Bühne frei für Papa Bär!

von Benjamin Chaud

€ 13,40
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Übersetzung: Anja Malich
Empf. Lesealter: ab 3 Jahre
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: Hardcover
Genre: Kinder- und Jugendbücher/Erzählerische Bilderbücher
Umfang: 28 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.06.2012


Rezension aus FALTER 50/2014

Conni ist doof!

Erwachsenen kaufen die Bücher der Kinder. Nur: Was gefällt denen wirklich?

Was wollt ihr heute Abend vorgelesen bekommen?" "Conni!", rufen die Kinder wie aus einem Munde. "Nein, bitte nicht Conni, das ist schlecht geschrieben und langweilig gezeichnet!" "Conni, Conni, Conni ..." Irgendwann gibt der entnervte Erziehungsberechtigte auf und zieht eins der Dutzenden Büchlein heraus, in denen Conni Pizza bäckt, zum Fußballkurs geht oder mit dem Flugzeug fliegt.
Der Büchergeschmack von Kindern und Eltern stimmt nicht immer überein. Zwar setzen Kinder heutzutage ihren Willen besser durch als früher, aber trotzdem sind die Käufer und Autoren von Kinderbüchern in der Regel Erwachsene. Und manchmal beschleicht einen das Gefühl, auch das Zielpublikum. So manch ausgezeichnetes Bilderbuch mit nicht vorhandenem Plot und unverständlichen Illustrationen scheint eher für die "pädagogisch wertvolle" Geschenke suchenden Eltern, Verwandten, für Lektoren oder gar Jurys produziert worden zu sein. Kann man Kleinkinder mit avancierter Ästhetik zu gutem Geschmack erziehen? Wohl kaum. Kinder lieben, was glitzert und kracht. Und sind deswegen noch lange nicht für die Kultur verloren.

Welche Bücher gefallen denen, um die es geht, den Kindern? Um das herauszufinden, machen wir ein Experiment und berufen eine kleine Falter-Kinderbuchjury ein. Die Buben und Mädchen sind zwischen zwei und acht Jahre alt. Und wie es sich für zeitgenössische Kids gehört, sind sie nicht unbedingt bereit, unwidersprochen zu kooperieren. Über das Buch, das ihn zu Hause nicht hinter dem Ofen hervorgelockt hat, meint der Achtjährige nun, das sei doch super. Und der Fünfjährige, der Conni noch vor kurzem geliebt hat, ruft: "Nein, Conni ist doof!"
Es herrscht Chaos und Neugier, die Kleinen blättern und deuten. Nur auf die Elternfragen, welche Bücher sie besonders mögen, sind ihnen nur schwer Antworten zu entlocken. Vielleicht liegt es auch daran, dass den Kleinen oft noch die Worte fehlen "Wie findest du dieses Buch?" "Schön!" "Und warum gefällt es dir?" "Weil es schön ist!"
Schon näher ans Ziel führt die Frage nach dem Was. "Da war ein Roboter mit Magnetaugen, die blinken", sagt der Fünfjährige. Seine Mutter verzieht den Mund. "Das schiache Buch von der Bibliothek?" "Die Feen", flüstert die Fünfjährige, die dem Vernehmen nach ansonsten gerne ihre Klappe aufreißt.
Und warum? "Weil ich die gern mag!" Und die Siebenjährige erzählt die gesamte Geschichte ihres Lieblingsbuchs über Garman und die frechen Zwillinge Hanne und Johanne nach. Gibt es Bücher, die Kinder und Eltern beglücken? Das sind oft jene, die die Eltern als Kinder selbst geliebt haben und ihren Kindern ergo mit Begeisterung vermitteln können. Kinderbuchklassiker boomen. Von Unverwüstlichen wie Astrid Lindgren bis zu Unbekannteren wie "Der blaue Autobus" von James Krüss.
Wolf Erbruch hat als einer der Ersten bewiesen, dass auch heute Klassiker möglich sind, mit nicht anbiedernder Ästhetik und subtilem Sprachwitz. Den derzeit vielleicht besten lebenden Bilderbuchkünstlern Julia Donaldson und Axel Scheffler, Schöpfer des "Grüffelo", gelingt ein zeitgenössischer Klassiker nach dem anderen mit dem uralten Märchenrezept von elementaren Geschichten mit "Moral", an die Jetztzeit angepassten Rollenbildern und zwischenzeitlich als altmodisch verschrieener Reimkunst.
Auch wenn die Übersetzungen aus dem Englischen holpern und poltern: Kinder lieben die simplen Reime von Donaldson genauso wie die unverwechselbaren Glubschaugen des Zeichners Scheffler.

Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Die Kinder sitzen bald nicht mehr über den Büchern, sondern springen herum. Reden wir mit den Eltern. "Wir haben dieses hässliche Körper-Sachbuch geschenkt bekommen", erzählt eine Mutter. "Ich war ganz verwundert, dass die Kinder das so interessiert hat!" Tatsächlich stellen Kindersachbücher nicht bloß ein pädagogisches Konzept dar, sondern werden von Kindern in aller Regel wirklich geliebt.
Eine Erklärung auch für das "Geheimnis" der geheimnislosen Conni-Bestsellerserie von Liane Schneider, in der jeweils eine stinknormale Alltagssituation beschrieben wird – also Dinge, die Eltern langweilen, die Kinder aber ganz genau wissen wollen.
"Meine Kinder sind zwei Jahre auseinander, und die Jüngere muss sich immer eigentlich zu schwierige Bücher anhören. Da bin ich oft erstaunt, was sie schon alles versteht!" Nicken in der Elternrunde. "Wenn ich meinen Kindern vorlese", erzählt eine andere Mutter, "frage ich sie oft, ob sie ein Wort kennen. Sehr viele kennen nicht, aber das macht ihnen offenbar nichts aus." Naturgemäß, möchte man hinzufügen, macht das Neue und Unbekannte doch ohnehin einen Großteil der Welt eines Kindes und der ihr eigenen Magie aus.
Kinderbücher müssen nicht immer ästhetisch gelungen sein, nur eines dürfen sie nicht: langweilen. Wobei bei manchen Kindern die Bilder, bei manchen die Geschichte schneller zu Abwehrreaktionen führen.
Allen Unkenrufen zum Trotz bleibt das Kinderbuch unverwüstlich. Auch und gerade im Zeitalter von Filmen und elektronischen Spielen hat es einen unschätzbaren Vorteil: Es zwingt die Eltern, sich mit dem Nachwuchs auseinanderzusetzen, zumindest solange dieser des Lesens noch nicht mächtig ist. "Früher wusste ich gar nicht, wie toll Kinderbücher sein können", begeistert sich ein Vater. "Da eröffnet sich eine ganz neue Welt!" Die beste Kinderliteratur bleibt immer noch die, bei der Kinder und Eltern auf ihre Kosten kommen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 30)


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