Ich war Hitlers Trauzeuge

von Peter Keglevic

€ 14,60
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Gelesen von: Matthias Koeberlin
Gelesen von: Hanns Zischler
Verlag: Der Hörverlag
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 1147 Minuten
Erscheinungsdatum: 18.09.2017


Rezension aus FALTER 49/2017

Ohne großes Messer

Der Filmemacher Peter Keglevic über die Arbeit mit Christoph Waltz, Nazi-Komödien und seinen ersten Roman „Ich war Hitlers Trauzeuge“

Es ist eine beeindruckende Karriere, auf die Peter Keglevic, 67, zurückschauen kann. Oder besser: könnte, sollte er eines Tages vielleicht die Muße dazu finden. Bis auf Weiteres jedoch quillt der Kalender des gebürtigen Salzburgers, der Buchhändler lernte, wie zufällig zum Fernsehen kam und in den 1980ern dem deutschsprachigen Genrekino mit Filmen wie „Der Bulle und das Mädchen“ seinen Stempel aufdrückte, vor Terminen über.
Daran mitschuldig ist die Lesereise mit einem Buch, an dem Keglevic seit 20 Jahren recherchiert und geschrieben hat. „Ich war Hitlers Trauzeuge“ ist eine Art jüdischer Schelmenroman, der seinen Helden, einen gewissen Harry Freudenthal, am 1. April 1945 inkognito auf einen 1000-Kilometer-Lauf durch das untergehende „Tausendjährige Reich“ schickt. Die Strecke, ein Parcours voll perverser, brutaler, erotischer Begegnungen und Komplikationen, führt in 20 Tagen von Berchtesgaden nach Berlin in den Führerbunker.
Erzählt wird diese Geschichte, die abgesehen von realen Personen wie der NS-Filmerin Leni Riefenstahl (samt Adlatus namens Syberberg) von Figuren bevölkert ist, mit denen Keglevic großen Exilautoren wie Erich Maria Remarque oder Isaac Bashevis Singer seine Reverenz erweist, wie ein Film in einer einzigen, großen Rückblende. Und auch das Gespräch mit dem Autor Keglevic blendet zunächst einmal zurück auf den Filmemacher Peter Keglevic und einige seiner prominenten Weggefährten.
Falter: Herr Keglevic, Sie haben nie Film studiert, sind aber seit 40 Jahren als Regisseur erfolgreich. Jetzt haben Sie nebenbei einen Roman geschrieben. Wie kamen Sie dazu?
Peter Keglevic: Ich hab immer schon geschrieben, schon während ich in Salzburg bei der Buchhandlung Rupertus gearbeitet hab. Mit dem Lehrlingsgehalt allein ging’s nicht, ich hatte sehr jung Frau und Kind. Also hab ich angefangen, Hörspiele zu schreiben.

Worum ging’s da?
Keglevic: Das erste hieß „Im Hochsommer, als alles bei 57 Grad vor Hitze zitterte“. Es handelte von einem Sommer, der so heiß ist, dass alle Straßen aufplatzen, der Teer zerrinnt und die Brücken sich verbiegen: ein Hörspiel wie ein Bild von Salvador Dalí. Inszeniert hat Werner Schneyder, Sprecher war Jörg Hube.

Wollten Sie damals schon Regie führen?
Keglevic: Deshalb bin ich aufs Mozarteum gegangen, ja. Allerdings hat sich mit der Zeit mein Schreiben verändert, die Hörspiele wurden mehr zu Theaterstücken. Eines hab ich ans Schauspielhaus Zürich geschickt, die retournierten es mit der Bemerkung: Es ist toll, aber es ist kein Stück, sondern ein Drehbuch. Ich hab den ZDF angeschrieben und die sagten einfach: Machen wir. Wer soll Regie führen?

