Was wir wieder schätzen sollten
Die schönen Traditionen

von Johannes Thiele, Christine Paxmann, Desirée Treichl-Stürgkh

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Brandstätter
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

McAbendland ist abgebrannt

Dreißig Prozent für rechte Populisten in Österreich. Das Ausland reibt sich einmal mehr verwundert die Augen. In Österreich findet man das alles ganz normal. Das sind doch nur verirrte Protestwähler! Das nächste Mal wählen sie schon wieder "bürgerlich". Oder stehen FPÖ und BZÖ gar schon für eine neue Bürgerlichkeit rechts der Mitte? Ist Strache der neue Schüssel?
Was heißt überhaupt "bürgerlich"? Macht uns das Einhalten konservativer Anstandsregeln, die Pflege alter Traditionen zu besseren Bürgern? Das Spießertum, gerne auch mit xenophobem Unterton, ist en vogue – die Vielzahl an Neuerscheinungen über Bürgerlichkeit, Kleidungsvorschriften und Traditionen spricht eine deutliche Sprache.
Wenn Männer wieder wissen
wollen, welche Schuhe man zu welcher Hose trägt, ist das Ausdruck einer Sehnsucht nach Verbindlichkeit in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Wenn sich Frauen wieder zu Heim und Herd bekennen, dann wollen sie das wenigstens mit Niveau tun. Sie wollen Kulturträgerinnen sein, wenn sie gemeinsam mit ihren Kindern Weihnachtslieder singen.
"Was wir wieder schätzen sollten. Die schönen Traditionen" ist genau so ein Buch. Christine Paxmann und Johannes Thiele plädieren dafür, dass Familien wieder ihre Mahlzeiten gemeinsam ein­nehmen und musizieren, zumindest Marmelade einkochen. Solche Traditionen sollen zu "Fixpunkten des frohen Herzens" werden.

Die beiden Autoren eilen frohgemut in vielen kurzen Kapiteln durch den Katechismus des Bildungsbürgertums, das sich durch keine Kritik bilderstürmender 68er das
exquisite Lebensgefühl am Eigenheim vermiesen lassen will. Sie erklären, wie man richtig Blumen schenkt, Briefe schreibt, was Eleganz ausmacht, wie man Hochzeit feiert. Leider fallen ihre Anweisungen so oberflächlich aus, dass sie unfreiwillig komisch wirken. Dem Mann schenkt man "Wein und Bücher", der "Dame" "Blumen und Naschereien". Der elegante "Herr" darf nie extravagante Kleidung tragen, zu dunkler Hose hat er schwarze Schuhe anzuziehen.
Sitzt man gemeinsam feierlich zu Tisch, darf auf keinen Fall über Religion, Politik oder Sex gesprochen werden. Wenn sich Paxmann und Thiele dem durchaus komplexen und nicht uninteressanten Thema "Heimat" zuwenden, haben sie dafür genau eine Doppelseite übrig – das Kapitel "Handarbeiten" bekommt mehr Platz. Um die Bürgerlichkeit zu retten, muss man sich schon etwas mehr anstrengen. Es reicht nicht, die Gardinen der bürgerlichen Idylle vor den Herausforderungen einer sich globalisierenden Welt zuzuziehen.
Etwas mehr Mühe gibt sich der Romancier, Lyriker und Essayist Richard Wagner. Nur leider schreibt er mit Schaum vor dem Mund, dabei ist der Rumäniendeutsche für seine leichtfüßigen, intelligenten Romane bekannt. Doch der Mann fühlt sich bedroht – von der Globalisierung, dem Terror und vor allem einer "islamistischen Unterwanderung" von "McAbendland". Deshalb ruft er "Europa zuerst!" – und meint das nicht etwa ironisch. Wir Europäer sollten uns nicht länger durch die "Mythisierung der Ursachen des Hungers in Afrika" moralisch unter Druck setzen lassen. Auch der "Multikulturalismus" führe uns in die Irre. Wir hätten unsere Werte vergessen – und könnten sie deshalb nicht gegen die "islamistische Unterwanderung" unserer Gesellschaft verteidigen. Und was sind diese unsere Werte? Das Christentum!
Gott bewahre: Wagner malt den Teufel an die Wand, um ihn mit einem erstarkenden Glauben, der auch vor Rückgriffen auf die Orthodoxie ("die kann uns etwas von unserer ursprünglichen christlichen Spiritualität mitteilen") nicht zurückschreckt, auszutreiben. Wagner sieht das Unheil nicht nur in den Schurkenstaaten lauern, sondern auch in Moscheen und türkischen Supermärkten bei uns: "Es ist nicht egal, ob man im Café auf die Theatinerkirche blickt oder auf einen türkischen Discountmarkt."

