Spex
Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop

von Anne Waak, Max Dax

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Metrolit Verlag
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Begeisterung, Bluff und Behauptungen

Pop: Ein dicker Band versammelt Texte aus der langlebigen deutschen Popkulturzeitschrift Spex

Musik zur Zeit" lautete eine Zeitlang der Untertitel der Spex. Anfang 1980 wurde sie von jungen Kölner Intellektuellen wie Clara Drechsler (nunmehr Übersetzerin von Autoren wie Nick Hornby) und Gerald Hündgen gegründet, die nach dem Ende von Punk, der wichtigsten Jugendbewegung der späten 1970er, das neue heiße Ding in der Popkultur herbeisehnten.
Mit Post-Punk- und New-Wave-Sounds, die in den ersten Jahren eine wichtige Rolle spielten, sollten sie dieses auch prompt bekommen. 1983 kam dann Diedrich Diederichsen (heute auf allen Podien gefragter Pop-Professor) als Chefredakteur, und die goldene Ära begann.

Erstaunlich, dass vieles aus den frühen Tagen der Zeitschrift immer noch mit Gewinn zu lesen ist, wie sich anhand des Jubelbandes "Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre" mit einer Art "Best of" aus den Archiven der Zeitschrift nachvollziehen lässt. Das Besondere an Spex war, dass sie im deutschsprachigen Raum lange Zeit die Diskurshoheit über alles innehatte, was mit Pop in Verbindung steht – und was für scheinbare Paradoxien sie in sich vereinte.
Sie zeichnete sich, zumindest in den 1980er- und 1990er-Jahren, durch einen akademischen, mitunter schwer lesbaren Ton aus, die Beiträge steckten gleichzeitig jedoch auch voll unverhohlener Begeisterung für das Thematisierte. Die Autoren kamen frisch aus den Philosophie- und Soziologie-Seminaren und waren dementsprechend von Bourdieu bis Luhmann theoriemäßig gut aufgestellt. Was sie über neue Bands und Alben proklamierten, erwies sich bei näherer Betrachtung aber oft nur als bloße Behauptung, als gelungener Bluff.

Es ging in der Spex stets um die neuesten Strömungen in der Popmusik, die Legendenabteilung von Neil Young bis Bob Dylan fand aber auch immer darin Platz, wenn eine der Legenden gerade ein tolles Album gemacht hatte. Und auch die früher vielerorts vorgenommene Trennung in (gute) Underground-Musik und (bösen) Mainstream gab es in der Form in der Spex nie.
Platten, die von Millionen Menschen weltweit gekauft werden, in gleicher Gewichtung zu behandeln wie obskure Werke von Bands mit Auflagenzahlen von ein paar hundert Stück – auch das war lange Zeit die Spex. Und zwar mit der Betonung auf "war". Denn die Auseinandersetzung mit Spex neigt zur Vergangenheitsform. Es gibt sie immer noch, ja, aber schon lange trägt sie den durchaus liebevollen Beinamen "die alte Tante".
Nach einem Eigentümerwechsel sowie einem kompletten Austausch der ­Redaktion samt Umzug von Köln nach Berlin und mehreren jeweils mit Relaunches verbundenen Chefredakteurswechseln ist die Zeitschrift jedoch eine andere. Der Zusatz "­Musik zur Zeit" ist lange verschwunden, wurde erst durch "Das Magazin für Popkultur", später durch "Magazin für Popkultur" ersetzt.
In den 1980ern und 1990ern musste man Spex lesen, um nichts Wichtiges zu verpassen. Inzwischen ist sie eines von vielen Medien, das man ergänzend konsultieren kann – nicht muss. Das ändert nichts daran, dass sich bisweilen fantastische Texte darin finden, die sich mit einer Intensität und Akribie in ihre Gegenstände verbeißen, die man anderweitig höchst selten findet.

"Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre" hat noch der vorvorige Chefredakteur Max Dax gemeinsam mit Anne Waak zusammengestellt. Große Reflexionen über die Entwicklung, die das Blatt genommen hat, bleiben außen vor: Gerade einmal sieben Seiten Vorwort (noch dazu vorsichtig "Eines von mehreren möglichen Vorworten" betitelt) stehen weit über 400 Seiten mit Interviews, Porträts und Analysen aus allen Spex-Jahrgängen gegenüber, ein Register sowie eine vollständige Cover-Galerie runden den Band ab.
Unter den vertretenen Autoren sind neben Diedrich Diederichsen oder anderen wichtigen Redakteuren wie Christoph Gurk, Hans Nieswandt oder Tobias Thomas auch Schriftsteller wie Rainald Goetz und Joachim Lottmann vertreten, die zeitweise zum Spex-Camp gehörten.
Wenn man das so durchblättert, ist von den Beastie Boys bis Blumfeld, von Nick Cave bis Pulp, von den Pet Shop Boys bis Tocotronic, von der Rave-Kultur bis zur Political-Correctness-Debatte, aber auch von "Star Trek" bis Claude Lanzmann sehr viel von dem drin, was einmal angesagt war oder ungebrochen Relevanz hat. Ein Lesebuch im besten Sinne.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 42)


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