SACHBUCH-BESTENLISTE April 2019

Freuds Dinge
Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter

von Lothar Müller

€ 43,20
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: AB - Die Andere Bibliothek
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 420 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.02.2019


Rezension aus FALTER 16/2019

Dr. Freud, zum Telefon!

Lothar Müller nimmt „Freuds Dinge“ unter die Lupe und porträtiert den Vater der Psychoanalyse als Kind einer Ära der erblühenden Markenwarenwelt

Am 24. September 1922 erscheint im Neuen Wiener Tagblatt ein Inserat eines gewissen August Stier, das einen „Wunderblock“ bewirbt: „schreibt ohne Blei oder Tinte, kein Gummi oder Schwamm nötig, in Kanzlei-, Taschen- oder Westentaschenformat.“ Ob das in Versalien gedruckte „Erapi“, bei dem es sich anscheinend um den Produktnamen des Schreibgeräts handelt, um ein reines Fantasiewort oder eventuell ein Akronym handelt, bleibt bis heute ungeklärt.

Es würde sich aber ohnedies kaum jemand für dieses gescheiterte Markenprodukt, dem bis in die zweite Hälfte des
20. Jahrhunderts ein unglamouröses Nachleben als Kinderspielzeug beschieden war, interessieren, hätte es nicht Sigmund Freud drei Jahre später in seiner „Notiz über den ,Wunderblock‘“ ausgesprochen ausführlich beschrieben. Was wiederum in der Ausgabe des Neuen Wiener Journals vom 28. September 1925 zur Kenntnis genommen wird, wo Freuds in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse erschienene „Notiz“ als jüngstes und kühnes „technisches Modell der Seele“ gewürdigt wird. Seinen Lesern vertraut der mit wf. zeichnende Feuilletonist an, „dass ich so einen Block überhaupt nicht zu Gesicht bekommen habe, weder weiß, wer ihn erzeugt, noch wo er erhältlich ist. Ich kenne ihn lediglich aus der Beschreibung Freuds.“

Das Deckblatt des Wunderblocks ist ständig neu beschreibbar, während die darunter liegende Wachstafel die Spuren der oberflächlich gelöschten Aufzeichnungen bewahrt. Bei Freud steht der Wunderblock, nach dem auch die legendäre Wiener-Festwochen-Ausstellung von 1989 benannt wurde, für die Kapazität des seelischen Apparates, „in unbegrenzter Weise aufnahmefähig für immer neue Wahrnehmungen“ zu sein und zugleich „dauerhafte – wenn auch nicht unveränderliche – Erinnerungsspuren von ihnen“ zu schaffen. Für den Literaturwissenschaftler, -kritiker und Feuilletonisten Lothar Müller ist er darüber hinaus ein Vertreter der zeitgenössischen Dingwelt, derer sich Freud wie selbstverständlich bedient, um den „Gleichnis-, Analogie- und Metaphernhunger“ der noch jungen Psychoanalyse zu stillen.

Für sein soeben in der Anderen Bibliothek in gewohnt gediegener und sorgfältiger Aufmachung erschienenes Buch „Freuds Dinge“ hat sich Müller der Einsicht Nietzsches „Unser Zeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ bedient, um die Dinge, die bei Freud in Patientenberichten und Traum-erzählungen, aber auch in Selbstanalysen und theoretischen Überlegungen aufzufinden sind, weniger zu deuten als auf ihre lebensweltliche Herkunft hin zu untersuchen. Der kultur-, sozial- oder wirtschaftshistorische Kontext interessiert ihn zumindest so sehr wie die symbolische Bedeutung, die diese Dinge mitunter ohnedies „mit geradezu aufreizender Widerstandslosigkeit“ preisgeben.

Das gilt für die 1906 auf den Markt gekommenen „automatischen Bleistifte“ von Eduard Penkala, die ein Jahrzehnt später in den „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ in der Rubrik „Objekte, die einer Verlängerung fähig sind“ auftauchen; und das gilt auch für den Fall jener „klugen und feinen jungen Dame“ aus der „Traumdeutung“. Im Traum bestückt sie einen Leuchter mit einer Kerze, die allerdings gebrochen ist, „so daß sie nicht gut steht. Die Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld.“

Dass die Kerze nicht nur die Impotenz des (Ehe-)Mannes symbolisiert, offenbart die Erinnerung der „sorgfältig erzogenen und allem Hässlichen fremd gebliebenen jungen Frau“ an ein paar Zeilen aus einem Studentenlied, dessen zotiger Sinn sich ihr seinerzeit allerdings gar nicht erschlossen hat: „Wenn die Königin von Schweden, / bei geschlossenen Fensterläden / mit Apollokerzen …“

Wofür die Apollokerzen also auch noch stehen, ist klar. Aber woher kommen sie? Die Antwort: Aus einer ursprünglich im Apollosaal am Schottenfeld untergebrachten Kerzenfabrik, die nach Simmering übersiedelte, nachdem dieser 1876 abgebrannt war. 1839 auf den Markt gekommen und bereits Jahrzehnte vor Einführung der Markenschutzgesetze als Schutzmarke registriert, sind sie ein frühes Beispiel für die anbrechende Ära der Massen- und Markenprodukte, in der der Allgemeinbegriff und der Markenname verschmelzen, sodass – wie später beim Tixo(-band) oder (Tempo-)Taschentuch – Letzterer den Ersteren ersetzt.

