Der weiße Mann
Ein Anti-Manifest

von Luca Di Blasi

€ 18,99
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Verlag: transcript
Format: Taschenbuch
Genre: Soziologie/Frauenforschung, Geschlechterforschung
Umfang: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2013

Rezension aus FALTER 33/2014

Multikulturalismus und das Drama des weißen Mannes

Warum ist es nicht mehr cool, ein weißer heterosexueller Mann zu sein? Der Philosoph Luca di Blasi hat nachgeforscht

Es ist schon ein Pech, wenn man links, postkolonial sensibilisiert und radikal ist – und dann ausgerechnet ein weißer Mann! Vielleicht sogar noch ein heterosexueller weißer Mann, eine "weiße männliche Hete", wie René Pollesch das genannt hat.
Das Pech ist dann ein doppeltes: zum einen gehört man zu jenem Teil der Menschheit, der sich selbst zur Norm aufgeworfen hat und alle anderen damit zur Abweichung machte. Etwa Frauen oder Homosexuelle oder Farbige. Die sind damit negativ markiert, während man selbst unmarkiert bleibt, sozusagen neutral.
Zum anderen aber erfährt man gleichzeitig einen schleichenden Bedeutungsverlust, eine Infragestellung dieser Dominanz. In dieser widersprüchlichen Lage, befindet Luca di Blasi, Dozent für Philosophie an der Universität Bern, sei die Selbstreflexion weißer Männer überfällig. Und so setzt sein Buch mit der Frage ein: "Wie aber können weiße Männer über sich nachdenken – und warum ist das so schwierig?"
In den 1960er-Jahren beginnt für die WHM, die white heterosexual males, eine Dezentrierungserfahrung, so di Blasi, ein Dominanzverlust. Die Kennzeichnung der WHMs als vielfältige Unterdrücker ermöglicht es allen Nicht-WHMs, eine "Äquivalenzkette" zu bilden, wie das Ernesto Laclau genannt hat. Eine Allianz aller Unterdrückten, die nur auf dem gemeinsamen Ausschluss des weißen Mannes beruht.
Ein anderes Wort für diesen Tatbestand lautet: Multikulturalismus. Der Multikulturalismus – zumindest in seiner alten Form – ist also jene Gesellschaftsform, der der Angriff auf den WHM zugrunde liegt. Von diesem aus ergeht auch die Aufforderung an den WHM, sich endlich als "einer unter anderen" einzureihen. "Wie genau soll das gehen?", fragt der Autor. "Sollen sich weiße heterosexuelle Männer beim nächsten Karneval der Kulturen um einen eigenen Stand bewerben?"

Nur keine Selbstviktimisierung
Schon alleine die Selbstthematisierung als WHM ist ein Problem. Gerade weil Männer seit einiger Zeit eine symbolische Abwertung erfahren, sei es verführerisch, sich nach dem Vorbild der anderen Gruppen als "benachteiligter Mann" zu thematisieren.
Aber dem unterliegt eine Verwechslung: Dezentrierung wird als Marginalisierung, Privilegienabbau als Diskriminierung missverstanden, warnt di Blasi. Und dann bemitleidet sich der WHM als "Opfer der Opfer".
Aber solche Selbstviktimisierung, solche Versuche, sich als Opfer umzudeuten, seien wehleidig, reaktionär und ressentimenthaft, warnt der Autor zu Recht. Hinzu kommt noch, dass dem WHM zum Opferstatus etwas Entscheidendes fehlt: ein Antagonist, ein Unterdrücker – also das, was er für die anderen ist.
In dieser Konstellation macht di Blasi durchaus plausibel eine "islamophobe Allianz" aus, die im politischen Islam, in der Konstruktion des homophoben, frauenunterdrückenden Moslems einen neuen Feind gewinnt.
Eine vor allem bei Rechtspopulisten beliebte Strategie, die eine sonderbare anti-­islamische Allianz aus WHMs, Frauen und Homosexuellen ermöglicht.

Eine schöne Utopie als Ausweg
Luca di Blasis Buch versucht, einen anderen Ausweg für den in die Krise geratenen WHM zu skizzieren.
Ein Ausweg, der weder die angegriffene Männlichkeit rekonstruieren will – wie die Rechten –, noch die WHM als Minderheit den anderen Minderheiten zugesellt. Denn dem selbstkritischen WHM ist der Universalismus versagt – denn dessen scheinbare Neutralität ist ja nur der Deckmantel für seine Dominanz. Ihm ist aber auch der Partikularismus versagt – denn die WHM sind nicht einfach eine Gruppe neben anderen. Schon alleine der Versuch, sich als Gruppe zu konstituieren, ist problematisch. Tun sie es doch, gibt es nur negative Attribute dafür: von Stammtisch bis zu Herrenriege. Ja, die WHM haben noch nicht einmal eine Sprache, einen eigenen Code zur Verfügung, um sich selbst zu thematisieren.
So ist auch di Blasis Buch ein "Anti-Manifest", wie es im Untertitel heißt, und kein Manifest, denn ein solches, ein Manifest für den weißen Mann, würde sich verbieten. Gerade die Geste eines Manifests – also die Geste, sich selbstbewusst als partikulare Gruppe zu manifestieren, die sie ja nicht sind – würde all die Probleme reproduzieren, denen der Autor ja entgehen möchte. So bleibt dem kritischen WHM nur das, was di Blasi "Transpartikularismus" nennt. Dies bedeutet, das Erbe der eignen Unrechtsgeschichte anzutreten, die eigene Privilegierung anzuerkennen. Deshalb müssen gerade weiße Männer "universalistisch für Gerechtigkeit einstehen, für eine Gesellschaft, die weniger durch Ausschlüsse geprägt ist".
Aber der Transpartikularismus geht weiter. Er affiziert nicht nur das Verhältnis zu anderen, sondern auch das Verhältnis zu sich selbst. Da geht es darum, sich von der Vorstellung einer kompakten, einer intakten Identität zu verabschieden: "An die Stelle von Vorstellungen kultureller Identitäten, wie sie noch dem frühen Multikulturalismus zugrunde lagen, tritt der Begriff der Nicht-Identität mit sich selbst."
Transpartikularismus verändert also auch die Vorstellung von dem, was ein weißer Mann ist oder sein soll. Denn aus dem Buch geht nicht klar hervor, ob es sich um eine Analyse oder um eine Utopie handelt.
Auch in Bezug auf den neuen Multikulturalismus wird nicht deutlich, ob es sich um eine Beschreibung oder ein Programm handelt, wenn di Blasi von einem Nebeneinander kultureller Identitäten schreibt, die vielleicht nur mehr den Bruch mit sich selbst teilen, deren Gemeinsamkeit nur in ihrer jeweiligen Nicht-Identität liegt. In jedem Fall aber ein schönes Bild.

Isolde Charim in FALTER 33/2014 vom 15.08.2014 (S. 18)


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