Für Wagner ist nur der Ausländer brav, der sich vollkommen unserer Lebensart anpasst und bei Billa oder Spar kauft. Da lobt er die Briten, die "es geschafft haben, alles Fremde, das ihnen brauchbar vorkam, in eine britische Erscheinungsform zu bringen". Wagner lobt den britischen Gouverneur Napier in der indischen Kolonie ausdrücklich dafür, dass dieser allen Einheimischen, die ihre Witwen verbrennen wollten, mit dem Galgen drohte. "Folgen Sie Ihren Bräuchen, wir folgen unseren", soll Napier gesagt haben. Bravo, sagt Wagner. Wer nicht denkt wie wir, an den Galgen! Auch in Indien, wo wir eigentlich
Kolonialmacht sind.
Wagner verweist uns Heutige ans Mittelalter, an die christliche Wiege Europas. Das sei gar nicht so finster gewesen, wie uns linke Historiker einredeten. Inwiefern es hell gewesen sein könnte – trotz Raubrittertum, Pestseuchen, Kreuzzügen und Hundertjährigem Krieg –, lässt Wagner
offen. Wie er auch seltsam schwafelig wird, wenn es darum geht, was für ihn am Christentum so bedeutend und vor allem zeit­gemäß ist.
Für ihn gibt es immerhin zwischen "Aufklärung und Christentum einen unauflöslichen Zusammenhang, einen Corpus mysticum, was auch besagt, dass nicht jede Religion automatisch zum Partner der Aufklärung berufen ist". Also zieht euch warm an, ihr bärtigen muslimischen
Betbrüder, wir haben Giordano Bruno
verbrannt und hätten Galileo Galilei beinahe überzeugt, dass die Erde doch eine
Scheibe ist.
Ging es denn den Aufklärern nicht ge­rade darum, uns aus der Unmündigkeit durch den Glauben zu befreien? Statt den vier Prozent Muslimen in Deutschland oder
Österreich zu unterstellen, sie wollten uns "ihre Vorstellungen aufzwingen, und zwar von Lebenswelt und Lebensform, von
Geschlechterrollen und Rechtsordnung", sollte sich ein kluger Kopf wie Richard
Wagner lieber darüber Sorgen machen, was der Staat mit immer mehr Überwachung und Kontrolle seiner Bürger bezweckt, welchen Dienst er ihnen dabei
erweist – und ob nicht enthemmte Banker mit ihren Risikogeschäften unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung mehr gefährden als ein paar Imame.

Über die wirklichen Zukunftsfragen macht sich der Wirtschaftsjournalist Christian
Rickens Gedanken. Er möchte wissen, was nach dem abgehalfterten Neoliberalismus, einer bloß noch rückwärtsgewandten Linken und einer Sozialdemokratie, die nur noch Mindestlöhne einführen will, eigentlich noch kommen soll. Also versucht er in seinem angenehm unaufgeregten Buch scheinbar unvereinbare Ziele zusammenzudenken: die heilenden Kräfte des Wettbewerbs, die Rechte des mündigen Bürgers gegen einen ihn gängelnden Staat und klassische linke Ideen wie soziale Gerechtigkeit, internationale Solidarität, Demokratisierung und Nachhaltigkeit. Heraus kommt ein neuer Linksliberalismus.
Rickens setzt auf die "neue Boheme", die den Wert von selbstbestimmtem Leben in gebührendem Abstand von den Alt-­68ern wiederentdeckt: in Freiberuflern, Kreativen und Unternehmern, die sich in ungesicherten materiellen Verhältnissen bewegen. Die die Globalisierung bejahen und anders als viele Alt-Linke tatsächlich noch an eine bessere Zukunft glauben.
Deshalb will er den teuren Moloch ­Sozialversicherung abschaffen, weil der nur den Interessen einer Heerschar von Funktionären diene und die Bürger entmündige. Er fordert stattdessen die schrittweise Einführung eines Grundeinkommens von 800 Euro für jeden – finanziert über einen einheitlichen Steuersatz von 60 Prozent. Und rechnet glaubhaft vor, dass das trotzdem für jeden Arbeitnehmer eine geringere Belastung darstellen würde als heute, weil alle Sozialversicherungsbei­träge wegfallen.
Diese Grundsicherung würde unter anderem dafür sorgen, dass viel mehr Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen und so zur positiven Entwicklung des Wirtschaftsstandorts beitragen würden. Diese Grundsicherung ist ein Zukunftsthema, das von den Parteien nur sehr zögerlich aufgegriffen wird – vielleicht weil es wirklich revolutionär sein könnte?
Außerdem möchte Rickens das europäische Steuersystem vereinheitlichen, gegen Länder mit Dumpinglöhnen und Gewerkschaftsverbot Schutzzölle einführen, andererseits die EU-Grenzen für gut Ausgebildete (und nur solche) weit öffnen. Vor allem ist er für eine beherzte Wiederbelebung des Genossenschaftsgedankens, weil der zutiefst demokratisch sei. Statt weitere Schritte in Richtung Überwachungsstaat zu setzen, plädiert er dafür, die Polizei anständig auszurüsten.
Das ist eine ungewöhnliche Mischung, die Christian Rickens da unter "links" zusammendenkt. Vielleicht hat er den Grundstock für das Programm einer neuen linksliberalen Partei gelegt. Mit ihr könnten sich welt­offene, optimistisch denkende Menschen solidarisieren, die bei "links" eher an Willy Brandt oder Bruno Kreisky denken als an Oskar Lafontaine oder grauhaarige Gewerkschaftsfunktionäre – und denen die Grünen zu selbstzufrieden und zahnlos
geworden sind.

Thomas Askan Vierich in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Es reicht (Richard Wagner)
Links! (Christian Rickens)

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