zirkelte ich ihr den Schlussknoten zwischen Körper und Kopf, als legte ich ihr eine Schlinge um den Hals, und wenn es wahr ist, dass Würgen erregt, so vollendete ich diese Fliege mit einem Orgasmus.“

In seinem fast 800 Seiten starken Debütroman erweist sich der aus Oberösterreich stammende und heute in Hannover lebende Leander Fischer (Jg. 1992) als wortgewaltiger Schriftsteller. Er kann sich über mehrere Seiten in kleinste Details des Fliegenfischens versenken und gleichzeitig zu sprachlichen Höhenflügen ansetzen.

Fliegt er manchmal zu hoch? Doch, immer wieder. „Die Forelle“ ist das genaue Gegenteil der einfachen, schmucklosen Prosa, die heute in der erzählenden Literatur vorherrscht. Gerade das macht den Reiz der Lektüre aus. Kleine Abstürze mindern die berauschende Wirkung des Romans nicht.

In manchen Kapiteln wird einem von Fischers Wortschwall so schwindelig, wie sich Ernstl im Vollsuff fühlen muss. Dann wieder entsteht beim Lesen der Eindruck von Verlorenheit, was an das schwer zu dechiffrierende Frühwerk von Thomas Pynchon erinnert. Aber Verständnis ist sekundär, um sich an der Sprache des Romans zu erfreuen. Nur Hudeln ist bei der Lektüre verboten, denn der Text gibt einen eher langsamen Rhythmus vor, und man möchte keine Wortschöpfung versäumen.

Leander Fischer hat Spaß an der Sprache und scheut auch vermeintliche Plattheiten nicht. Aus „hier und jetzt“ wird „bier und hetzt“; und wenn Siegis Lehrmeister nicht da ist, muss er die „ernstllose“ Zeit überstehen. „Die Forelle“ ist auch reich an Anspielungen kreuz und quer durch die Literaturgeschichte. Was wünscht sich ein Fliegenfischer? Eine Kapitelüberschrift verrät es: „Ein Bindezimmer für sich allein“. Ein Vorbild hat der Autor in seiner Abschlussarbeit am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim verraten. Sie trägt den Titel „Wie Tristram Shandy Fliegenfischen lernt“. In Anlehnung an Laurence Sternes grotesk-satirischen Riesenroman aus dem 18. Jahrhundert verzichtet „Die Forelle“ auf eine stringente Handlungsführung. Umso mehr steht der Text im Zeichen von Assoziationen und lustvollen Abschweifungen.

Großes Kino sind die Schilderungen von Siegis Wallfahrten in die Fleischhauerei von Kurti. Dieser ist ein Ernstl mit anderen Mitteln, ein von Karnivoren kultisch verehrter Hohepriester des Rindfleischs: „Er entfernte sich durch eine hinterwandige Tür und holte noch andere Schlachtstücke, in Fettpapier eingeschlagen, das er vor mir hinter der Thekenscheibe entfaltete wie eine uralte Papyrusrolle, die mit Gott weiß welch edlem Gesetzestext beschriftet war: ,Rindsrouladen‘, beispielsweise sagte er dann (…).“

Fraglich, ob es Kurtis Laden noch gibt. „Die Forelle“ ist in den 1980ern angesiedelt, als sich die großen Supermärkte ausbreiteten. Sie lässt sich auch als Antiheimat­roman lesen, mit Waldsterben, Bierdunst und wild fechtenden Reserveburschenschaftern als thematischem Hintergrundrauschen. Diese hiesigen Kontinuitäten holen Fischers Sprachkunstwerk manchmal für kurze Zeit zurück auf den Boden der Tatsachen. Bis es von neuem abhebt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2020 vom 07.08.2020 (S. 31)


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