Na, Sie natürlich!
Keglevic: Das war das berühmte „Kleine Fernsehspiel“. Dort hatte man keine Scham, einen Dilettanten wie mich einen Film machen zu lassen. Dabei wusste ich nicht einmal, wo man reinschaut in die Kamera. So hab ich meinen ersten Film gedreht, „Im Zossener Bad“, nach einer Erzählung von Walter Kappacher.

Das war nur Ihre erste von mehreren Arbeiten mit dem Autor Kappacher?
Keglevic: Stimmt, wir haben „Die Jahre vergehen“ und noch drei oder vier Filme zusammen gemacht. Walter kenne ich seit der Zeit, als er beim Kirchlichen Erholungsdienst arbeitete und das Reisebüro Ruefa leitete. Er hat öfter Bücher bei uns bestellt, die ich als Lehrling austragen musste. Dann saß ich bei ihm, in seinem winzigen Büro am Salzburger Kapitelplatz, und wir haben von Literatur geträumt.

Auch mit dem Schauspieler Christoph Waltz haben Sie später mehrmals gedreht. So gut wie bei Ihnen als Roy Black war er selten.
Keglevic: Na, wenn Sie meinen. Manchmal gibt’s diesen Ausnahmezustand, dass alles passt. Bei „Tanz mit dem Teufel“ über die Entführung des Industriellen Richard Oetker war’s auch so. Wir hatten ein sehr gutes Drehbuch und eine Superbesetzung: Sebastian Koch, Sophie von Kessel, Tobias Moretti – Christoph hat den Entführer gespielt und war sensationell.

Böse kann Waltz am besten, finden Sie nicht?
Keglevic: Nicht nur. Ich hab „Das Geheimnis im Wald“ mit ihm gedreht, da wird er als Bösewicht hingestellt, aber er ist keiner. Und es gibt auch einen zauberhaften Weihnachtsfilm mit ihm, da zeigt er, wie charmant und süß er sein kann. Es hat sich halt ergeben, dass man ihn gern als Bösen besetzt.

Stichwort Type-Casting: Halten Sie sich an die Vorschläge der Agenturen oder besetzen Sie viel selbst?
Keglevic: Ich mach sehr viel. Das muss sein, weil bei der Besetzung quatschen immer mehr Leute mit! Ginge es nach den Fernsehredaktionen, müsste immer nach derselben Liste von fünf bekannten Namen besetzt werden. Ich bin froh, wenn die alle keine Zeit haben – weil dann kannst du wirklich mit dem Casting anfangen.

Das sieht man schon an „Der Bulle und das Mädchen“, einem Ihrer ersten großen Erfolge: Neben Jürgen Prochnow tauchten da vor allem unverbrauchte, neue Gesichter auf.
Keglevic: Prochnow war schon bekannt, aber Annette von Klier und alle rundum haben wir entdeckt. Es war in den 80ern auch einfacher, so einen Film zu drehen. Die Verantwortung lag tatsächlich noch beim Regisseur. Heute hat man sie dem Regisseur vielfach genommen, macht ihn aber für den Misserfolg verantwortlich.

Was hat Sie an diesem Stoff gereizt – wollten Sie einmal Genre machen?
Keglevic: Es war das Buch, das Peter Märthesheimer, der lang für Fassbinder gearbeitet hatte, zusammen mit seiner Frau Pea Fröhlich geschrieben hat. Die Geschichte, dass ein junges Mädchen sich mit einem Polizisten herumschlägt, klingt inzwischen bekannt. Damals war das ein wirklich originelles Drehbuch, ein Roadmovie voll grandios beschriebener Örtlichkeiten, etwa die Braunkohlegebiete bei Frechen hinter Köln – das waren auch optisch große Herausforderungen.

