Die Stadt
Vom antiken Athen bis zu den Megacitys. Eine Weltgeschichte in Geschichten.

von Rainer Metzger

€ 12,99
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Verlag: Brandstätter Verlag
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.02.2015


Rezension aus FALTER 20/2015

Die Stadt als biografischer Hintergrund

Städte in Glanzzeiten sind seit jeher ein beliebter Topos, ob in Romanen, Filmen oder Analysen. Ist das Wesen des Urbanen die Begegnung mit dem Unbekannten, sind Städte in ihrer Blütezeit von verstärkter Interaktion und Konfrontation geprägt. Gerade anhand der historischen Figuren, den „Einzelwesen in der Polis“, wie Rainer Metzger sie in seinem 2014 erschienenen Buch „Die Stadt“ nennt, spannt sich die Stadt zwischen physisch-sinnlich erlebtem Raum und dem System bürgerlichen Zusammenlebens auf: ein Dualismus, den die Griechen asty und polis, die Römer urbs und civitas nannten.
Metzger beschreibt die Stadt als Hintergrund der Biografien historischer Persönlichkeiten – Sokrates in Athen, Horaz in Rom, Mozart in Wien. Oft sind es Protagonisten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Sie geben die besten Zeitzeugen für Städte in Glanzzeiten und im Wandel ab. Es sind Beobachter und Flaneure, von Mäzenen aus der Oberschicht gefördert wie Horaz von seinem Förderer Gaius Maecenas vor 2000 Jahren oder der Künstler Bodys Isek Kingelez aus Kinshasa von der Fondation Cartier heute. So werden die Städte nicht nur in ihrer baulichen und sozialen Beschaffenheit, sondern auch als Künstlerbiotope porträtiert. Die spielerisch distanzierte Haltung des Flaneurs zeigt sich nicht nur an den Protagonisten, auch das Buch selbst ist durch und durch urban – wissend, leichtfüßig, vernetzend und kritisch.

Dass es sich bei den Protaganisten um hochsensible Charaktere handelt, lässt durchaus auch komische Aspekte zutage treten. Denn diesen feinsinnigen Naturen liegen Wehleidigkeit und Schrulligkeit nicht fern. Etwa wenn Albrecht Dürer in seinen Briefen genauso über die miese Auftragslage jammert wie Mozart drei Jahrhunderte später in den seinen. Das ausführliche Tagebuch des Londoners Samuel Pepys, Zeitzeuge der doppelten Stadtkatastrophen Pest und Brand von 1665/1666, berichtet ebenso vom urbanen Leben in Zeiten von Zerstörung und Umbruch wie von der egoistischen Angst um den eigenen Besitz und den mittels unbeholfener französischer Ausdrücke äußerst unzureichend vor der Gattin getarnten Frauengeschichten.
Dem gegenüber stehen ernstere Kapitel wie die Erforschung der Armenviertel von New York um 1900 durch den gebürtigen Dänen Jacob Riis, der sich auf seinen Wegen durch die Immigranten-Slums von Manhattan die damals noch junge Erfindung der Fotografie zunutze macht, zwischen Sozialkritik, Anteilnahme und Bloßstellung oszillierend. Dabei waren es gerade diese von Armut und Elend gezeichneten Städte, die gesamtwirtschaftlich boomten wie nie zuvor. „Die Stadt“ liefert die Erkenntnis, dass uns im Wandel der Städte der urbane Geist stets erhalten bleibt. So lässig, wie Sokrates einst durch Athen flanierte und Horaz das spatiare praktizierte, bewegen sich heute die in Designerkleidung aus dem Secondhandshop gewandteten Sapeurs durch Kinshasa. Der Flaneur stirbt niemals aus.

Maik Novotny in FALTER 20/2015 vom 15.05.2015 (S. 60)



Rezension aus FALTER 11/2015

Urbanes Flanieren durch die Jahrtausende

Geschichte: Rainer Metzger spiegelt spielerisch Stadt- und Einzelbiografien und spürt dem Esprit des Urbanen nach

Im September 1784 ist Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Gipfel seines Erfolgs in Wien: Der Adel liebt und bezahlt ihn, er bezieht ein nobles mehrgeschoßiges Domizil in der Domgasse. Bald danach geht es bergab, seine späteren Adressen geben Zeugnis seiner finanziellen Lage und seines gesellschaftlichen Status. Insgesamt zwölf Mal in zehn Jahren zieht er um, von Absteige zu Absteige, bis zum hochverschuldeten und ruhmlosen Ende in der anonymen Erde des Friedhofs von St. Marx. Ein Weg durch die Stadt Wien, der ebenso viel vom Künstler erzählt wie von der Stadt.
"Mozart ist der erste Freiberufler der Kulturgeschichte", schreibt Rainer Metzger in seinem Buch "Die Stadt – vom antiken Athen bis zu den Megacitys". Ein etwas irreführender Titel, denn die Stadt ist nicht die Hauptfigur dieses kurzweiligen Buches. Vielmehr beschreibt der Kunsthistoriker Metzger Städte als Hintergrund der Biografien historischer Personen, vom Athen des Sokrates in das Rom des Horaz bis zum Kinshasa des zeitgenössischen Künstlers Bodys Isek Kingelez. Oft waren seine Protagonisten ihrer Zeit voraus. Sie geben die besten Zeugen für Städte in Glanzzeiten und vor allem Städte im Wandel ab.

