Über die Berge und über das Meer

von Dirk Reinhardt

€ 15,40
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Empf. Lesealter: ab 13 Jahre
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: Hardcover
Genre: Kinder- und Jugendbücher/Jugendbücher ab 12 Jahre
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Auch in düsteren Umständen steckt Poesie

Jugendbuch: Die Flucht zweier afghanischer Jugendlicher

Wie ahnungslos sie sind: die 14-jährige Soraya, die den Frühling nicht erwarten kann, damit sie endlich wieder auf dem Dach unter den Sternen schlafen kann. Und weil dann die Nomadenfamilie wieder in ihrem Dorf vorbeikommt, samt deren Sohn Tarek. Wobei sie für ihn Samir ist, also ein Junge. Soraya ist nämlich eine „bacha posh“. Um als siebte Tochter ihrer Mutter die Schande zu ersparen, dass diese wieder keinen Sohn geboren hat, darf sie wie ein Sohn leben. Deshalb ist sie angezogen wie ein Bub.

Das Treffen mit Tarek wird allerdings nicht mehr stattfinden – jedenfalls nicht hier und nicht jetzt. Überhaupt wird schon im Sommer nichts mehr sein wie früher, weder für das paschtunische Mädchen noch für den Jungen von den Kuchi-Nomaden. „Über die Berge und über das Meer“ erzählt die Odyssee zweier Flüchtlinge, verwoben mit deren Liebesgeschichte. Dirk Reinhardt schreibt abwechselnd aus der Perspektive Sorayas und Tareks, und das packend und voller Details.

Er hat intensiv recherchiert, und das spürt man. Glaubwürdig nimmt er einen in Situationen mit, die der autochthone Europäer sich kaum vorstellen kann: ständig gehetzt, unbehaust, ausgeliefert, mit nichts außer dem nackten Leben und den eigenen Fähigkeiten.

Vielen Jugendlichen ist Reinhardt spätestens seit „Train Kids“ (2015) ein Begriff: Mittelamerikanische Jugendliche versuchen da, auf Güterzügen durch Mexiko und bis in die USA zu kommen. Schon hier ging er journalistisch vor, fuhr mit einem Mietauto parallel zur Bahnstrecke, um mit den Kindern an versteckten Stellen ins Gespräch zu kommen. Er wurde für das Buch mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis ausgezeichnet. Nach Lesungen daraus seien immer wieder afghanische Schüler zu ihm gekommen, erzählt der Autor. Mit so eindrucksvollen Schilderungen, „dass ich gezielt angefangen habe, die Geschichten von jugendlichen Flüchtlingen aus Afghanistan zu sammeln“.

Sorayas Leben als Samir mit all seinen Freiheiten ist in dem Moment zu Ende, als ein Taliban sie mit der Peitsche schlägt und mit einer Schlinge um den Hals nach Hause zerrt. Als die Terrortruppe bei ihrer Familie auftaucht, muss Soraya sie bedienen, im Tschador und in gebückter Haltung. Sollten sie sie noch einmal außerhalb des Hauses antreffen, sagen die Taliban zum Abschied, dann sei wohl klar, was passiere.

Auch Tareks heile Kinderwelt bricht zusammen. Das Land ist voller Minen, die Schafherde der Familie wird immer kleiner. Als die Taliban Tarek, den geschickten Fährtenleser, einkassieren wollen, sieht sein Vater keinen anderen Ausweg: Tarek müsse weggehen. So wie Sorayas Eltern dasselbe für sie entscheiden.

Gerade den Schilderungen der Flucht merkt man das Insiderwissen an. Etwa bei der Passage, wo Tarek sich in einem Lkw auf eine Fähre schmuggelt. Die Methode lautet: Wachposten in der Gruppe überrennen, wissend, dass es nur ein paar schaffen werden. Unter einen Lastwagen schlüpfen und sich im Reservereifen zusammenkrümmen. „Eine Zeit lang ist es still, dann kommen Schritte die Reihe der Lastwagen entlang. Ganz in der Nähe sind Stimmen zu hören, plötzlich ein Schrei, ein Schlag und ein noch lauterer Schrei.“

Nah an der Realität zeigt der Autor auch, wie sehr Fluchtgeschichten von Zufällen geprägt sind. Welche Art von Schleuser erwischt man? Einen wie Soraya, der im letzten Moment mitteilt, dass er selbst nicht mit aufs Boot geht und den entsetzten „Schützlingen“ bloß ein Funkgerät in die Hand drückt? Klaubt einen jemand auf, wenn man wie Tarek blutverschmiert und ausgeraubt im Staub liegt?

„Die Geschichte von Soraya und Tarek ist erfunden und auch wieder nicht“, sagt der Autor: „Sie ist ein ganz kleiner Ausschnitt aus der ganz großen Flüchtlingsbewegung.“ Das Buch vermittelt Verständnis für geopolitische Zusammenhänge und für die Härte der Bedingungen, mit denen viele Menschen zurechtkommen müssen. Es vermittelt aber noch etwas, das Reinhardt entdeckt hat: „Oft kann gerade unter den düstersten Umständen etwas sehr Wertvolles entstehen. Ein unbändiger Lebenswille. Spontane Hilfsbereitschaft. Echte Freundschaft. Schönheit. Und: Poesie.“ Uns Lesern bleibt zu hoffen, dass er bereits für ein neues Buch recherchiert.

Gerlinde Pölsler in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 26)


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