Wie sind Sie jetzt bei der Besetzung Ihres Romans „Ich war Hitlers Trauzeuge“ vorgegangen?
Keglevic: Das hat viel mit der Umgebung zu tun, in der ich seit einigen Jahren lebe. Und zwar ist das eine Örtlichkeit zwischen Berlin und Potsdam, wo in den 20er-Jahren ein paar jüdische Architekten und Zahnärzte ihre Sommerhäuser hatten. Von ihnen hab ich zufällig erfahren, und zwar aus der Autobiografie des Schauspielers Curd Jürgens, der mit einem gewissen Herbert befreundet war. Herbert war das schwarze Schaf einer dieser Familien, ein begeisterter Autorennfahrer. Von der Biografie dieses Tunichtguts hab ich mir ein bisschen etwas für Harry, meine Hauptfigur, genommen.

Und die Locations, haben Sie die auch, wie beim Film, vorher gesucht?
Keglevic: Ja. Allerdings hab ich, nachdem ich diese 20 Etappen à 50 Kilometer gewandert oder abgefahren bin, meine ursprüngliche Idee, dass es ausschließlich um den Lauf geht, verworfen. Ich hab mich gefragt, was diese unglaubliche Stille des Laufens mit Harry macht. Worüber denkt er nach? Der Rhythmus treibt ihn wie ein Metronom in die Vergangenheit und die Erinnerung zurück.

Laufen Sie?
Keglevic: Ein paar Kilometer gern, aber größere Distanzen hab ich immer wie ein ewiges Sterben empfunden: So als wär’s der letzte Augenblick, in dem dein Leben nochmal an dir vorbeizieht. Ich dachte, Harry wird’s nicht viel anders ergangen sein.

Leni Riefenstahl begleitet den Lauf mit der Kamera. Im Roman eines Filmemachers über diese Zeit darf sie wohl nicht fehlen?
Keglevic: Sie erhöht die Glaubwürdigkeit meiner Geschichte. Sport ist für Diktaturen ja immer ein prima Aushängeschild, nicht umsonst haben die Nazis auch den Fackellauf erfunden. Und was hat Riefenstahl gemacht? Sie hat „Olympia“ gedreht, einen der berühmtesten Filme der Welt. Wirklich toll ist, wie sie den 1500-Meter-Lauf gefilmt hat: Ab der Hälfte, wenn Jack Lovelock, der einzige Neuseeländer bei den Olympischen Spielen 1936, einen Favoriten nach dem anderen hinter sich lässt, gibt’s keinen Schnitt mehr. Sie, die mit ihrem Film das Montageprinzip großgemacht hat, hat genau verstanden, was die Spannung dieses Moments ausmacht.

In einem Interview erwähnten Sie Tarantinos „Inglourious Basterds“. Hat der Film einen Anstoß gegeben, den Roman zu vollenden?
Keglevic: Nein, wenn man’s ­genau anschaut, hat mein Buch ­überhaupt nichts von „Inglourious Basterds“. Tarantino setzt auf ein Comic-­Lachen. Ich lass niemanden mit einem ­großen Messer auftreten: So, jetzt ­skalpieren wir alle Nazis! Sondern ich will, dass sie sich durch ihre Taten, ihre Haltungen und ihre Reden selbst decouvrieren.
Das Verlachen der Nazis im Film geht bis zu Charlie Chaplin und Ernst Lubitsch zurück – wer ist Ihnen näher?
Keglevic: Lubitsch. Da seh ich den verzweifelten Menschen, der sich durchboxt, viel klarer als bei Chaplin mit all seiner Kunstfertigkeit. Das ist aber nicht der Punkt, sondern was mich ärgert, ist das Hitler-Bild, das sich bei den Deutschen jetzt durchsetzt: Die glauben, er war wie Bruno Ganz ihn spielt, ein armer, zittriger Mann, und im Übrigen hat das mit den Nazis alles an einem Dienstag von 16 bis 19.30 Uhr stattgefunden. Ich kann den ganzen Filmen und Büchern – von Hitlers Sekretärin über Hitlers Telefonistin bis demnächst Hitlers Tischdecke – nur mit Sarkasmus begegnen, deshalb lasse ich meinen Helden behaupten: „Ich war Hitlers Trauzeuge.“

Michael Omasta in FALTER 49/2017 vom 08.12.2017 (S. 30)


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