Das zeitgleiche Auftreten der Psychoanalyse und des Detektivromans ist wiederholt bemerkt und gedeutet worden, und Lothar Müller ist sichtlich von detektivischem Spürsinn geleitet, wenn er den Spuren folgt, die Produkte, Technologien und Apparate bereits kurz nach deren Einführung in Freuds Werk hinterlassen haben.

Wobei der Autor auch auf ein hübsches Paradox aufmerksam macht: Während sich der Charcot-Schüler und Neuropathologe Freud mit fortschreitender Entwicklung der Psychoanalyse hin zu einer reinen „talking cure“ von dem ganzen medizinischen Gerätepark verabschiedet, mithilfe dessen Erregungszustände gemessen und induziert werden, wird die technische Metaphorik immer wichtiger: Freud „verzichtete auf die Influenzmaschine, elektrifizierte aber das Bild seines psychischen Apparats“.

In seinen „Ratschlägen für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung“ (1912), in der er die berühmte Maxime von der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“ ausgibt, rät Freud dem Analytiker, „dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes Unbewusstes als empfangendes Organ“ zuzuwenden und sich „auf den Analysierten ein[zu]stellen, wie der Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist“.

Die Medientechnologie der Zeit liefert jede Menge brauchbarer Metaphern. Die sogenannte Mischfotografie („composite portraits“), die der englische Eugeniker und Darwin-Cousin Francis Galton eigentlich einsetzen wollte, um den Normtyp des „Verbrechers“ oder „Juden“ zu erfassen und die auch Ludwig Wittgenstein zur Erklärung seines Begriffs der „Familienähnlichkeit“ heranzog, dient Freud als Modell für die Traumarbeit, die mit „Mischpersonen“ operiert.

Der Ort der psychoanalytischen Praxis selbst hingegen weist weniger in die Richtung technischer Innovationen, sondern scheint fest in der Vergangenheit verwurzelt. Das Ding, das zur Ikone der Analyse schlechthin geworden ist, die Couch nämlich, wurde von Freuds Schülerin und Freundin Marie Bonaparte gar nicht so genannt, sondern als „Diwan“ identifiziert und hält die Verbindung zum Orientalismus des 19. Jahrhunderts aufrecht. „Ist nicht die Stimmung“, so fragt Müller, „die Diwan und Teppiche ausstrahlen, ein ideales Medium der Kontemplation und Regression?“

Im Inneren der Räumlichkeiten in der Berggasse 19 verweilt Lothar Müller am längsten. Denn die Dinge, mit denen er sich am ausführlichsten befasst, sind nicht die industriell gefertigten Alltagsartikel à la Apollokerze, sondern die Exponate der Freud’schen Antikensammlung. Auch über sie hat der Autor Erhellendes mitzuteilen, aber seine Ausführungen geraten hier doch immer wieder zum philologischen Schauturnen, das Müller auf dem Hochreck seiner fraglos stupenden Gelehrtheit aufführt.

Einer Terrakottafigur der Artemis nähert er sich über die Exegese von Goethes Gedicht „Die Diana von Ephesos“ an und schaut dann auch noch beim Apostel Paulus, bei Lessing, Schiller, Winckelmann, Friedrich Leopold Graf zu Stoltenberg, Friedrich Heinrich Jacobi und Hegel vorbei, ehe er nach acht Seiten wieder zu Freud und zu der Einsicht gelangt, dass dessen „1911 niedergeschriebener Text ,Groß ist die Diana der Epheser‘, der 1912 im Zentralblatt für Psychoanalyse erschien, […] dem Leser durch Hinweis auf Band und Seitenzahl der Sophien-Ausgabe die Parallellektüre von Goethes Gedicht nahe[legt].“ Ja, eh. Jedenfalls wenn der Leser Lothar Müller heißt.

„Echoraum“ ist eine von Müllers bevorzugten Metaphern, und ein solcher Echoraum ist auch dessen – im Übrigen blendend geschriebenes – Buch, in dem es mitunter etwas gar bedeutsam hallt („Der Raum ist die angestammte Sphäre der Dinge“), dem es aber insgesamt überzeugend gelingt, ein spannendes und detailreiches Sonogramm einer Epoche zu erstellen.

Klaus Nüchtern in FALTER 16/2019 vom 19.04.2019 (S. 30)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen