Die Hungrigen und die Satten
Roman

von Timur Vermes

€ 22,70
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Verlag: Eichborn
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 512 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.08.2018

Rezension aus FALTER 35/2018

Klassenbester in Opferzahlen

Vor sechs Jahren brachte der damals 35-jährige Timur Vermes sein vielbeachtetes Romandebüt heraus. „Er ist wieder da“ erzählt von der Wiederkehr Adolf Hitlers, der im Berlin des Jahres 2011 Karriere als TV-Komiker macht und auf diesem Wege sogar den Grimme-Preis gewinnt.

Die Pointe des sehr gut gemachten, in Dutzende Sprachen übersetzten und auch erfolgreich verfilmten Romans lag weniger in der These, dass die Deutschen auf den „Führer“ noch einmal hereinfallen würden, sondern dass man diesem verstörend plausibel als Mischung aus Wutbürger und Medienprofi imaginierten Hitler 2.0 gar nicht abnimmt, tatsächlich ein Nazi zu sein. In einer Zeit, in der türkische Komiker rassistische Türkenwitze erzählen, bewundern die TV-Konsumenten lediglich den Umstand, dass dieser Typ mit dem blöden Schnauzbart „seine Nummer“ mit Method-Acting-mäßiger Konsequenz durchzieht.

Vermes (sprich: Vermesch), Sohn eines 1956 aus Ungarn Geflohenen, hat als Journalist und Ghostwriter gearbeitet, kennt sich also aus im Mediengeschäft. Die Dynamik und Rückkoppelungen zwischen Massenmedien, Publikum und Politik spielen auch in seinem zweiten Roman eine wichtige Rolle. Was in der Quantenphysik gilt, nämlich dass der Beobachter das Beobachtete beeinflusst, trifft in der Medienrealität erst recht zu.

„Doku ist, wenn man filmt, was ohnehin passiert“, bemerkt eine Mitarbeiterin des Privatsenders myTV – im Übrigen so ziemlich die einzige Frauenfigur, die irgendwas kapiert – in einer Sitzung. Sie aber hätten durch ihre Reality-Show mit Flüchtlingen „das Ganze doch ausgelöst“. Als der Groschen bei den Kolleginnen und Kollegen noch immer nicht gefallen ist, ergänzt besagte Mitarbeiterin namens Hayat: „Der Zuschauer ahnt, dass es hier Tote geben könnte. Tote! Weil. Wir. Mit. Der. Kamera. Dabei. Sind.“

„Die Hungrigen und die Satten“, wie der wuchtige und um Pathos nicht verlegene Titel lautet, löst die dadurch geschürten Erwartungen vorerst nicht ein. Stattdessen nähert er sich dem dauerheißen Eisen „Flüchtlingskrise“ in Form einer launigen Mediensatire, die mithilfe des Privatlebens der Beteiligten ziemlich breit ausgewalzt wird, ehe die Handlung eine unerwartet apokalyptische Wendung nimmt. Erzählt wird jedenfalls die Geschichte rund um das TV-Sternchen Nadeche Hackenbusch – jung, gutaussehend und auf eine nicht ganz uncharmante Weise doof –, das für seine Serie „Engel im Elend“ jetzt schnell mal nach Afrika ins größte Flüchtlingslager der Welt jettet. Nachdem sie unter den Insassinnen ein Modecasting veranstaltet und den von ihr gebrandeten „HackenPush-Up-Bra“ (einen Ladenhüter) an diese verteilen hat lassen, wird sie von Empathie überwältigt. Sie verliebt sich in einen jungen Mann und beschließt gemeinsam mit diesem, einen beständig anwachsenden Treck von hunderttausenden Flüchtlingen zu Fuß (!) nach Deutschland zu führen. Reisegeschwindigkeit: 15 km/h.