Eine Grundidee, deren Kalkül voll und ganz aufgeht: Der Frage nachzuspüren, wer wie und in welchen Städten zu welcher Zeit aufblüht, ist ein idealer Gradmesser für das Urbane an sich, dessen Definition über die Jahrtausende erstaunlich konstant bleibt. Die wache, ironische Distanz, mit der Sokrates seinen Athener Mitbürgern auf der Agora gegenübertritt, unterscheidet sich kaum von der lakonisch-lässigen Haltung, mit der die Dichterin Mascha Kaléko das vergnügungssüchtig wirbelnde und betriebsame Berlin der 1920er-Jahre in ihren Versen abbildet.
Es sind Beobachter und Flaneure, von Mäzenen aus der Oberschicht gefördert wie vor 2000 Jahren Horaz von seinem Förderer Gaius Maecenas oder heute Bodys Isek Kingelez von der Fondation Cartier.
Diese spielerisch distanzierte Haltung prägt nicht nur die Protagonisten, sondern auch den vorliegenden Band selbst, ein durch und durch urbanes Buch – wissend, leichtfüßig, vernetzend und kritisch. Philosophen werden ebenso als metropolitane Zeitzeugen herangezogen wie Maler, Geistliche, Literaten und Architekten.
Albrecht Dürer weilt in Nürnberg und Venedig, als beide Städte auf der Höhe ihrer Macht stehen. Edouard Manet bildet das Paris der von Baron Haussmann in die Altstadt geschlagenen Boulevards ab, und die italienisch-brasilianische Architektin Lina Bo Bardi im boomenden São Paulo dient als Fokus für die Stadt der Moderne.
Dass die Wahl bei diesem Konzept zwangsläufig auf hochsensible Charaktere als Protagonisten fällt, bleibt nicht ohne komische Aspekte. Denn diesen feinsinnigen Naturen liegen Wehleidigkeit und Schrulligkeit nicht fern. Etwa wenn Albrecht Dürer in seinen Briefen ebenso über die miese Auftragslage jammert wie Mozart drei Jahrhunderte später in den seinen.
Das ausführliche Tagebuch des Londoners Samuel Pepys, Zeitzeuge der Stadtkatastrophen Pest und Brand von 1665/1666, berichtet ebenso vom urbanen Leben in Zeiten von Zerstörung und Umbruch wie von der egoistischen Angst um den eigenen Besitz und den unzureichend vor der Gattin getarnten Frauengeschichten.
Dem gegenüber stehen ernstere Kapitel wie die Erforschung der Armenviertel von New York um 1900 durch Jacob Riis, der sich auf seinen Wegen durch die Slums von Manhattan die damals noch junge Erfindung der Fotografie zunutze macht, zwischen Sozialkritik, Anteilnahme und Bloßstellung oszillierend. Ähnliches taten zur selben Zeit in Wien der Journalist Emil Kläger und der Fotograf Hermann Drawe mit ihrem Werk "Wiener Quartiere des Elends und des Verbrechens".

Städte in Glanzzeiten sind seit jeher ein beliebter Topos, ob in Romanen, Filmen oder Analysen. Sir Peter Hall widmete dem Thema 1998 sein monumentales Werk "Cities in Civilization". Ob dort im Großen oder hier im leichthin erzählten Detail, überall wird deutlich: Im Wesen des Urbanen liegt die Begegnung mit dem Unbekannten, und Städte in ihren Blütezeiten sind von verstärkter Interaktion und Konfrontation geprägt. Gerade anhand der historischen Figuren des Buchs, den "Einzelwesen in der Polis", wie Rainer Metzger sie nennt, spannt sich die Stadt zwischen physisch-sinnlich erlebtem Raum und dem System des bürgerlichen Zusammenlebens auf: ein Dualismus, den die Griechen Asty und Polis, die Römer Urbs und Civitas nannten.
Wenig überraschend für einen Kunsthistoriker liegt der Schwerpunkt mehr auf den Biografien, und manchmal hätte man sich noch detailliertere Porträts der dazugehörigen Städte gewünscht. Trotzdem ist "Die Stadt" ein im besten Sinne bildungsbürgerliches Buch. Souverän wissend, wie von einem sympathischen Lateinlehrer leicht und unterhaltsam erzählt.
Mit Bildern, Fotos und Plänen kongenial illustriert liefert es die Erkenntnis, dass uns im Wandel der Städte der urbane Geist stets erhalten bleibt. So lässig, wie Sokrates einst durch Athen flanierte und Horaz das spatiare praktizierte, bewegen sich heute die in Designerkleidung aus dem Secondhandshop gewandeten Sapeurs durch Kinshasa. Der Flaneur stirbt niemals aus.

Maik Novotny in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 43)


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