Am meisten Mühe hat sich der Autor noch mit der Logistik des ganzen Unterfangens gemacht. Ob man es nun für glaubhaft hält oder nicht, so ist es zumindest ganz hübsch ausgedacht, wie das alles funktionieren soll. Die sämtlich über Smartphones und E-Banking verfügenden Flüchtlinge überweisen täglich zehn Dollar und werden dafür von den sie begleitenden Trucks mit Wasser und Nahrung, später dann auch medizinisch und sanitär betreut. Für den Schutz sorgen Abkommen mit den örtlichen Warlords, die Grenzen aber werden spielend überwunden, weil die Regierungen der jeweiligen Länder die Gewissheit haben, dass sich der Zug ja nur auf der Durchreise befindet und man diesem sogar noch ein paar zehntausend der ohnedies schon im Lande befindlichen Flüchtlinge anhängen kann. Nach einem kurzen Trip übers Rote Meer gelangt man schließlich an die Tore Europas, die indes vom vermeintlichen Gatekeepern nicht so streng bewacht werden, wie es Deutschland mit der Türkei vereinbart zu haben glaubt.

Was das Personal anbelangt, so werden die Klischees, die für Politiker und Medienleute zur Verfügung stehen, pflichtgemäß abgemolken: Quotengeil, opportunistisch und eitel sind alle – und selbstverständlich hat der Vertreter der Grünen einen Porsche 911 und einen Jeep Gladiator Baujahr 1965 in seinem Carport stehen.

Das Denglisch von Nadeche Hackenbusch („I swear you: Not with us!“ „I am so up one hundred eighty!“) und die seitenweise eingeschobene Klatschquatschprosa, die Astrid von Roëll exklusiv für die Evangeline absondert („Hier verklumpen die Mühlen des Rechts das Mehl einer großen, großen Liebe“), sind schon in geringer Dosis mäßig lustig, auf Dauer aber nur noch enervierend. Als einzige Figur etwas mehr Profil gewinnt der konservative, aber redliche Innenminister der erklärt, dass er nicht daran denke, die Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern: Das kostet ihm zwar nicht den Job, aber – spoiler alert! – das Leben.

Trotz aller Eskalationsdramaturgie gestaltet sich die Lektüre von „Die Hungrigen und die Satten“ zusehends zäher. Um auf seine 500 Seiten zu kommen, muss sehr viel geredet werden. Das Buch liest sich überhaupt wie ein Filmscript – inklusive detailfreudiger Regieanweisungen, die sich dem Verzehr von Kirschtomaten oder dem Getränkekonsum widmen: „Sensenbrink steht auf und geht zum kleinen Kühlschrank. Er holt sich einen Saft heraus und entfernt den Kronenkorken mit dem Flaschenöffner. Er kehrt zum Schreibtisch zurück, setzt sich und stellt die Flasche neben das Telefon. Vor einem oder anderthalb Jahren hat der Sender der Belegschaft den Saft gestrichen. Und das Mineralwasser. Sie haben dafür einen Sprudler an die Wasserleitung geklemmt und …“ usw., usf.

Wenn jemand schon Zeilen schindet, bevor auch nur die halbe Distanz erreicht ist, dann wird ihm auch lange vor dem Ziel die Luft ausgehen. Tatsächlich verhält sich Timur Vermes genau so wie der von ihm erfundenen Flüchtlingskonvoi: Beide sind losgezogen, ohne sich zu überlegen, was eigentlich passiert, wenn man angekommen ist. Aus schierer Ratlosigkeit hat sich Vermes – spoiler alert! – für die einfachste und entsetzlichste Lösung entschieden: Ende schlecht, alle tot. Dass dieses auch noch völlig unplausibel und vollkommen verschwurbelt ist, macht die Sache dann auch nicht mehr viel schlimmer.

Nichtsdestotrotz scheint bereits vor Erscheinen ausgemacht, dass „Die Hungrigen und die Satten“ einen bedeutenden Beitrag zur never ending Flüchtlingsdebatte leisten. Der Stern feiert Vermes in seiner Vorab-Exklusivstory als grandiosen Stilisten und bitterbösen Satiriker; der Spiegel ruft ihn als Stichwortgeber in Sachen deutscher Identität auf („Wer sind wir?“) und schreibt den Namen der Protagonistin konsequent falsch (Hackenbruch). Sollte es auch diesmal zur Verfilmung kommen, dürfte zumindest die Besetzung für Nadeche Hackenbusch feststehen: Larissa Marolt bräuchte sich praktisch nur selber zu spielen.

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2018 vom 31.08.2018 (S. 33)


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